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TV-TipSamstag, 31. Juli 2010, 19.00 Uhr
rbb Heimatjournal
Die Fernsehleute um Carla Kniestedt sind in der Grünberger Straße unterwegs und treffen manch gute alte Bekannte ... |
Das Lernen | April 2009
Chinesisch, Betragen, Fleiß und Mitarbeit
Die Zebra-Klasse hat Pause. Zwei Doppelstunden Mathe und Sport liegen bereits hinter den rund zwanzig Erstklässlern. Ein paar Kinder spielen im klasseneigenen Hortraum, der sich gleich ans Unterrichtszimmer anschließt, einige trinken etwas oder essen ein Häppchen, andere sortieren ihre Mappen. Ein Mädchen mit keckem Pferdeschwanz grüßt den fremden Besucher höflich und fragt vertrauensvoll: »Wer bist du denn?« Es geht fröhlich und lebhaft zu, ohne wilde Toberei und ohrenbetäubendes Geschrei. Erstaunlich. Oder Nicht? Schließlich ist der Verhaltenskodex gut sichtbar auf einem Aushang im Foyer zu lesen: »… damit sich alle in unserer Schule wohlfühlen, gehen wir höflich und respektvoll miteinander um, helfen wir uns gegenseitig, … lösen wir Streitigkeiten ruhig und friedlich, … sind wir im Schulgebäude leise und gehen achtsam …« Ziemlich befremdlich für eine Berliner Schule. Völlig normal aber für die BIP Kreativitätsgrundschule in der Strausberger Straße. Genau in jenem Schulgebäude aus den 50er Jahren, in dem bis vor drei Jahren das Erich-Fried-Gymnasium zu Hause war und das zu DDR-Zeiten die Erweiterte Oberschule »Edgar André« beherbergte, in der Bestschüler aus Ostberlin ihr Abitur mit erweitertem Russischunterricht machten.
Sprachunterricht gibt es auch hier, sofort nach der Einschulung: Englisch – sowie Arabisch und Chinesisch. »Diese schwierigen Begegnungssprachen erlernen die Kleinen im frühen Kindesalter am leichtesten«, erklärt Schulleiter Carsten Mellwig. »So kommen sie frühzeitig mit dem Anderssein in Berührung, lernen fremde Kulturen kennen.« Schon in der zweiten Klasse folgt Französisch als weitere Fremdsprache. Mellwig, 38 Jahre alt, ist seit Anbeginn im Haus dabei, als im September vergangenen Jahres die Schule ihre Arbeit aufnahm bzw. seit April, als der dazugehörige Kreativitätskindergarten seine Pforten öffnete. Zuvor, nach seinem Referendariat, durfte er das Aufnahmestopp für die Neueinstellung von Lehrern in Berlin genießen und absolvierte er eine Zusatzausbildung zum Kreativpädagogen in Karlshorst. Dort, wie auch in Lichtenberg oder in Leipzig, Chemnitz, Dresden oder Neubrandenburg arbeiten ähnliche BIP-Kreativitätsschulen schon seit längerer Zeit erfolgreich. Dabei stehen die drei Buchstaben BIP für die Entwicklung von Begabung, Intelligenz und Persönlichkeit. Die Kurzfassung für ein Bildungsprogramm und pädagogisches Konzept, das die Leipziger Kreativitätsforscher Gerlinde und Hans-Georg Mehlhorn entwickelt haben. Danach ist jedes Kind begabt und kreativ, aktiv und neugierig, phantasiereich, beharrlich, fleißig und diszipliniert. Keiner denkt nur an sich und alle fühlen sich für die anderen verantwortlich. Keine Ellenbogen, kein Hüpfen von Event zu Event, kein oberflächliches Bescheidwissen in einer Erlebnisgesellschaft, die längst das Streben nach Genuß anstelle von Leistungsstreben gesetzt hat und abgestufte Verantwortungslosigkeit vorlebt. In der Strausberger Straße dagegen, wo die Schulsekretärin DDR-Meisterin im Rudern war, ist Leistung kein Schimpfwort. Hier soll – für manche vermutlich anachronistisch – nicht für die Schule, sondern für das Leben gelernt werden, dauerhaft und komplex. Öko und Bio sind für die Kinder keine modischen Schlagworte, in den Klassen- und Waschräumen wird Strom gespart, auf den Korridoren stehen Abfallbehälter, in denen Papier, Plaste und Blech/Aluminium getrennt gesammelt werden. Erziehungs- und Bildungsziel an der Schule seien keine kleinen Streber aus dem Osten, sondern vielseitig gebildete Persönlichkeiten, erklärt Carsten Mellwig: kommunikativ, sozial kompetent, musisch-ästhetisch und
In ihrem Hortraum haben die Kinder zwar eine Kuschelecke, wo sie sich ausruhen oder schlafen können, aber die BIP Kreativitätsgrundschule ist fern von jeglicher Kuschelpädagogik, für die die Performance beim Ausdruckstanz wichtiger ist als das Beherrschen des Kleinen Einmaleins. Von Anbeginn gibt es für die Schüler Zeugnisse: eins mit ausführlichen Einschätzungen über die Kreativitätsbereiche, eine Analyse des Entwicklungsstandes sowie ein klassisches Zeugnis mit Zensuren von 1 bis 6 – auch für Betragen, Mitarbeit, Fleiß und Ordnung. Allein die Tatsache, daß man sich trotz oder gerade wegen der umfangreichen Kreativitätsprogramme streng an den Rahmenlehrplänen der staatlichen Berliner Schulen orientiert, hält der Schulleiter kaum für besonders erwähnenswert. Andrerseits ärgert sich Carsten Mellwig mitunter darüber, daß sie als nichtkonfessionelle, staatlich genehmigte Ersatzschule mit anderen Privatschulen in eine Topf geschmissen werden. Sicher, auch an der BIP Kreativitätsgrundschule muß Schulgeld bezahlt werden: 250 Euro im Monat für jedes Kind, zuzüglich Betreuungs- und Essengeld, wobei es auch die Möglichkeit für Ermäßigung und Stipendien gäbe. Doch eine Nachwuchselite der Reichen, Schönen und Mächtigen werde hier in Friedrichshain nicht herangezüchtet. Die Eltern der Schüler würden den sozialen Querschnitt im Bezirk widerspiegeln, nicht untypisch sei jene alleinerziehende Mutter, die ihr Auto verkaufte, damit ihre Tochter diese Schule besuchen kann. »Bei uns fahren keine dicken dunklen Karossen vor«, sagt Mellwig, »mit denen die Sprößlinge früh zur Schule kutschiert und am späten Nachmittag wieder nach Hause abgeholt werden.« Längst hat die Zebra-Klasse wieder Unterricht. Auf dem Stundenplan steht Musikalisches Gestalten/Tanz/Bewegung. Und für den nächsten Tag haben sich alle auf einer Liste eingetragen, was sie für ein gesundes Frühstück mitbringen wollen. Butterstullen sind der Hit, dicht gefolgt von Gurke, Tomate und Kohlrabi.
Thomas Heubner
BIP Kreativitätsgrundschule Berlin-Friedrichshain, Strausberger Str. 38, 10243 Berlin, Tel. 030/290 351 17, Fax 030/290 394 49, www.krea-schulzentrum.de, bip-schule2 [at] krea-schulzentrum [punkt] de
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