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Die Momente | April 2009

Die Momente

Kälte

Der Frühling ist ausgetrickst, der Winter hat noch mal gezuckt und die Stadt mit Frost und Schnee zugedeckt. Nachmittag und Abend verschmelzen gerade miteinander, und zwischen Kosmos und Kabarett Charly M. schiebt eine alte Frau mühsam ihren Rollator in Richtung Karl-Marx-Allee. Unsicher tappt sie durch den gefrorenen Matsch, bleibt immer wieder stehen, um nicht auszurutschen oder hinzufallen. Sie ist nur mit einer Hose und einem dünnen gelben Pullover bekleidet, trägt weder Jacke noch Mantel, an den Füßen Hausschuhe. Doch sie scheint die Kälte nicht zu spüren. Im Hintergrund läßt die schwache Wintersonne einen Plattenbau seinen Schatten werfen – das Haus Weidenweg, ein Wohnpflegezentrum von Vivantes Forum für Senioren. Die meisten Anwohner nennen es einfach Altenheim.

 

Kniefall

Egal ob Kassel Huskies oder Krefeld Pinguine – die Eisbären haben ihre Spielfreude aus dem Hohenschönhausener Wellblechpalast mit in die neue Arena an der Warschauer Brücke geschleppt und abermals gewonnen. Etwa drei Dutzend waschechte Fans, wunderhübsch mit Schals und Mützen dekoriert, wollen den Eishockeysieg ausgiebig feiern. Im Ambrosius in der Warschauer Straße ist genügend Platz, man hat dort wohl auch mit dem Ansturm gerechnet. Dennoch kommt das Personal beim Servieren von Bouletten und Knackern ins Schwitzen. Am Bierausschank hilft ziemlich professionell eine blonde Frau, die die Stamm­gäste sonst kaum hinterm Tresen sehen. Für einen Eisbären-Fan, Typ Bud Spencer, ist es Liebe auf den ersten Blick. Nach dem zweiten Bier traut er sich, die Angebetete anzusprechen: »Gibst du mir deine Telefonnummer?« – »Ja, klar: 0190 – 0815-4711!« – »Ach nee, ich meine deine echte!« – »Keine Nummer unter diesem Anschluß!« – »Wat muß ick denn machen, damit du mir die richtige gibst?« – »Als Sklave vor mir auf die Knie fallen!« – »Wat denn, schon am ersten Abend?«

 

Betäubungsmittel

Der Himmel ist dicht wie schmutziggelbe Watte, wie jeden Abend wälzen sich Heerscharen jugendlicher Vergnügungssüchtiger, vom S-Bahnhof Warschauer Straße kommend, ins Boxi-Disneyland. In der Grünberger Straße werden geruhsam schlendernde Fußgänger von eiligen jungen Männern überholt, nach ihrer Zahl ungefähr zwei Fußballmannschaften, alle laut englisch johlend. Vermutlich haben sie schon ein bißchen »vorgeglüht«, sich warmgetrunken und vorbereitet auf die Touristenattraktion Flaterate-Saufen. Vor der Tür einer Bar, dem Palm Beach, bleiben sie kurz stehen und strömen dann hinein. Ihr Guide, der Fremdenführer, lotst die Truppe ins Etablissement. Über seine Schulter hängt eine riesige blaue IKEA-Tasche, in der wiederum Flaschen klimpern. Der Bursche nennt sich Pub Crawl Manager, ist aber von Beruf eigentlich Betäubungsmittelhändler.

 

T.H.



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