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Friedrichshainer Chronik
Dezember 2005
Die Menschen | Glück oder Verzweiflung: Der Schauspieler Uwe Kockisch
Das Foto liegt zwar nicht auf dem Caféhaustisch, aber man sieht es bildlich vor sich: die großen neugierigen Augen der sechs- und siebenjährigen Jungen und Mädchen, die eingefallenen Wangen, ihre abgewetzte und fadenscheinige Bekleidung, oft noch aus alten Uniformen oder Decken zusammengenäht.
Im Hintergrund ein Transparent: »Für die deutsche Einheit!« Einschulung 1950 in Cottbus.
»Wenn jemand davon keine Ahnung hat, auch nicht weiß, was mich danach prägte, mir aber dann (...) Die Straßen | Die Simon-Dach-Straße
»Wollen wir nun, liebwerte Freunde, in meinem Namen – denn ich habe euch geladen – wie unter einem Dach zusammensein.« Mit diesem Wortspiel begrüßt Simon Dach im letzten Jahr des Dreißigjährigen Krieges die bedeutendsten deutschen Autoren seiner Zeit. Es ist freilich nur eine fiktive Zusammenkunft, aufgeschrieben von Günter Grass für »Das Treffen in Telgte«. So baut ein Dichter dem anderen ein kleines Denkmal.
Simon Dach wurde am 29. Juli 1605 in Memel, dem heutigen Kleipeda in (...) Die Geschichte | Warten auf Terletzky
Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Den kannte ich aus den Erzählungen meiner Großmutter, die den Großvater nach dem Krieg ausfindig machen wollte. Es gelang letztlich, nur da war die Großmutter schon tot. Aber immerhin, die drei Töchter, die eine meine Mutter, erfuhren vom wahrscheinlichen Schicksal meines Großvaters. Er starb in Gefangenschaft irgendwo am Don an einer Lungenentzündung.
Mit Terletzky* war das kein Schicksal, nicht der Inbegriff der unpersönlichen Kräfte, (...) Die Geschäfte | Die Söhne der Großen Bärin im Baby-Body
Red Fox ist ein Böser, Major Smith auch. Sie und die anderen »Langen Messer« sind gierig nach Gold, werden aber von den Guten, den Dakotas, in den Black Hills besiegt. An ihrer Spitze Mattotaupa, der Häuptling der Bärenbande, und sein Sohn Tokeiihto … Mein Gott, damals als Kinder waren wir alle Tokeiitho. Winnetou und Old Shatterhand kamen erst später nach Leipzig und Ostberlin. Aber »Die Söhne der Großen Bärin«, das Abenteuerbuch von Liselotte Welskopf-Henrich, haben wir (...) Das Trinken | Bersarin und der Schwarze Abt
Es gibt so Abende, da mag ich keinen Café au Lait und keine heiße Zitrone. Da ist mir auch nicht nach Kröver Nacktarsch oder Dornfelder Weißherbst. Und ich will weder Champus noch Kaviar. Vielmehr verlangt es mich nach Profanem und Frugalem. Dann hetze ich die Frankfurter Allee entlang, rase die Samariter hoch und biege rechts in die Schreinerstraße ein. Nach ein paar Metern bin ich gerettet und sitze endlich in einer kleinen feinen Wirtschaft.
Wie bei Nobelrestaurants (...) Die Momente | Die Momente
Pastinaken
Die ältere Dame gehört zur Stammkundschaft des LPG-Naturkostladens an der Ecke Krossener-/Seumestraße. Vor der Kasse greift sie eine Werbepostkarte, auf der gefragt wird, ob man Pastinaken kennt. Und wie auf Bestellung erzählt sie von dem Rezept, nach dem man die Pastinaken in dünne Scheiben schneidet, blanchiert, Walnußkerne grob hackt, in Butter anröstet, diese mit gehackter Petersilie den Pastinaken untermischt und als Beigabe zu Kurzgebratenem reicht. Die (...) Das Essen | Santeria mit Stock und Hut
Noch gilt das kleine Restaurant als Geheimtip, da es etwas abseits von den Szenemeilen liegt. Der ahnungslose Gast, der lediglich in Ruhe essen will, kann also schöne Überraschungen erleben. Etwa Samstag abends, wenn eine Fiesta Cubana angesagt ist und die DJs Reggaeton, Bachata oder Merengue auflegen. Oder sonntags nachmittags, wenn zuerst die Kinder und dann die Erwachsenen kostenlos Salsa tanzen lernen. Aber was soll’s, die Lebhaftigkeit ist genauso typisch kubanisch wie (...) Die Orte | Das Schmalzstullentheater
Der Musentempel thronte am anderen Ende der Welt. Wenn ein Zeitgenosse sich erkundigte Wie kommt man zum Ostend-Theater?, bekam er zur Antwort: Sie fahren bis Frankfurt an der Oder und marschieren dann ein Stück zurück. In der Tat: Als das Ostendtheater mit seinen 800 Plätzen am 23. Dezember 1877 in der Großen Frankfurter Straße 132 eröffnet wurde, belächelte man in Berliner Theaterkreisen die Neugründung im wilden Osten. Nämlich ein paar Meter weiter, an der Friedenstraße, am (...) Die Literatur | Paul Wiens: Der Wind auf der Warschauer Brücke
Der Wind auf der Warschauer Brücke, das Licht und der weiße Rauch … Weißt du, die brauch ich zum Leben … und deine Liebe auch.
Der Adam war’s, der Eva küßt’, und Berlin – liegt an der Spree. Und noch so ein offenes Geheimnis ist, daß ich dich ganz unheimlich gerne seh.
Der Heine sang die Loreley. Erst kommt Mai und dann – August. Und noch so ein offnes Geheimnis sei, daß du mich bald unheimlich lieben mußt!
Der Wind auf der Warschauer Brücke, das (...) Mandy Meier | Auch Pferde, Genosse!
Wie früher als Partisanen-Schulmädchen am Tag der Wehrbereitschaft schlich Mandy in den Keller. Unterm Arm mehrere Pakete – die Weihnachtsgeschenke für die Familie. Sie hatte ihren Einkaufsplan diesmal schon beizeiten erfüllt, weil sie dem Schnäppchen einfach nicht zu widerstehen vermochte. Nun mußte sie die Gaben gut verstecken, sollten sie nicht von ihrem Mann und den üblichen Verdächtigen vor der Bescherung entdeckt werden.
Mühsam schob sie den Riegel der schweren (...) |













