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Mandy Meier | April 2009

Das Erbe von Timurs Trupp

Dunkel war’s, der Mond schien helle. Am S-Bahnhof Warschauer Straße hatten Mandy und Dieter noch einen Sitzplatz in der Straßenbahn ergattert. Doch schon an der Revaler Straße wurde es in der M 13 rappelvoll. Mit ihrem Mann schweigend ins Gespräch vertieft, registrierte Mandy in stiller Bewunderung, wie er plötzlich aufsprang und seinen Platz höflich einer Schwangeren anbot. Die junge Frau mit schwarzem Kopftuch nahm das Angebot dankend an, ungläubig erstaunt, als müsse sie ein Erweckungserlebnis verkraften.

Nach fünf Stationen, an der Ecke Boxhagener-/Holteistraße, stiegen Mandy und Dieter aus. Mit einem dicken Schmatz auf die Wange lobte Mandy ihren Göttergatten: »Ich bin stolz auf dich, mein Held!« Dieter grinste artig und wagte vorzuschlagen, daß ihm nun wenigstens ein Belohnungsschnaps zustünde. Mandy war großzügig und einverstanden. Im So Frosch, der gemütlichen Whiskybar in der Sonntagstraße, ließen sie sich nieder und erörterten das eben Erlebte bei Glenfiddich und Ardbeg Rennaissance. Das sei doch selbstverständlich, daß er als junger Mann einer Frau seinen Sitzplatz anbiete, wiegelte Dieter gleich bescheiden ab. Anderen zu helfen, dazu sei er schließlich schon als Jungpionier erzogen worden. Vorbilder habe es ja in Friedrichshain vor der feindlichen Übernahme durch die Bundesrepublik genügend gegeben, Timur und sein Trupp etwa, Pawlik Morosow und Alfons Zitterbacke. Oder Tokei-Itho, den Amphibienmenschen, Kapitän Tenkes, Skanderbeg und Janosik, den Ritter und den Helden der Berge … Mandy nickte wissend, vervollständigte die Ahnengalerie um den Roten Kosaken Kotschubej sowie die vier Panzersoldaten mit Hund und schwärmte, daß sie die Filme und Kinderbücher auch noch in guter Erinnerung habe. Aber viel wichtiger wären doch die echten Vorbilder aus dem richtigen Leben gewesen, an denen es heute so dramatisch mangele: die Brigade Nikolai Mamai, Adolf Hennecke, Frieda Hockauf und die anderen Aktivisten der ersten Stunde im Osten Deutschlands.

Dieter guckte wie ein französischer Fremdenlegionär nach der Schlacht von Dien Bien Phu und gab zu bedenken, daß sich heute kein Mensch mehr freiwillig als Ossi outen würde, seitdem ein TV-Moderator und ein Dschungelcamper namens Pflaume und Schwanz öffentlich ihr Unwesen trieben. Außerdem gäbe es in der moderne Medienwelt genügend andere Idole, an denen sich die Generation Arschgeweih moralisch aufrichten könne. »Kenne ich«, schrie Mandy spitz auf und stürzte ihren dritten Glenfiddich hinunter, »erst koksen und ukrainische Nutten vögeln und dann Bärbel Schäfer schwängern!« Dieter hing an seinem alten Weltbild wie ein Kind an seinem Lieblingsteddy, schüttelte den Kopf und erklärte, daß er dabei mehr an die deutsche Leistungselite und die Repräsentanten des nationalen Kulturerbes gedacht habe. Peter Hartz von VW und Klaus Zumwinkel von der Post mit ihrer sittlichen Festigkeit zum Beispiel. Oder die Werbe-Ikone und der Pop-Titan und die anderen Nachwuchsintellektuellen vom Rütli-Campus wie Bushido, Pocher oder Heidi Klum, das Model mit der süßen Genitivschwäche.

Nun rebellierte Mandy lautstark am Kneipentisch und dozierte, daß fast die Hälfte aller Deutschen dem Mannequin das Amt der Familienministerin zutrauen würden. »Na und?« entgegnete Dieter bockig, »jedes Land hat die Helden, die es verdient. Unglücklich das Land, das keine Helden hat!« Mandy bestellte noch einen Absacker, stieß mit Dieter auf die abendländische Wertegemeinschaft an und offenbarte, daß auch sie ihren Brecht gelesen habe: »Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.«

 

Thomas Heubner



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