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Friedrichshainer Chronik
Die Geschichte
Dezember 2010 | Sandmännchens Bauklötzer
Lieselotte und Lukas hingen an der Angel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie quietschten vor Vergnügen, als sie fette Karpfen und tolle Hechte aus dem Karton-Aquarium fischten, ich jedoch nur einen ausgelatschten Schuh. Kein Zweifel, den Kindern gefiel das Spiel mit der Magnet-Angel und den Papp-Fischen, dem auch ich einst als Kind mit Eifer verfallen war. Aber ich hatte es nicht in einer alten Spielzeugkiste über die Jahrzehnte gerettet, sondern neu erstanden. Bei (...) April 2010 | Notaufnahme
So ein Schmerz im Bauch, damit geht man doch nicht zur Rettungsstelle! Rettungsstelle! Die Frau kann doch laufen, und sie lacht auch noch. Ist ihr eigentlich klar, daß wir ganz andere Fälle hier haben? Gehn Sie mal heim, junge Frau, wenn’s schlimmer wird, kommse wieder. Andre, die kommen auf Knien gekrochen.
Guten Tag, Vorgestern ich war schon hier. Schlimmer geworden? Jedenfalls nicht besser. Na gut, wir nehmen Sie unters Messer. Ich rasier Sie dann mal. (...) Februar 2010 | Aua zählt nicht
Mittwoch, 23.30 Uhr. Frühlingswärme wird vom leichten Wind durch die Straßen getrieben. Blätter rascheln. Nach dem Herbstduft kommt der Modergeruch. Die Winterferien sind schon da. Ich habe es an den Gesprächen gehört. Was interessieren mich Lehrer Dings in Bio oder Lehrerin Bums in Mathe, die Lehre, das Abitur und wer mit wem? Es piekst ein bißchen. Es ist alles schon so weit weg. Wenigstens haben die Kids nicht versucht, über Politik zu diskutieren. Gefasel, wo viele von denen (...) November 2009 | Die falsche Richtung
Wir lagen wohl gerade vor der Glotze, Paola, Andi und ich.
Andi war ein paar Wochen zuvor abgehauen. Republikflucht über Budapest, raus aus diesem Land DDR. Aber der Reihe nach.
Wir wohnten also in Paolas Zweiraumwohnung, drei Leute, ein Zimmer. Der Boden war das Bett und die Glotze unser Altar. Täglich Neues aus dem Osten, aus der Heimat, aus Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Da drüben ging immer mehr die Post ab, sogar Lieschen Müller und Anhang schienen (...) Februar 2009 | Der Hausbesitzermeister
Drei Kneipen hatte ich nach der Wende. Die in der Oranienburger Straße gegenüber vom Tacheles habe ich als erstes verkauft, Mitte der 90er, als es da boomte. Dann war die in der Simon-Dach-Straße dran und vor vier Jahren die am Boxhagener Platz. Übernommen hatte ich Ruinen, doch schließlich war alles gemacht, ohne Ikea und die Nullachtfuffzehn-Läden eingerichtet, alles mit gestandenen Handwerkern, nach meinem Geschmack und für die nächsten 50 Jahre haltbar gemacht. Alle Kneipen (...) April 2008 | Der Handelsvertreter
Hurra, ich lebe noch. Die Woche ist vorbei. Freitag winkt mich auf die Überholspur neben all diejenigen, die morgen arbeiten müssen. Vorbei an jener Stelle, wo ich einst so oft so lange warten mußte …
Ich hatte mich verdammt geärgert, als dieser Sachse da an der Grenze, den Dialekt kenne ich ganz genau, meiner Arabella auf die Pelle rückte und unter ihrem mintbeigen Kostüm rumzukramen begann. Als ich ihn mit hochrotem Kopf anfunkelte, grinste er zurück und ließ sich gar nicht (...) Oktober 2007 | Der Droschkenkutscher
Von der Fassade bröckelte Putz der Jahrhundertwende. Die Fenster waren vernagelt, die Türen aufgebrochen. Kein Laut drang heraus außer dem Pfeifen des Windes, wenn er sich durch offene Spalten und Risse preßte. Bei Regen schoß das Wasser aus den geborstenen gußeisernen Rohren, spülte bunt schillernde Verpackungen von Schokoriegeln, Plastikflaschen, Zigarettenschachteln und sogar Scherben über den rissigen Rinnstein in die Gosse. Neben den Regenrinnen hatte schon vor Jahren (...) Dezember 2005 | Warten auf Terletzky
Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Den kannte ich aus den Erzählungen meiner Großmutter, die den Großvater nach dem Krieg ausfindig machen wollte. Es gelang letztlich, nur da war die Großmutter schon tot. Aber immerhin, die drei Töchter, die eine meine Mutter, erfuhren vom wahrscheinlichen Schicksal meines Großvaters. Er starb in Gefangenschaft irgendwo am Don an einer Lungenentzündung.
Mit Terletzky* war das kein Schicksal, nicht der Inbegriff der unpersönlichen Kräfte, (...) November 2005 | Ein Friedrichshainer im Exil
Ich bin ganz aufgeregt. Denn heute abend besucht uns Herr D., mein guter alter Bekannter, der berühmte Kolumnist einer renommierten Tageszeitung. Zur Wiedersehensparty will er sogar noch ein paar Freunde sowie seine neue Lebensabschnittspartnerin mitbringen. Schließlich sollen die auch mal leibhaftig erfahren, welche Entbehrungen unsereiner erdulden muß und sich dabei selbst treu bleiben kann. Das war und ist nämlich gar nicht so einfach.
Herrn D. kenne ich seit dem (...) |
















