|
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Friedrichshainer Chronik
Mai 2006
Die Menschen | »Hallo Chaos, räum’ mich bitte wieder auf!« Der Straßenmusiker Rico Diessner
Meinetwegen, nenne es einfach Schicksal. Der eine macht es sich selber, der andere bekommt es fertig geschenkt. Diesen drückt es als Last, jenen beflügelt es. Und das Rotweinglas ist dann entweder halbleer oder halbvoll.
Rico Diessner, so scheint es, ist eine Frohnatur: kommen, gucken, staunen. Leben und leben lassen. So ein bißchen Sonntagskind, dem ständig ein Engelchen auf die Herzklappe pullert. Ein Bauchmensch, dem das Glück hinterher rennt. Dem niemand etwas böses (...) Die Straßen | Der Bersarinplatz
Lobby ist die landläufige Bezeichnung für eine Klientel, die Politiker – nun ja, verzichten wir auf das böse Wort »kaufen« – berät. Lobby wird aber auch der Vor- oder Empfangsraum eines Gebäudes genannt oder ein Wandelgang. Schlendert man beispielsweise über den Wandelgang um den Sitzungssaal im Berliner Abgeordnetenhaus, so kann man viele Bilder von ehrwürdigen Ehrenbürgern Berlins betrachten. Darunter ein großformatiges Schwarzweißfoto, das von Nikolai Bersarin, des ersten (...) Die Reportage | Greif zur Feder, Kumpel! Friedrichshain – wie es schreibt und liest
Ja, man darf von einem literarischen Leben in Friedrichshain sprechen. Schließlich wohnte der damals anarchistisch angehauchte Johannes R. Becher in jungen Jahren in der Memeler Straße (heute Marchlewskistraße), und Alfred Döblin lebte und arbeitete zwischen 1913 und 1930 in der Frankfurter Allee. In den 70er und 80er Jahren besaß Friedrichshain Horst Bastian, der seinen Schreibtisch ins Café Warschau in der Karl-Marx-Allee verlegt hatte. Dort saß er fast täglich seit (...) Die Geschäfte | Pillen, Pulver und Tinkturen
Mit großer Wahrscheinlichkeit kennt Karin Wolski den Krimi von Ingrid Noll Die Apothekerin. Vielleicht hat sie sogar die Opera Buffa von Heinrich Sutermeister Seraphine oder Die stumme Apothekerin gehört. Ganz gewiß aber kennt sie aus der griechischen Mythologie die Geschichte von Aesculap:
Jener wurde vom Gott Apollon mit der schönen Koronis gezeugt. Nachdem diese ihn aber mit einem Sterblichen betrogen hatte, brachte Apollon sie um. Er zog den Körper des ungeborenen (...) Die Momente | Die Momente
Winkekatzen
Komisch, vor ein paar Tagen zum Wochenmarkt am Boxhagner Platz standen die putzigen Dinger noch in Reih und Glied beim Vietnamesen mit seinem Discountzeugs. Eine Woche später fehlen sie plötzlich im Angebot, diese drolligen bunten oder goldfarbenen Katzen aus Plastik oder Blech. Wurden sie etwa aus Gründen der Political Correctness von der Verkaufsfläche verbannt, weil sie ständig einen Arm hochreißen, als ob sie »Heil Hitler!« grüßen? Das hätten dann die Japaner (...) Das Essen | Das Erbe der Maori
Was stellt man sich unter neuseeländischem Essen vor? Nun, zunächst einmal Lamm, ganz sicher. Da die scheuen und nachtaktiven Kiwis, das neuseeländische Wappentier, vom Aussterben bedroht sind, vermuten wir sie eher nicht auf der Speisekarte. Wir bleiben ratlos. Grund genug, Neuseeland zu besuchen. Da wir am nächsten Tag wieder arbeiten müssen, schlendern wir einfach zum Traveplatz und entern das Ao Tea Roa, Berlins einziges neuseeländisches Restaurant.
Wir lassen uns an (...) Das Trinken | Himmlische Barhocker
Großen und kleinen Wundern kann man im Kiez auf Schritt und Tritt begegnen. Doch wer durstig ist und böse Überraschungen von vornherein vermeiden möchte, sollte um die Touri-Fallen in einer bestimmten Straße einen weiten Bogen schlagen. Vielleicht mit einem Radius, der bis zum Traveplatz reicht. Genau dort, Ecke Oder-/Weichselstraße, kann man sich nämlich verblüffen lassen. Und zwar äußerst angenehm, wenn man das Café Schmitt’s betritt.
Was in grauer Vorzeit vermutlich eine (...) Die Orte | Transit zwischen Leben und Tod
»Hier lang!« Das Kind zerrt die Mutter hinter sich her. »Ich will in den Park!« Mütter flüchten oft hierher; mit Kinderwagen, ohne Kinderwagen, aus gutem Grund oder einfach so. Der Park liegt halbversteckt hinter der kleinen Kapelle in der Boxhagener Straße 99. Bei den Erwachsenen heißt der Park schnöde Friedhof, aber das ist dem Kind egal.
Ein paar Schritte abseits von der lauten Boxhagener, in deren Mitte alle paar Minuten die Straßenbahn vorbeirattert, befindet man sich (...) Die Literatur | Horst Bastian: Damit es kein Liebhaber klaut
Im Treppenhaus kein Kohlgeruch mehr, kein Duft mehr von Bratkartoffeln. Klamme Zugluft und abgetretene Stufen. Dich an der Hand, ging ich voraus. Du bremstest auf eurer Etage. Preßtest das Ohr an die Wohnungstür. Gemurmel dahinter, nicht deutlich für mich. Du klappertest mit den Zähnen, hieltest die Hand vor den Mund. Nun, ohne das Rot deiner Lippen, war dein Gesicht wie die putzgraue Wand. Dich jetzt noch zu fragen, wäre sinnlos gewesen, nein, Quälerei (…)
Hinterhof, (...) Mandy Meier | Duftmarken und Frühlingsgefühle
Endlich! Es hatte diesmal erbärmlich lange gedauert, bis Mandy nach ihrem wohlverdienten Feierabend wieder auf einer Parkbank am Boxhagener Platz die Beine ausstrecken und die Seele baumeln lassen konnte. Die ersten warmen Sonnestrahlen verführten regelrecht dazu und ließen ein paar Meter weiter, vorm Kiezladen 21, die Hunde verrückt spielen und Duftmarken setzen. Ihre lichtscheuen Herrchen und Frauchen gehörten offensichtlich zu einer bildungsfernen Volksgruppe mit hoher (...) |

















