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Friedrichshainer Chronik
April 2009
Die Menschen | Gesten mit Kopf und Fuß. Die Tanzlehrerin Susanne Rinnert
Getuschel, Gekicher, Gehüpfe, dann Ruhe. Die Übungsstunde beginnt mit Position Eins: aufrecht stehen, die Füße – Ferse an Ferse – bilden einen Winkel von 180 Grad. Die etwa 20 Mädchen und drei Jungs, alle zwischen acht und zwölf Jahren, kennen
Fotos: Anna Ambach
schon das ABC des klassischen Balletts. Sie gehören zur Förderklasse Kindertanz, die mindestens einmal wöchentlich bei TanzZwiEt trainiert, in der Tanzschule am Strausberger Platz, gleich hinter dem einstigen Haus des (...) Die Straßen | Mühsamstraße
Für Friedrichshainer Verhältnisse ist die Steigung beachtlich. Immerhin über zwölf Meter Höhenunterschied müssen bewältigt werden, erklimmt man die Mühsamstraße vom Weidenweg bis zur Ecke Thaer-/Eldenaer Straße: von 36,11 auf 48,39 Meter über dem Meeresspiegel. Kein Wunder, liegt die Straße doch direkt auf dem Ausläufer des Barnims. Ein riesiges Areal, das einst zum Großteil der Brauerei-Familie Bötzow gehörte und in den Gründerjahren mit beträchtlichem Gewinn verkauft wurde. 1893 (...) Die Reportage | Mit Fransenhemd und Stetson-Hut. Nachbetrachtung zu einer Country Music Messe
Die S-Bahn-Tür öffnet sich am Bahnhof Warschauer Straße und herein lungert ein Typ mit Gitarre, der in Fantasieenglisch Johnny Cash anstimmt. »Because your mine, I walk the line« klingt bei ihm wie »Wejo, wejo, ei doh wej doh«. Die Bahnfahrenden ignorieren ihn. Vielleicht weil er ihnen unfreiwillig vorspiegelt, wie inhaltsleer sie sind. Wenn du an dieser neuen Sport- und Pop-Event-Arena vorbeifährst und auf dem Weg zur 14. internationalen Country Music Messe bist, die gerade im (...) Die Geschäfte | Latte Macchiato im Fotostudio
Große dunkle Kinderaugen schauen den Betrachter von den Wänden an. Die großformatigen Schwarzweißbilder sind Blickfang in dem hellen Geschäft. Die Fotos machte Thomas Hausstein vor ein paar Jahren in Südafrika. Momentaufnahmen, Alltags- und Straßenszenen, die zugleich eine Handschrift verraten, Haltung und Sichtweise. Und wie zur Bestätigung erklärt Hausstein, daß zu seinen Vorbildern unter den großen Fotografen Thomas Billhardt gehört, dessen Reportagefotos aus Vietnam oder (...) Die Momente | Die Momente
Kälte
Der Frühling ist ausgetrickst, der Winter hat noch mal gezuckt und die Stadt mit Frost und Schnee zugedeckt. Nachmittag und Abend verschmelzen gerade miteinander, und zwischen Kosmos und Kabarett Charly M. schiebt eine alte Frau mühsam ihren Rollator in Richtung Karl-Marx-Allee. Unsicher tappt sie durch den gefrorenen Matsch, bleibt immer wieder stehen, um nicht auszurutschen oder hinzufallen. Sie ist nur mit einer Hose und einem dünnen gelben Pullover bekleidet, (...) Das Lernen | Chinesisch, Betragen, Fleiß und Mitarbeit
Die Zebra-Klasse hat Pause. Zwei Doppelstunden Mathe und Sport liegen bereits hinter den rund zwanzig Erstklässlern. Ein paar Kinder spielen im klasseneigenen Hortraum, der sich gleich ans Unterrichtszimmer anschließt, einige trinken etwas oder essen ein Häppchen, andere sortieren ihre Mappen. Ein Mädchen mit keckem Pferdeschwanz grüßt den fremden Besucher höflich und fragt vertrauensvoll: »Wer bist du denn?«
Es geht fröhlich und lebhaft zu, ohne wilde Toberei und (...) Die Praxis | Erfolgserlebnisse an der Werkbank
Eine richtige Profi-Werkbank steht im Raum, an der tatsächlich gesägt, gebohrt, gefeilt und gehämmert wird. Davon zeugen die mühsam hergestellten Produkte aus Holz: Flugzeuge sind derzeit der Renner, aber auch Schiffe mit Aussichtskorb am Mast werden gern gebastelt, kleine Krokodile auf Rädern oder Bastkörbe.
Gewisse handwerkliche Fähigkeiten sind also gefragt, wenn Solveig Promny täglich ihre kleinen oder großen Klienten betreut. Kein Problem für die 42jährige, das Praktische (...) Die Orte | Porno fürs Politbüro?
Bierernst, ungeniert und im Brustton tiefster Überzeugung verkündet es ausgerechnet ein landeseigener Jugendradio-Sender offiziell auf seiner Website: »Ganz früher haben sich im Kino INTIMES mal wohlhabende DDR-Obere mit Damen aus dem verruchten Milieu erst zum Hauptgang und anschließend im Pornokino zum Nachtisch getroffen. Deshalb INTIMES …« Wären sie noch hauptberuflich aktiv, würden die verantwortlichen Genossen aus der Abteilung Agitation und Propaganda des ZK der SED sofort (...) Die Literatur | Margarete Drachenberg: Hegelianer in Stralau
Nach den Sommerferien wechselte Marx zur Universität von Berlin, wo die geistigen Nachfolger Hegels, der dort von 1818 bis 1831 den Lehrstuhl für Philosophie innegehabt hatte, sich um dessen Erbe stritten. Als Student an der juristischen Fakultät hatte er im Hörsaal einen Platz in der ersten Reihe, doch lange konnte er nicht den Versuchungen der Hegelschen Philosophie widerstehen. Um sich davon abzulenken, versuchte er sich vergeblich in der Abfassung einer Rechtsphilosophie (...) Mandy Meier | Das Erbe von Timurs Trupp
Dunkel war’s, der Mond schien helle. Am S-Bahnhof Warschauer Straße hatten Mandy und Dieter noch einen Sitzplatz in der Straßenbahn ergattert. Doch schon an der Revaler Straße wurde es in der M 13 rappelvoll. Mit ihrem Mann schweigend ins Gespräch vertieft, registrierte Mandy in stiller Bewunderung, wie er plötzlich aufsprang und seinen Platz höflich einer Schwangeren anbot. Die junge Frau mit schwarzem Kopftuch nahm das Angebot dankend an, ungläubig erstaunt, als müsse sie ein (...) |


















