|
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Friedrichshainer Chronik
Mai 2010
Die Menschen | Träumerei über den Dächern Die Kranführerin Johanna Hoffmann
Zwischen Sessel und Couch ist die Leseecke. Dort liegen ein paar Bücher, Zeitungen und Illustrierte, die Brille und die Fernbedienung für den Fernseher. Auf der Sofalehne kuscheln kleine niedliche Plüschtiere und gucken zur Schrankwand, in der mehrere eingerahmte Farbfotos aufgereiht sind. Familienbilder von den vier Kindern, fünf Enkeln und drei Urenkeln. Seit über fünfzig Jahren wohnt Johanna Hoffmann in ihrer Dreiraum-Wohnung im Stralauer Kiez, seinerzeit ein Neubau vom Typ (...) Editorial | Editorial
Liebe Leser!
»Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken«, schrieb mal ein kluger Mensch. Seine Feststellung ist so schlicht wie wahr, wie beispielsweise die alltägliche modische Geschichtsinterpretation eindrucksvoll belegt. So wird auf RTL bei der DSDS-Show gedankenlos von der »Peter Maffay-Hymne« Über sieben Brücken mußt du gehn gelabert, als ob die künstlerischen Urheber, eine Rockband namens Karat, völlig unbekannt wären. Oder (...) Die Straßen | Lenbachstraße
Sie als Schmuckkästchen zu bezeichnen, wäre gewiß eine Übertreibung, aber herausgeputzt hat sie sich tatsächlich in den letzten Jahren. Viele Häuser wurden saniert, manch Baulücke geschlossen. Die Langeweile ist vertrieben, Leben eingezogen. Dafür sorgen ein Waschsalon und ein Reisebüro, mehrere Cafés und Kneipen, ein vietnamesisches Restaurant, ein Geschäft für zauberhafte Spitzen-Dessous, ein Schmuckladen, in dem man seine eigene Perlenkette basteln kann, und nicht zuletzt das (...) Die Historie | Ausgangspunkt Chaos Dokumente von der Stunde Null
Friedrichshain war am 23. April 1945 größtenteils von der Naziherrschaft befreit, nur an einigen Stellen wie an den Hochbunkern im Volkspark setzte die SS bis zum 2. Mai den Kampf fort. Von den damals 20 Berliner Stadtbezirken hatte Friedrichshain nach Mitte den zweigrößten Zerstörungsgrad aufzuweisen. Fast ein Drittel der Gebäude hatte Totalschaden, ein Fünftel war schwer beschädigt, die Hälfte der Wohnungen zerstört. Von rund 200 Ärzten vor dem Krieg praktizierten noch 15, von (...) Die Geschäfte | Szenefrisuren mit Pfiff
Laura und Christian bleiben in der Eingangstür des Salons stehen und fragen, ob sie gleich einen Termin bekommen könnten. Nicht sofort, aber in einer Stunde könne er sie drannehmen, bescheidet ihnen der Meister. »Und Sie schneiden auch selbst, ich werde nämlich gern von Männern geschnitten«, will die junge Frau noch wissen, worauf sie ein »Selbstverständlich« zur Antwort erhält und zufrieden lächelnd abrückt.
Laufkundschaft, Neukunden – für Moritz Ansin alltägliche Normalität, wie (...) Die Geschäfte | Gelebte Gesichter
Die Plastiken im Raum sind anmutig und dürfen dennoch angefaßt werden. An den Wänden sind Grafiken und Bilder in kräftigen Farben oder zartem Pastell zu bewundern, und sogar die Paravents sind stilvoll verziert. Doch die Kunstgegenstände stehen in keiner Galerie, sondern in einem Kosmetikstudio. In dem von Franka Leister, die vor genau einem Jahr in der Grünberger Straße ihren Schönheitssalon eröffnete. Die Einrichtung zeugt sowohl vom Geschmack als auch vom Hobby der Chefin, die (...) Die Bühne | Amor, Arien und Häppchen
A tanto amor – natürlich geht es um die Liebe an diesem Frühlingsabend. Ergriffen lauschen die Zuhörer, als der Sänger die Arie vorträgt, aus Donizettis Oper La Favorita, einem Stück, dem es an perfiden Intrigen und schicksalhaften Leidenschaften fürwahr nicht mangelt. Gegen Amors Pfeil kann sich auch Angelica nicht wehren, deshalb läßt Georg Friedrich Händel sie in seiner Oper Orlando seufzen: »Verdi piante, erbette liete …« Zart und leise vorgetragen von einer jungen Künstlerin, (...) Die Orte | Nachbarn statt Inspektoren
Vielleicht wäre es eine Überlegung wert, im Zuge der heftig umstrittenen Bildungsreform auch daran zu denken, an den Schulen und Gymnasien wieder Wohnungen für die Direktoren und Rektoren, zumindest für Lehrer und Hausmeister einzurichten. Das war vor Jahrzehnten in Berlin nämlich durchaus üblich und hatte vermutlich seinen Sinn, wie beispielsweise an der Emanuel-Lasker-Oberschule an der Ecke Modersohn-/Corinthstraße noch heute zu sehen ist.
Die Schule wurde als (...) Die Literatur | Helga Piur: Kochschule im Hinterhof
Unsere Mutter starb 1945 kurz nach Kriegsende. Ihre Kräfte waren erschöpft und ihr Körper erlag den Strapazen. Ich war fünf Jahre alt und begriff sehr wohl, was mir da geschah. Der Tod einer Mutter ist der erste Kummer, den man ohne sie beweint. Den Tod zu überleben braucht Mut, Erinnerung und nie endende Liebe. (…) Meine Tante Lucie, die Schwester meines Vaters, war von dem Anblick so ergriffen, dass sie ihren Bruder bat, ihr doch dieses Kind zu geben, da er wohl keine Zeit (...) Mandy Meier | Vater- statt Muttertag?
Der Tatort hatte noch nicht begonnen, als Don Promillo vom sonntäglichen Frühschoppen wie eine Warnboje auf hoher See ins Wohnzimmer schwankte. Er plumpste neben Mandy auf das durchwummste Sofa und lallte »too drunk to fuck«. Auch wenn seiner Frau der alte Song der Dead Kennedys völlig unbekannt gewesen wäre, hätte sie gewußt, daß es Dieter heute nicht mehr nach ausuferndem Liebesspiel gelüstet. Dafür war sein vorabendlicher Drogenkonsum in Paules Metal Eck einfach zu (...) |

















