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Die Orte | April 2009

Porno fürs Politbüro?

Bierernst, ungeniert und im Brustton tiefster Überzeugung verkündet es ausgerechnet ein landeseigener Jugendradio-Sender offiziell auf seiner Website: »Ganz früher haben sich im Kino INTIMES mal wohlhabende DDR-Obere mit Damen aus dem verruchten Milieu erst zum Hauptgang und anschließend im Pornokino zum Nachtisch getroffen. Deshalb INTIMES …« Wären sie noch hauptberuflich aktiv, würden die verantwortlichen Genossen aus der Abteilung Agitation und Propaganda des ZK der SED sofort dementieren: »Eine üble Verleumdung des Klassenfeindes!« Sie hätten sogar recht.

Denn das Kino an der Ecke Boxhagener/Niederbarnimstraße heißt wirklich nicht wegen der sexuellen Ausschweifungen der Rentnerriege aus dem einstigen SED-Politbüro so, sondern trägt seinen Namen seit über 80 Jahren. Bereits 1924 nannte es sich wegen seiner geringen Größe Intimes Theater, vorher Lichtspiele des Ostens. Über das Jahr der Eröffnung gibt es zwar unterschiedliche Angaben – von 1909 über 1915 bis 1920 –, doch seinen Charme als Pantoffelkino im Kiez hat sich das INTIMES über die Jahrzehnte bewahrt. Nach der »Wende« von der Ostberliner Bezirksfilmdirektion an eine Wohnbaugesellschaft veräußert, wechselten anschließend die erfolglosen Besitzer bzw. Betreiber aus dem Westen, von denen einer immerhin neue Handtuchhalter auf dem Klo angeschraubt hatte. Seit 1993 heißen die Betreiber Katrin und André Krischock, die drei Jahre zuvor aus Schwedt nach Berlin gekommen waren, weil es plötzlich für sie als Chemiefacharbeiterin bzw.

Schlosser mit Abitur im VEB Petrol­chemischen Kombinat weder Arbeit noch Zukunft gab. Das Paar gehört zu den Mietern, die in dem Eckhaus mit dem INTIMES wohnen, es als Genossenschaft erwarben und sanierten und somit auch dem Kino einen günstigen langfristigen Mietvertrag anbieten konnten.

Diese Tatsache sowie die Liebe zum Film ermöglichen beispielsweise den sensationellen Eintrittspreis von 3,50 Euro an den drei Kinotagen montags bis mittwochs. Mit solchen Einnahmen können die Krischocks keine Stiftung in Liechtenstein gründen, wohl aber ihr Filmprogramm selbstbestimmt gestalten, vorbei an Multiplex und Hollywood-Blockbustern. Sicher, das INTIMES ist kein Hardcore-Programmkino, zumal die Cineasten längst ihre Truffaut- oder David Lynch-Reihe auf DVD zu Hause haben. Aber feinfühlig ausgewählte Filmkunst gibt es stets zu sehen. So hing auch jüngst das Plakat mit der Ankündigung von Slumdog Millionär im winzigen Foyer, lange bevor der Film mit dem Oscar geadelt wurde.

Im Kino mit Herz wird investiert, um den Betrieb am Laufen zu halten. So gibt es, wider anderslautender Gerüchte, eine relativ moderne Heizung, und der alte Kachelofen im Zuschauerraum dient lediglich als Deko. Der Saal mit dem braunen Samt an den Wänden hat 70er Jahre-Seele; die betagten knapp 100 Kinostühle zeichnen sich noch durch eine gemütliche lange Sitzfläche aus. Und im klitzekleinen Vorführraum, der auch als Getränkelager dienen muß, rattern seit über 20 Jahren zwei mächtige 35 Millimeter-Filmmaschinen: MEO 5XB, »made in Chechoslovakia«. »Beamer und diese moderne digitale Vorführtechnik kommen mir nicht ins Haus«, sagt die 45jährige Katrin Krischock sehr resolut und ergänzt leise: »Jedenfalls morgen und übermorgen nicht!«

 

Jens-Axel Götze

 

Kino INTIMES, Niederbarnimstraße 15, 10247 Berlin, Tel/Fax. 030/296 646 33



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