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Friedrichshainer Chronik
Mandy Meier
Dezember 2010 | Berufswahl
Es glich schon einer Abenteuerexpedition ins Mato Grosso, daß Mandy und Gabi ihre Göttergatten überreden konnten, einmal die heimatlichen Gefilde um den Boxhagener Platz zu verlassen – zu einem Herbstspaziergang im Volkspark Friedrichshain. Dieter und Fred trotteten dann allerdings nicht wegen der gesunden frischen Luft brav hinter ihren Frauen her, sondern weil nach dem Gewaltmarsch ein anständiges Bier als Belohung winkte. Auf der Friedenstraße, Höhe Büschingstraße, (...) Juli 2010 | Papa-Picknick
Die Sonne hatte noch keine Lust zu gehen. Mark-Anton zerlatschte den Kuchen von Thalia, Artur, der kleine Engel, knallte Campino seine Schippe auf den Kopp, und Lillifee kippte einfach ein Eimerchen Sand über Friedrich-Alexander aus. Sozialdarwinismus im Buddelkasten. Überlebenstraining für den Bodenkampf in Kundus. Auf dem Weg von der Kita in die Heia lebte die Friedrichshainer Pampers-Mafia ungeniert ihre Selbstverwirklichung aus. Natürlich unter wohlwollender Observation (...) Juni 2010 | Nomen est omen
Charis sei ein wunderschöner Mädchenname, die Göttin der Anmut, leider viel zu schwer zu schreiben, seufzte Gabi. Dann sollte ihre Schwester das bald zu gebärende Kind doch lieber Kevin-Prince oder Cindy nennen, überlegte sie laut und nippte an ihrem Cointreau, während Mandy im Korbsessel vor dem Café am Boxhagener Platz nervös hin und her rutschte und den Kopf schüttelte. »Wer so heißt, wird in der Schule immer benachteiligt«, erklärte sie ihrer Busenfreundin kategorisch. »Warum (...) Mai 2010 | Vater- statt Muttertag?
Der Tatort hatte noch nicht begonnen, als Don Promillo vom sonntäglichen Frühschoppen wie eine Warnboje auf hoher See ins Wohnzimmer schwankte. Er plumpste neben Mandy auf das durchwummste Sofa und lallte »too drunk to fuck«. Auch wenn seiner Frau der alte Song der Dead Kennedys völlig unbekannt gewesen wäre, hätte sie gewußt, daß es Dieter heute nicht mehr nach ausuferndem Liebesspiel gelüstet. Dafür war sein vorabendlicher Drogenkonsum in Paules Metal Eck einfach zu (...) April 2010 | Steuersünden
Zweifellos liebte es Mandy, wenn sich ihr Mann hin und wieder im gemeinsamen Haushalt nützlich machte. Nachdem sie neulich von der Arbeit nach Hause gekommen war, huschte also ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht, als sie ihren Dieter auf dem durchwummsten Sofa im Wohnzimmer hocken sah. Unter dem Couchtisch ein angebrochener Kasten Bier, darauf der summende Laptop, mehrere Steuerrecht-CDs und ein Stapel Fachbücher über 1.000 legale Steuertricks. Dieters Gehirnzellen (...) März 2010 | Revolutionsromantik
Weil kein einziger Tropfen mehr in der Wohnung aufzufinden war, beschlossen Mandy und Dieter im stillen Einverständnis, den Schlummer-Trunk außer Haus einzunehmen. Gleich schräg über die Straße, in der Eckkneipe, die es dort schon immer gab. In die sie bereits als Jugendliche manchmal eingekehrt waren, damals eine lebhaft frequentierte Begegnungsstätte der Arbeiterklasse, wo Kampftrinken in den Farben der DDR angesagt war.
Der Kneipenname war zwar geblieben, aber sonst hatte (...) Februar 2010 | Stylisches Tagesoutfit
Eigentlich verabscheute es Mandy, sich mit ihrer Busenfreundin zum wöchentlichen Kaffeekränzchen in einem dieser coolen Internetcafés in der Simon-Dach-Straße zu treffen. Doch kaum hatte sie sich an den Tisch gesetzt, klappte Gabi den mitgebrachten Laptop auf und erklärte rücksichtsvoll wie ein somalischer Pirat, weshalb sie diesen Treffpunkt vorgeschlagen habe: »Wenigstens einmal im Leben zur digitalen Bohème gehören!«
Gabi surfte und Mandy schlürfte einen Prosecco, blickte (...) November 2009 | Westbesuch
Zu spät hatte Mandy das Pärchen wiedererkannt, das direkt neben dem Kneipeneingang saß. »Flucht ist zwecklos« flüsterte Mandy der verblüfften Gabi zu und bugsierte sie zu dem Tisch, von dem der Mann und die Frau schon ganz aufgeregt winkten. Mandy hatte Waltraud, die alte Kollegin, und Detlef, deren Angetrauten, das letzte Mal im Westfernsehen gesehen, aus dem Fenster eines Zuges jubelnd, der aus Prag kam. Seitdem waren 20 Jahre vergangen.
»Na, mal wieder zu Besuch in der (...) Oktober 2009 | Wacht auf, Verdammte dieser Erde!
An einem Tag wie diesem 7. Oktober, an dem die Republik ihren 60. Geburtstag feiert, muß man ganz einfach fröhlich sein und singen, sagte sich Dieter. Mit seinem »Kollektiv der sozialistischen Arbeit« vom VEB Berliner Glühlampenwerk NARVA hatte er sich am Mittag in den Zug der Werktätigen eingereiht, die in der Karl-Marx-Allee freudetrunken, mit Winkelementen in der Hand, an der Ehrentribüne vorbeimarschierten. Enthusiastisch präsentierten sie ihre Produktionserfolge mit der (...) September 2009 | Die Qual der Wahl
Allein zu Haus, aber nicht unglücklich, hatten es sich Dieter und Fred in der Meierschen Wohnung am Boxhagener Platz gemütlich gemacht. Sie hörten Puhdys-Musik, räkelten sich im Sessel und testeten die Ostprodukte, die vor ihnen auf dem Couchtisch aufgebaut waren: Nordhäuser Doppelkorn, Timm’s Saurer, Falkner-Whisky, Goldi – der Weinbrandverschnitt, und Blauer Würger – der beliebte Kristall-Wodka. Entsprechend die Stimmung und die konstruktiven Gespräche zwischen beiden Männern. (...) |
















