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Friedrichshainer Chronik
November 2005
Die Menschen | Einer trage des anderen Last: Die Ärztin Jenny De la Torre Castro
Das Leben ist eine Baustelle. Im Parterre werden krachend Zementsäcke abgeladen, nebenan wummert ein Preßlufthammer. Das Büro in der zweiten Etage zählt zu den wenigen Räumen, die bereits neu gemalt sind. Die Umzugskartons müssen jedoch noch ausgepackt werden. Inmitten des Chaos’ behält die kleine dunkelhaarige Frau Ruhe und Übersicht. Wie ein gewiefter Baustellenleiter dirigiert sie die einzelnen Gewerke. Vermutlich kommt sich Jenny De la Torre Castro vor wie eine (...) Die Straßen | Straße der Pariser Kommune
Wundersam ist es schon, daß bei der Straßenumbenennungseuphorie in den letzten Jahren gerade diese eine verschont blieb. Um so seltsamer, da in unmittelbarer Nachbarschaft beispielsweise die alte Rüdersdorfer ihren Namen zurückerhielt, nachdem sie zwischenzeitlich von der DDR-Obrigkeit den des französischen Gleichheitskommunisten Babeuf verliehen bekam. Doch ausgerechnet die Pariser Kommune blieb unangetastet. Ein Name, der eigentlich – dem Zeitgeist entsprechend – (...) Die Reportage | Leckermäulchen statt Kaviar
Der Laden brummt. Schon acht Wochen nach seiner Eröffnung im März 2004 trug er sich selbst. Seitdem steigt der Umsatz, zwar nicht atemberaubend, aber stetig. Auch die Zahl der Stammkunden wächst kontinuierlich, fast 4.000 sind es mittlerweile, die regelmäßig in diesem Geschäft einkaufen. – Ergo schlechte Zeichen in schwierigen Zeiten. Indizien für die wachsende Armut, die auch in Friedrichshain Adressen mit Straßen und Hausnummern hat und wo Kinderhunger, Suppenküche und (...) Die Geschäfte | Tina Turners Beifahrer
Keine Brüllerei, kein wildes Gestikulieren. Entspannt sitzt er auf dem Beifahrerplatz, wirft einen Kontrollblick auf die extra angebrachten Innen- und Außenspiegel. Vor den Füßen Kupplungs-, Brems- und Gaspedal – »meine Lebensversicherung«, wie Peter Mitt schmunzelnd meint.
Die Gelassenheit des Lehrers überträgt sich auf den Schüler. Routiniert steuert Mario den Wagen durch die Finowstraße, die von Parkplatzrambos in der zweiten Reihe arg verengt ist. Vorfahrt beachten, auch den (...) Das Essen | Grüße von den Kordilleren
Erstaunlich und erfreulich: Es gibt in Berlin noch Restaurants, die bedürfen keiner Mogelpackung. Das Friedrichshainer Caimán ist so eins. Da steht Chile drauf, und da ist Chile drin. Zwar unaufdringlich, doch unübersehbar. Im Inneren der Kneipe wird der Gast nicht von einer volkstümelnd-latinomäßigen Dekoration erschlagen. Hier wird auch kein Kult mit Popikonen zelebriert, sondern Heimatliebe und Lebenshaltung gezeigt. Statt Sombreros und Macheten entdeckt man hinterm Tresen (...) Die Geschichte | Ein Friedrichshainer im Exil
Ich bin ganz aufgeregt. Denn heute abend besucht uns Herr D., mein guter alter Bekannter, der berühmte Kolumnist einer renommierten Tageszeitung. Zur Wiedersehensparty will er sogar noch ein paar Freunde sowie seine neue Lebensabschnittspartnerin mitbringen. Schließlich sollen die auch mal leibhaftig erfahren, welche Entbehrungen unsereiner erdulden muß und sich dabei selbst treu bleiben kann. Das war und ist nämlich gar nicht so einfach.
Herrn D. kenne ich seit dem (...) Die Orte | Vergnügungstempel für Arme
»Sie wollten ein neues Deutschland und bekamen nur eine Zeitung.« Als der sarkastische Spruch seine Runde machte, in den 70er und 80er Jahren, saß besagtes Blatt noch fest am Platz. D. h. in dem riesigen, eigens für das »Zentralorgan« errichteten Redaktionsgebäude und der gleich dahinter angeschlossenen Druckerei am Franz-Mehring-Platz, bis 1972 Küstriner Platz genannt.
Genau an dieser Stelle, zwischen Rüdersdorfer Straße und Am Wriezener Bahnhof, war von 1867 bis 1882 Berlins (...) Das Trinken | Ausgewogene Hopfenbitternis
»Lieber ein wackliger Stammtisch als ein fester Arbeitsplatz.« Dieser heute unglaubliche Satz war tatsächlich mal ein Witz, über den man sich vor vielen, vielen Jahren ohne Arg amüsieren konnte. Die Zeiten sind vorbei, doch der Stammtisch ist geblieben. Auch der im Ambrosius-Bier-Club in der Warschauer Straße, genau zwischen Kopernikus- und Gubener Straße gelegen. Immer noch der Inbegriff von Wonne für eine Schar trinkfester Männer und Frauen, die wie ich am Tage angestrengt (...) Die Literatur | Sven Regner: Komische Sache
Gegen eins kam dann jemand herein, stellte sich neben die beiden an den Tresen und bestellte ein Bier. »Hast du schon gehört?« fragte er den Mann hinter der Bar.
»Was denn?«
»Die Mauer ist offen.«
»Ach du Scheiße« ...
Herr Lehmann guckte um sich. Der Barmann erzählte es anderen Leuten, und die Sache schien sich herumzusprechen. Es gab aber keine große Aufregung, alle machten weiter wie bisher.
»Naja, wenn das stimmt … Kann doch sein«, sagte Herr Lehmann. »Und wenn schon, was (...) Mandy Meier | Unsere ganz große Koalition
Kaiserwetter, Mittagspause. Weil die volkseigene Betriebskantine längst entsorgt war, mußte Mandy Meier, wollte sie werktags ihren Hunger stillen, einen Imbiß oder eine Gaststätte aufsuchen. Die anderen im Treppenhaus bigott »Mahlzeit« grüßend, verließ sie das Bürogebäude, im Schlepptau ihre Kollegin und Busenfreundin Gabi Krüger.
Vor der Warschauer Brücke warteten sie auf das Grün der Fußgängerampel und visierten die Dönerbude an, als zwei Polizeimotorräder mit Blaulicht angesaust (...) |

















