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Friedrichshainer Chronik
März 2010
Die Menschen | Der Beat in den Hüften Die Tänzerin Martina Weinheimer
Träge wälzt sich die Spree in den dunklen Berliner Winterabend. Durch die Fenster des alten Fabrikgebäudes kann man sehen, wie sich das fahle Neonlicht vom S-Bahnhof gegenüber auf dem trübem Wasser spiegelt. Doch die Männer und Frauen in dem großen Übungsraum, rund zwanzig an der Zahl, im Alter von vielleicht 25 bis 50, haben für solche Großstadtromantik kein Auge. Sie sind mit sich selbst beschäftigt, laufen durch den Saal, legen sich aufs Parkett, entspannen und dehnen sich, (...) Editorial | Editorial
Liebe Leser!
Natürlich sind mir die Friedrichshainer ans Herz gewachsen. Ich mag aber auch die Pariser. Weil sie zu ihrer eigenen Geschichte stehen und selbstbewußt damit umgehen. Beispielsweise gaben sie einer Metro-Station den Namen »Stalingrad«, nach der größten Schlacht im Zweiten Weltkrieg und zu Ehren des damaligen alliierten Waffenbruders Sowjetunion. Die Station an der Grenze des 10. und 19. Arrondissements heißt seit über 60 Jahren so. In Berlin wäre eine (...) Die Straßen | Helen-Ernst-Straße
Selbst eingefleischte Friedrichshainer zucken ahnungslos mit der Schulter, fragt man sie nach der Helen-Ernst-Straße. Das ist auch kein Wunder, denn diese Wegführung gibt es noch nicht einmal seit vier Jahren.
Sie beginnt hinter dem Ost- bzw. dem einstigen Postbahnhof und verläuft parallel zum Bahnviadukt bis unter die Warschauer Brücke. Es existiert dort kein einziges Wohn- oder Geschäftshaus, das diese Adresse trägt, abgesehen von einem riesigen Klops aus Beton und Glas. (...) Die Momente | Die Momente
Verdächtig
Die Gärtnerstraße ist abgesperrt. Vorm KARUNA-Café-Pavillon steht ein Polizeifahrzeug, mitten auf der Straße. Ein Mann lehnt mit gespreizten Armen und Beinen am Auto, wird von einem Polizeibeamten von oben bis unten abgetastet. Zwei, drei andere Männer stehen ebenfalls am Auto, verfolgen das Treiben gespannt, die Hände mit Handfesseln auf den Rücken gebunden. Unter ihnen ein auffällig Tätowierter, der wie ein Urenkel der Inkas aussieht. Auf dem Gehweg, vor der alten (...) Die Bühne | Kaderschmiede mit Prinzipal
Wenn der Hase im Rausch in die Höhle des Löwen marschiert, kann es passieren, daß er tolldreiste Verse von sich gibt. Etwa: »Ihr stauntet über Kiwis und Bananen,/und Geld war Palmoliv in euren Händen./Für uns war es die Chance, abzusahnen./Ihr wurdet zu lebendigen Legenden./Ihr kamt mit euren Trabis bis nach Hessen/und brachtet BMWs nach Leutzsch und Gära./Da gab’s kein ABS gegen Vergessen:/nur Servolenkung in die neue Ära ...« Keine Legende, sondern tatsächliche Begebenheit, als (...) Das Essen | Wodka, Knoblauch und Pelmeni
In dem wunderbaren DEFA-Film »Ich war neunzehn« gibt es eine unvergeßliche Szene: Unmittelbar nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands bereiten Soldaten und Offiziere der Roten Armee in einem Gutshaus auf einem Dorf vor Berlin ihre Siegesfeier vor. Natürlich mit einem russischen Nationalgericht, mit Pelmeni, kleinen Teigtaschen, die mit Hackfleisch gefüllt und in Wasser oder Brühe gekocht werden. Ein Soldatenkoch ist dabei besonders eifrig, nach jeder hundersten Pelmeni, die (...) Die Geschäfte | Fundgrube für Experten
Exakt nach dem Statik-Lehrbuch habe er damals die Berechnungen gemacht für den Neubau, unweit seiner eigenen Wohnung am Strausberger Platz, hätte der pensionierte Bauingenieur erzählt und dabei liebevoll über den alten Bucheinband gestrichen. Ihm sei es sichtlich schwergefallen, sich von seiner kleinen Privatbibliothek zu trennen, weil in den Büchern auch Lebenserinnerungen steckten.
So berichtet es Reinmar Schott, für den solche Begegnungen mit Büchern und Menschen Alltag (...) Die Orte | Nur in Begleitung von Kindern
Einen Tag nach den Volkskammerwahlen, am 18. Oktober 1954, wurde der imposante Bau am Strausberger Platz feierlich eröffnet, von keinem Geringerem als Wilhelm Pieck, dem Präsidenten der DDR: das Haus des Kindes. Mit seinem Ebenbild gegenüber, dem Haus Berlin, bildet es das Eingangstor zur Karl-Marx-Allee, damals Stalinallee, deren erster Bauabschnitt damit abgeschlossen wurde. Anders als die übrigen Gebäude des Prachtboulevards, die in traditioneller Ziegelbauweise errichtet (...) Die Literatur | Büxensteinlied
Im Januar um Mitternacht ein Spartakist hält seine Wacht er stand mit Stolz, er stand mit Recht stand kämpfend gegen ein Tyrannengeschlecht.
Und mit der Knarre in der Hand er hinterm Zeitungsballen stand Die Kugeln pfeifen um ihm rum Der Spartakist, er kümmert sich nicht drum.
Und donnernd dröhnt die Artillrie Spartakus hat nur Infantrie Granaten schlagen bei ihm ein Die Noskehunde stürmen Büxenstein.
O Büxenstein, o Büxenstein Spartakus sein, heißt (...) Mandy Meier | Revolutionsromantik
Weil kein einziger Tropfen mehr in der Wohnung aufzufinden war, beschlossen Mandy und Dieter im stillen Einverständnis, den Schlummer-Trunk außer Haus einzunehmen. Gleich schräg über die Straße, in der Eckkneipe, die es dort schon immer gab. In die sie bereits als Jugendliche manchmal eingekehrt waren, damals eine lebhaft frequentierte Begegnungsstätte der Arbeiterklasse, wo Kampftrinken in den Farben der DDR angesagt war.
Der Kneipenname war zwar geblieben, aber sonst hatte (...) |
















