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Friedrichshainer Chronik
Dezember 2009
Die Menschen | Laufband und Familienbande Die Fitneßstudio-Betreiberin Daniela Ritter
Ilse strampelt schon fleißig. Seit Fünf nach Zehn sitzt sie auf dem Ergometer und tritt kräftig in die Pedalen. Zum Warmmachen. Genau das hat Daniela Ritter bereits hinter sich: lüften, wischen, staubsaugen, Sauna anheizen, Geräte mustern, die Saftbar hinterm Tresen auffüllen, E-Mails checken. Multitasking nennen das manche im modischen Neudeutsch, »selbst ist die Frau« sagt Daniela Ritter bescheiden, aber bestimmt. Schließlich gehöre das zu ihrer Profession als Fitneßtrainerin (...) Die Straßen | Palisadenstraße
Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688–1740) war kein einfältiger, tumber Kommißkopp, sondern ein weitsichtiger Monarch, der sein Preußen durchaus mit politischem und ökonomischem Sachverstand regierte. So sah er schon recht frühzeitig das wirtschaftliche und Bevölkerungswachstum von Berlin voraus, das die alten Stadtmauern bald sprengen würde. Also ließ er eine neue Akzisemauer errichten, im wesentlichen zwischen 1734 und 1737. Die Umwehrung bestand vor allem im Norden (...) Die Reportage | Kiezperlen Weiberwirtschaft im Samariter-Viertel
Am Anfang war das Logo. Nur in dieser Geschichte nicht. Das berichtet jedenfalls Heike Seelig. Dabei war sich die 41jährige Grafikdesignerin aus der Samariterstraße ihrer Sache ziemlich sicher. Sie hatte lange gegrübelt, gezeichnet, entworfen und verworfen, bis das Signet vorlag – und der 16jährige Sohn es für gut befand. »Und wenn mein Sohn sagt, das ist cool, dann ist das auch cool«, sagt sie stolz. Aber als sie dann in der geselligen Runde ihre Entwürfe vorlegte, flog ihr (...) Das Trinken | Schöne Schweinerei
Jeden Augenblick könnte Franz Bieberkopf reinkommen, von gegenüber, gleich nach der Schicht. So, wie vor hundert Jahren die Männer in diese Destille an der Ecke kamen, bei Molle und Korn ihr Geld versoffen und Soleier, Brathering oder Löffelerbsen futterten, wenn es im Zentralvieh- und Schlachthof an der Eldenaer Straße Lohn gegeben hatte. So, wie zu DDR-Zeiten die Werktätigen vom VEB Fleischkombinat Berlin hier ihre Prämien als »Kollektiv der sozialistischen Arbeit« auf den (...) Die Geschichte | Sandmännchens Bauklötzer
Lieselotte und Lukas hingen an der Angel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie quietschten vor Vergnügen, als sie fette Karpfen und tolle Hechte aus dem Karton-Aquarium fischten, ich jedoch nur einen ausgelatschten Schuh. Kein Zweifel, den Kindern gefiel das Spiel mit der Magnet-Angel und den Papp-Fischen, dem auch ich einst als Kind mit Eifer verfallen war. Aber ich hatte es nicht in einer alten Spielzeugkiste über die Jahrzehnte gerettet, sondern neu erstanden. Bei (...) Die Praxis | Gelenke, Herz und Verdauung
An der Wand im Behandlungsraum hängt ein altes Gerät mit abgegriffenem Holzschaft, dessen Bestimmung der Laie nicht gleich deuten kann. Aber die Erklärung leuchtet dann sofort ein: Damit wurde Pferden einst das Maul aufgesperrt, um deren Gebiß zu untersuchen.
Die altertümliche Utensilie hat Katharina Fischer-Garten von ihrem Großvater geerbt. Der war Hufschmied gewesen und hat wahrscheinlich Schuld daran, daß seine 1953 in Berlin geborene Enkelin alle Roßtäuschertricks kennt (...) Die Orte | Das erste Haus am Platz
Langes Handtuch wurde es vom Friedrichshainer Volksmund genannt, das Elektra-Theater in der Warschauer Straße 26. Eines der ältesten Kinos im Berliner Osten, dessen erster Betreiber Carl Gabriel war, ein bekannter Schausteller, der sich auf dem Münchener Oktoberfest mit »Exotenshows« und dem »Hippodrom« einen Namen gemacht hatte. Von 1907 bis 1963 liefen im Elektra Filme wie »Die Geheimnisse von Berlin« oder »Die Herrin des Nils«, es gab 164 Sitzplätze, darunter Loge und (...) Die Literatur | Katrin Girgensohn:Palisadenstraße 1998
Durch die Palisadenstraße ewig aufgerissen die Autoschlange steht es bleibt bei Tempo 30 die Kinder, schreiend, spielend streichen Plattenbautenkiesverkleidungen entlang umrunden halbverdaute Hundescheiße unter den Balkonen Bäcker Heiders Brötchen duften die zwei Gemüsetanten tratschen über trainingsbehoste Dauerautowäscher die Holzpaletten der denkmalgeschützten Fabrik modern auf feuchter Wiese neben dem toten Wehrkreiskommando Hausbesetzer brüllen (...) Mandy Meier | Berufswahl
Es glich schon einer Abenteuerexpedition ins Mato Grosso, daß Mandy und Gabi ihre Göttergatten überreden konnten, einmal die heimatlichen Gefilde um den Boxhagener Platz zu verlassen – zu einem Herbstspaziergang im Volkspark Friedrichshain. Dieter und Fred trotteten dann allerdings nicht wegen der gesunden frischen Luft brav hinter ihren Frauen her, sondern weil nach dem Gewaltmarsch ein anständiges Bier als Belohung winkte. Auf der Friedenstraße, Höhe Büschingstraße, (...) |

















