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Die Reportage | April 2009

Mit Fransenhemd und Stetson-Hut
Nachbetrachtung zu einer Country Music Messe

Die S-Bahn-Tür öffnet sich am Bahnhof Warschauer Straße und herein lungert ein Typ mit Gitarre, der in Fantasieenglisch Johnny Cash anstimmt. »Because your mine, I walk the line« klingt bei ihm wie »Wejo, wejo, ei doh wej doh«. Die Bahnfahrenden ignorieren ihn. Vielleicht weil er ihnen unfreiwillig vorspiegelt, wie inhaltsleer sie sind. Wenn du an dieser neuen Sport- und Pop-Event-Arena vorbeifährst und auf dem Weg zur 14. internationalen Country Music Messe bist, die gerade im Postbahnhof stattfindet, ist so was nicht gerade ermutigend.

Freiheit und Familie

Gleich im ersten Hallentrakt, zwischen schweren Gürtelschnallen mit American Eagle und Büffel-Boloties als Krawattenersatz, verkauft ein gewisser Country Rebel Kohnke aus dem brandenburgischen Netzow T-Shirts mit Aufdrucken wie »Germanischer Gotteskrieger«, »Nicht du bist der Maßstab, sondern die Heimat« und »Wir wollen frei sein, wie die Väter waren« aus seinem Online-Shop »odinskrieger.com«. Gürtelschnallen zeigen »Odin statt Jesus« und das Eiserne Kreuz auf schwarz-weiß-rotem Grund. Einer der Kohnkes tuschelt mit einem nackentätowierten Glatzkopf, und beide gucken böse rüber, nur weil sie jemand entdeckt hat.

Daß dies mit der Messe wenig zu tun hat, zeigt das Gros der Besucher, die verkleidet in voller Cowboymontur, fellbedeckt als Trapper oder wandelnder Moustache im Clint-Eastwood-Mantel dem Rebel Kohnke aus Netzow keinen guten Umsatz bescheren. Ein Kavallerist mit Südstaatenbraut im Arm versichert: »Fuck Odin, män, das hat mit Country nichts zu tun, män!« An seinem Arm prangt eine sogenannte Südstaatenfahne, die Kriegsflagge der Konföderierten, die seit dem Sezessionskrieg mit Sklavenhaltung und Rassismus verbunden ist. Der White Trash nutzt sie in den USA bis heute, um seine Abneigung gegen die amerikanische Verfassung auszudrücken. »Die Fahne, das ist doch nur Sweet Home Alabama und so. Freiheit, män, egal«, meint der Kavallerist.

»Das hier hat nichts mit deutschem Schlager zu tun. Kein Plastik, kein Kommerzkack«, freut sich ein anderer Country-Fan. Im Hintergrund playbackt eine mahrzahnbraun getoastete Cowmutti einsam auf der Bühne Jürgen-Drews-Taugliches zu countryesken Technorhythmen. Nur auf den ersten Blick ist hier so was wie Karneval, denn die Teilnehmenden im Fransenhemd und Stetson-Hut geben sich ernst. »Wir sind eine große Familie«, meint ein Cowboy aus Heidelberg. »Das ist authentisch, wo gibt’s das sonst?«

Freiheit, Authentizität, Familie. Ein anderer Cowboy namens Adorno will einem da durch den Kopf reiten, Lasso schwingend, jauchzend: »Organisierte Freiheit ist zwanghaft. In der Freizeit«, so Adorno, »verlängert sich Unfreiheit«, das ist »den meisten der unfreien Menschen so unbewußt wie ihre Unfreiheit selbst«. Freizeit ist Verdinglichung von Muße.

 

Der Cadillac von Johnny Cash

Hier tanzen Menschen Line Dance artig in der Reihe, um Kompensation für ihren Alltag zu finden. Oder gar Katharsis, wenn der friesische Johnny Cash namens Heinrich »Doc« Wolf auf den Tom Petty-Song I won’t back down reimt: »Ich weich nich’ zurück, auch kein kleines Stück. Selbst wenn man mir mit der Hölle droht«. Und dann erzählt er noch stolz, er habe den Cadillac von Johnny Cash im Internet ersteigert. Einfachste Nachahmung auf der Suche nach Existenz.

Alkoholleichen spielen hier keine Rolle, die ebenfalls kuhjungenbehuteten Sanitäter vom Malteser Hilfsdienst winken ab: »Bei Studentenparties ist das viel schlimmer«. Sich bei der Country Music Messe über wippende Füße in stinkigen Stiefeln lustig zu machen, wäre daher gratis und hat nichts mit der Satire eines Kurt Tucholsky zu tun, die sich eher vertikal gegen Stärkere richtet, im Gegensatz zur ewig jabbelnden Comedy, die horizontal und gegen Schwache operiert. Stefan Raab mit seinem Country-Hit Maschendrahttzaun ist so ein Beispiel, wo wehrlose Leute was auf den Deckel kriegen, die sowieso wenig zu lachen haben.

Wie Freizeit kurzzeitig in emanzipierte Lust umspringen kann, inmitten all des domestizierten Countrys im Postbahnhof, zeigt Roland Heinrich aus dem Ruhrpott augenzwinkernd in Songs wie 400 Kilometer bis nach Essen. Er verleiht den rotzig-traurig und in Deutsch vorgetragenen Texten von Jimmy Rogers einen Hauch Bertolt Brecht. Am zweiten Tag tun das The Wilders mit schnellem Hillbilly-Sound aus Kansas City. Zu Betse Ellis von den Wilders die Augen schließen und an ein Festival in Lafayette, Louisiana, denken, wo jemand mit leuchtenden Augen einst dem deutschen Touristen erklärte: »Sie spielt nicht Violine, sie spielt Fiddle«. Wer Ellis an der Fiedel hört, wie sie energiegeladen zupfend und ziehend, stampfend und springend Wehmut mit Frohsinn vereint, der versteht, was dieser Rotnacken aus Lafayette meinte.

Nach drei Tagen Yeehaw-Gewusel und Country-Overkill steigst du am Ostbahnhof wieder in die S-Bahn und untersuchst auf der Rückfahrt deine Arme, um sicher zu gehen, daß keine Fransen aus ihnen wachsen, als dieser Messie mit der Gitarre wieder einsteigt: »Wejo, wejo, ei doh wej doh«. Er kriegt eine Münze und die Pressekarte für die Country-Messe. Noch hat er einige Stunden Zeit, um dort eine Familie zu finden und ihr Mores zu lehren.

 

Gerd Dembowski



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