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Die Menschen | April 2009
Gesten mit Kopf und Fuß
Die Tanzlehrerin Susanne Rinnert ![]() Getuschel, Gekicher, Gehüpfe, dann Ruhe. Die Übungsstunde beginnt mit Position Eins: aufrecht stehen, die Füße – Ferse an Ferse – bilden einen Winkel von 180 Grad. Die etwa 20 Mädchen und drei Jungs, alle zwischen acht und zwölf Jahren, kennen
Tanzschritte ins Leben»Tänzerin war schon als Kind mein Traumberuf«, erzählt Susanne Rinnert, und daß sie hier, im Kiez um den Strausberger Platz, aufwuchs. Geboren 1966, in jenem Jahr, seit dem in der DDR jeder zweite Sonnabend arbeitsfrei war, in dem der Film »Spur der Steine« gleich nach der Premiere wieder verboten wurde und in Eisenach der erste Wartburg 353 vom Fließband rollte. Susannes Mutter arbeitete als Apothekerin in der Warschauer Straße, der Vater war Werkzeugschlosser ein paar Meter weiter beim VEB Kühlautomat. Sie ging in die Edgar André-Oberschule in der Strausberger Straße, hatte in allen Fächern eine Eins, nur in Mitarbeit eine Drei. »Ich war zwar unheimlich schüchtern«, erklärt sie im nachhinein das Phänomen, »habe aber immer und überall gern getanzt«. Sogar an ihre erste eigene Choreographie kann sie sich noch genau erinnern: in der fünften Klasse, ein orientalischer Tanz in der wunderschönen riesigen Schulaula. Die ersten professionellen Schritte lernte Susanne in der Schularbeitsgemeinschaft, dann tanzte sie im Ensemble des Hauses des Lehrers am Alex, machte nebenbei noch Geräteturnen und spielte Geige. Eine der nächsten Stationen hieß HdjT, Haus der jungen Talente in der Klosterstraße, heute Podewil. Im größten Jugendklub Ostberlins, betrieben von der FDJ, gab es eine Arbeitsgemeinschaft für Kinder, die Gruppe Musik und Bewegung, natürlich kostenlos. Leiterin war die zierliche und resolute Tanzpädagogin Anni Sauer, die als jüdische Kommunistin vor den Nazis ins sowjetische Exil geflohen und dort lange in Stalins Gulag interniert war. Unter ihren Fittichen konnten die Kinder herumspringen, singen, tanzen und Instrumente spielen, ohne Leistungszwang, aber mit Leistungsanspruch. »Die Ausbildung bei Anni Sauer hatte Hand und Fuß, es gab harte Spielregeln, aber auch viel Herzenswärme, Liebe und Lebensweisheit«, erinnert sich Susanne Rinnert. Längst war in dem jungen Mädchen der Wunsch gereift, das Hobby zum Beruf zu machen. In Leipzig, an der Theaterhochschule »Hans Otto«, studierte Susanne fünf Jahre lang Tanz. Mit allem Drum und Dran einer solchen Ausbildung: Schmerzen beim Training, Tränen bei Mißerfolgen, Glücksgefühlen beim Applaus des Publikums. Mit Praktika an vielen großen Theatern des kleinen Landes, mit Gastlehrern wie der berühmten Gret Palucca aus Dresden oder Martin Puttke, dem bedeutenden Chef der Staatlichen Ballettschule Berlin. Mit der Perspektive – ja, auch das gehörte dazu –, als ausgediente, vielleicht 35jährige Tänzerin nicht zum alten Eisen geworfen zu werden und von Almosen leben zu müssen. Ein Schule, die prägt. Das ganze Leben.
Arabesque und AttitudeIm Studio mit dem großen Spiegel an der einen und der Barre an den anderen drei Wänden, also der Doppelstange zum Festhalten, gibt es in munterer Folge den Uhrzeiger, eine Eisenbahn und einen Teddybären zu erleben. Tanzübungen, die die Mädchen und Jungen körperlich beanspruchen, die immer und immer wieder geübt werden. Manchen fallen etwa die klassischen Posen noch schwer, für andere scheinen die Arabesque, das gestreckte Spielbein, oder die Attitude, das gebogene Spielbein, kinderleicht zu sein. Susanne Rinnert entweder inmitten der Kinderschar oder an vorderster Front. »Das ist wie bei Dirigent und Orchester – wenn ich mich umdrehe, muß alles von allein funktionieren«, ruft sie und tanzt die Übung vor. Nur was sie selbst leistet, kann sie auch von anderen fordern, meint sie und hilft einem Mädchen beim Strecken des Beines. »Ja, ich weiß, das tut weh«, tröstet die Lehrerin und lobt eine andere: »Prima, du bist in der nächsten Stunde meine Assistentin!« Warum sie was und wie getanzt haben möchte, erklärt Susanne Rinnert ihren kleinen Schülerinnen geduldig. Sie läßt sie mitfühlen und mitdenken: »Was ihr nicht im Kopf habt, bekommt ihr nicht in die Füße.« Und nach der Stunde bekräftigt sie: »Als Tänzer bist du nie fertig. Auf der Bühne lernst du, dich ununterbrochen zu kritisieren.« Susanne Rinnert weiß genau, wovon sie spricht und erinnert sich an Anfang der 90er, die nochmals Lehr- und Wanderjahre waren: Zusatzstudium in Westberlin, Arbeit als Tänzerin und Lehrerin in London und New York. »Alles Neue und Interessante habe ich schwammartig in mich aufgesogen.« Trotzdem kam sie zur eigenen Tanzschule wie die Jungfrau zum Kind, offenbart sie, scheinbar immer noch über sich selbst staunend: Eigentlich wollte sie damals Theater-Choreographie machen, aber dann benötigte das Musiktheater Rumpelstil, mit dem sie heute noch zusammenarbeitet, tanzende Kinder. Ein paar unterrichtete Susanne Rinnert zu jener Zeit, zuerst in der Wabe im Ernst-Thälmann-Park, dann auf einer Zwischenetage in einem Kulturhaus in Prenzlauer Berg. »Ich war vorher nie ein Muttertier«, sagt sie, »und auf einmal konnte ich mit Kindern umgehen, machte mir das sogar riesigen Spaß«. So kam Steinchen auf Steinchen, seit 1994 residiert sie mit TanzZwiEt in den Räumlichkeiten an der Karl-Marx-Allee. IntimesVor dem Talent kommt der Schweiß, weiß auch Susanne Rinnert. Deshalb schenkt sie sich und ihren Schülern nichts. »Ich will gestreßte Kinder sehen!« spornt sie lächelnd die kleinen Tänzerinnen in den schwarzen Gymnastiktrikots an. »Es ist nicht alles, die Beine in die Höhe zu schmeißen, aber eine schöne Nebensache.« Sogleich geht sie selbst in die Hocke und tanzt die seitlichen Schritte vor, die für das Tanzstück »Einmarsch der Fußballer« aus dem Effeff kommen müssen. In gut 15 Jahren ist aus der TanzZwiEt eine ansehnliche Unternehmung geworden. Aus der Tänzerin auch eine Unternehmerin? »Sicher, ich muß schauen, daß wir wirtschaftlich arbeiten«, sagt sie, »aber mir ging es nie ums profane Geldverdienen«. Wenn man nur die nackten Zahlen sähe, ist das Ganze ein Minusgeschäft, aber viel wichtiger wäre die Seele, die in der Arbeit steckt: Wenn die Kinder sich im Unterricht gegenseitig anspornen, wie sie sich während eines Auftritts auf der Bühne bewegen, ihre glücklichen Augen, wenn ihnen die Zuschauer mit tosendem Beifall danken.
Rund 20.000 Menschen sahen das TanzZwiEt-Ensemble bei öffentlichen Auftritten im vergangenen Jahr, der Kostümfundus für die Kinder beansprucht über hundert Quadratmeter, rund 40 Lehrer und Mitarbeiter kümmern sich um 300 tanzwütige Kinder und fast ebenso viele Jugendliche und Erwachsene, die hier Disko-Fox, HipHop, Flamenco, Rumba, Samba oder klassischen Gesellschaftstanz lernen. Susanne Rinnert ist von allem der Spiritus Rector, der gute und führende Geist, sie prägt Programm und Atmosphäre mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Personalstil. »An meiner Schule wird nur das gelehrt, was mich auch persönlich interessiert«, sagt sie selbstbewußt und verweist auf Capoeira, den brasilianischen Kampftanz, der erst kürzlich in den Stundenplan aufgenommen wurde. Und im gleichen Atemzug betont sie, daß ihre Schule bei aller Vielfalt und Größe wie eine Familie ist. Vielleicht ist sie für ihre kleinen und großen Schüler wirklich nicht die Übermutter, aber eine Schwester allemal. Vor allem wohl, weil die Arbeit für sie viel mit Intimität zu tun hat. »Ich kenne die Kinder genau, auch ihre Schulprobleme oder Familiendramen. Ich trage die Verantwortung dafür, daß sie etwas lernen, daß aus ihnen etwas wird. Ich muß wissen, wer Streicheleinheiten braucht und wen ich auch mal scharf angucken kann. Die Kinder müssen aus sich selbst heraus gute Tänzer werden wollen, ohne daß ich die Peitsche schwinge. Ich sehe es an den Augen der Kinder, ob sie wollen, ob sie konzentriert und sensibilisiert sind. Und ob sie zum Tanzen eine Seele mitbringen.« Noch einmal werden die Mädchen und drei Jungs strapaziert. Liegestütze und Brücke scheinen nicht sonderlich beliebt zu sein, werden aber ohne Murren absolviert. Am Ende noch eine Lockerungsübung, ein paar leichte Tanzschritte zu Musik, dann verklingt der letzte Takt. Susanne Rinnert hat sich vor ihren Schützlingen aufgebaut: »Beim letzten Ton stehen wir still, lächeln und tun so, also ob zuvor nichts gewesen wäre.«
Thomas Heubner
Kontakt: Tanzschule TanzZwiEt, Strausberger Platz 19, 10243 Berlin, Tel./Fax 030/525 15 22, www.tanzzwiet.de, info [at] tanzzwiet [punkt] de
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