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Friedrichshainer Chronik
November 2009
Die Menschen | Eiserne Hochzeit. Das Ehepaar Ilse und Waldek Treue
Auf dem Schränkchen stehen noch die Blumen und Geschenke zur Eisernen Hochzeit. Draußen, auf der Stralauer Allee, rollt und rollt der Verkehr. Ilse und Waldek Treue können ihn durch ihr Wohnzimmerfenster beobachten. Nur das ständige Brummen und Rauschen hören sie kaum noch, seitdem im Haus diese Schallschutzfenster eingesetzt wurden. Die schlucken den Verkehrslärm. Eine segensreiche Neuerung.
Auch sonst hat sich in der Gegend viel verändert: Über die sanierte Oberbaumbrücke (...) Die Straßen | Am Oberbaum
Von Arbeitern war nicht die Rede. Aber Arnold und Wilhelm von Siemens weilten höchstpersönlich vor Ort, sodann die Herren vom Aufsichtsrat der Firma Siemens & Halske AG, Direktoren, Staatsminister a. D. James Hobrecht, insgesamt etwa 200 Personen. Nur »eine große Zahl der preußischen Minister und der Staatssekretäre, auch der Reichskanzler« waren leider »durch parlamentarische und andere Arbeiten verhindert, an der Fahrt theilzunehmen. Sie hatten ihr Interesse an der Sache (...) Die Geschichte | Die falsche Richtung
Wir lagen wohl gerade vor der Glotze, Paola, Andi und ich.
Andi war ein paar Wochen zuvor abgehauen. Republikflucht über Budapest, raus aus diesem Land DDR. Aber der Reihe nach.
Wir wohnten also in Paolas Zweiraumwohnung, drei Leute, ein Zimmer. Der Boden war das Bett und die Glotze unser Altar. Täglich Neues aus dem Osten, aus der Heimat, aus Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Da drüben ging immer mehr die Post ab, sogar Lieschen Müller und Anhang schienen (...) Das Trinken | Wundertäter und Bio-Bier
Charly Marx hätte sich hier auch wohlgefühlt. Der große Denker, der »bookworming«, das Wühlen in Büchern, einst als seine Lieblingsbeschäftigung nannte. Klar, er würde vor dem Café in den roten Bücherkisten kramen, drinnen zwischen den Bücherregalen stöbern und sich gewiß ein Plätzchen suchen, um in Ruhe zu schmökern. Wie heute die Oma und der Punk, die nach Lektüre forschen, wie die Studentin, die es sich auf der breiten Fensterbank bequem gemacht hat und liest.
Im Tasso auf der (...) Das Lernen | Computer, Bücher und Klaviere
Im Direktorenzimmer der Schule gibt es weder einen klobigen Eichenholzschreibtisch noch einen schweren Ledersessel. Es ist bescheiden und zweckmäßig eingerichtet, in den hellen Regalen stehen neben ein paar Aktenordnern vor allem Bücher: Lexika, Schullektüre und Fachbücher, dazwischen Belletristik. »Ich brauche Bücher, damit ich mich wohlfühle«, betont Sebastian Koven und erzählt, daß er mit Büchern aufwuchs. Kein Wunder bei einem Großvater, der einst als Verleger im Akademie-Verlag (...) Die Orte | Mauer, Zoll und Steuern
»Am Stralauertor stand das Wiesenwasser so dicht an der Stadtmauer, dass kein Weg aussen, auch nicht an der inneren Seite möglich war. Der Weg ging deshalb nun durch die Mühlenstraße in die zum Teil ungepflasterte Fruchtstraße. Auf einer Stelle lagen Bohlen über einem die Straße kreuzenden Wiesengraben, der …, die Stadtmauer mittels einer mit Eisenstäben vergitterten Öffnung durchbrechend, die Wiesen innerhalb der Stadtmauer be- und entwässerte.« So berichtete im Frühjahr 1840 ein (...) Die Literatur | Malte Kerber: Auf der Oberbaumbrücke
Durch meine Stadt noch immer fließt die Spree, formt mir, seit ich denk’, die Heimat, mein Zuhause-Sein. Ein Jedes noch immer findet sein leichtes oder mühsam’ Ende, wie ein Neues doch stets nach dem Anfang fragt. In meinen Träumen der Fluss mir spiegelt noch immer Erinnerungsbilder, wie mir sein Fließen hält wach die Neugier auf das Unentdeckte. In seinen Wellen noch immer drückt Vergangenes schwer, doch murmelt er mir unterm Geländer Endlos-Geschichten vom Aufbrechen. (...) Mandy Meier | Westbesuch
Zu spät hatte Mandy das Pärchen wiedererkannt, das direkt neben dem Kneipeneingang saß. »Flucht ist zwecklos« flüsterte Mandy der verblüfften Gabi zu und bugsierte sie zu dem Tisch, von dem der Mann und die Frau schon ganz aufgeregt winkten. Mandy hatte Waltraud, die alte Kollegin, und Detlef, deren Angetrauten, das letzte Mal im Westfernsehen gesehen, aus dem Fenster eines Zuges jubelnd, der aus Prag kam. Seitdem waren 20 Jahre vergangen.
»Na, mal wieder zu Besuch in der (...) |















