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Die Straßen | April 2009

Mühsamstraße

Für Friedrichshainer Verhältnisse ist die Steigung beachtlich. Immerhin über zwölf Meter Höhenunterschied müssen bewältigt werden, erklimmt man die Mühsamstraße vom Weidenweg bis zur Ecke Thaer-/Eldenaer Straße: von 36,11 auf 48,39 Meter über dem Meeresspiegel. Kein Wunder, liegt die Straße doch direkt auf dem Ausläufer des Barnims. Ein riesiges Areal, das einst zum Großteil der Brauerei-Familie Bötzow gehörte und in den Gründerjahren mit beträchtlichem Ge­winn verkauft wurde. 1893 erhielt die Straße Nr. 44 des alten Hobrechtschen Bebauungsplanes den Namen Zorndorfer Straße. Benannt nach dem Flecken Zorndorf (heute Polen: Sabrinowo bei Gorzów), bei dem im Siebenjährigen Krieg, am 25. August 1758, die preußischen Truppen unter Friedrich II. erstmals auf die russischen Streitkräfte trafen. Die blutige Schlacht, in der auf beiden Seiten über 30.00 Soldaten fielen, endete im Prinzip unentschieden, wurde aber von Preußen in der Folgezeit als heroischer Sieg propagiert.

Nachdem sich das Rad der Geschichte ein halbes Jahr­hundert weitergedreht hatte, sollte im Osten Deutschlands auch mit dem Erbe von Preußens Glanz und Gloria, von Monarchie und Militarismus aufgeräumt werden. Ver­ständ­lich also, daß der Ostberliner Magistrat im Mai 1951 in einer Kampagne vor allem Straßen umbenennen wollte, deren Namen »nicht mehr zeitgemäß« waren bzw. »aus der Zeit der 1. Juli 1990, Tag der Währungsunion
Hohenzollern stammen«. Für die Straße im Friedrichshainer Norden hätte man kaum einen passenderen und symbolträchtigeren neuen Namen finden können. Steht doch Erich Mühsam, der Dichter, anarchistische Sozialist und utopische Kommunist, wie kaum eine anderer für das Ringen um eine freie und gerechtere Gesellschaft, für den soziale Verantwortung, Mitleid, künstlerischer Ehrgeiz und ein bewundernswerter Mangel an jeder Art von Opportunismus charakteristisch waren und der zudem im roten Osten, im einstigen Arbeiterbezirk Friedrichshain, seine Spuren hinterlassen hat.

Erich Mühsam wurde am 6. April 1878 in Berlin geboren, als drittes von vier Kindern. Bereits ein Jahr später zog die Familie nach Lübeck. Sowohl der Vater, Siegfried Seligmann Mühsam, Apotheker und Mitglied der Lübecker Bürgerschaft, als auch die Mutter Rosalie, geborene Cohn, waren jüdischen Glaubens; Erich Mühsam selbst trat 1926 aus dem Judentum aus. Als junger Bursche veröffentlichte Mühsam im sozialdemokratischen Lübecker Volksboten eine Glosse über den Direktor des Katharineums – über dessen Ungeist man in »Professor Unrat« und den »Buddenbrooks« nachlesen kann – und wurde »wegen sozialistischer Umtriebe« vom Gymnasium relegiert. In Parchim konnte er sein Abitur nachholen, danach nahm er in Lübeck widerwillig eine Apothekerlehre auf, natürlich im Konflikt mit dem autoritären Vater.

Karikatur Erich Mühsam, 1903 gezeichnet von Paul Scheerbart
1900 hatte er endlich die Nase voll von Provinz und bürgerlichem Wohlstand und siedelte nach Berlin über, um »freier Schriftsteller« zu werden. Er ließ sich eine rote Löwenmähne und einen wilden Bart wachsen, von seinem Zimmerchen in der Schöneberger Augsburger Straße führte ihn der Weg meist zu weinseligen Eskapaden ins Romanische Café an der Ecke Tauentzien/Kudamm, wo er schnell bekannte Dichter und Bohemiens kennenlernte und fester Bestandteil der Café Größenwahn-Kultur wurde. Im expressionistisch-dadaistischen Ambiente fiel Mühsam als begnadeter Schüttelreimer auf, vor dessen Knittelversen heutige Slam-Poeten vor Neid erblassen müßten. Kostprobe: »Die Männer, welche Wert auf Weiber legen, tun dieses leider meist der Leiber wegen.« Zwei Jahre später schlug Mühsam sein Quartier in Friedrichshagen auf, fand Anschluß zum dortigen Dichterkreis, knüpfte erste Kontakte zu anarchistischen Gruppen aufgrund seines Autoritätshasses und seiner Verbundenheit mit den sozial Benachteiligten. 1904 begannen seine Wan­derjahre, die ihn bis nach Italien und Paris führen, 1909 wurde er in München seßhaft und eine der zentralen Figuren der Schwabinger Boheme. In der Novemberrevolution 1918 wirkte Mühsam im Re­volutionären Arbeiterrat, fünf Monate später gründete er mit Ernst Toller und Gustav Landauer die Münchner Räterepublik, für die er das »Referat Rußland und Ungarn im Auswärtigen Amt« übernahm. Schon sechs Tage Nach der Einlieferung ins KZ Oranienburg
später wurde er nach dem sozialdemokratischen »Palmsonntagputsch« wegen Hochverrats zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Dezember 1924 wurde Mühsam amnestiert, er nahm Wohnsitz in Berlin. Zu seiner Ankunft auf dem Anhalter Bahnhof begrüßten ihn spontan tausende Ar­bei­ter – eine der größten politischen Demonstrationen jener Jahre. In der Folgezeit entwickelte sich Mühsam endgültig zum literarisch fruchtbarsten Vertreter des deutschen Anarchismus, der auch politisch äußerst aktiv war. So traf er sich häufig mit Freunden in der anarchosyndikalistischen Buchhandlung in der Warschauer Straße 62, beteiligte sich an einer Kundgebung im Restaurant Märchenbrunnen oder an einer Versammlung im Lokal Jerrasch in der Boxhagener Straße 23.

Als erbitterter Gegner des Faschismus wurde Erich Mühsam nur we­ni­ge Stunden nach dem Reichstagsbrand verhaftet. Die Nazis verschlepp­ten ihn über mehrere Gefängnisse ins KZ Oranienburg. Monatelang wurde er dort gedemütigt, mißhandelt und gefoltert, nacheinander brach man ihm alle Finger. In der Nacht zum 10. Juli 1934 wurde er von der SS erdrosselte und im Klosettraum aufhängt, um einen Selbstmord vorzutäuschen, da sich Erich Mühsam standhaft geweigert hatte, selbst Hand an sich zu legen. Seinem Credo treu bis zum Tod: »Sich fügen heißt lügen.«

 

Marlies Sparmann

 

Literatur:
Chris Hirte: Erich Mühsam. »Ihr seht mich nicht feige«. Biographie, Verlag Neues Leben, Berlin 1985;
Erich Mühsam: Ausgewählte Werke Bd. I und II, Verlag Volk und Welt, Berlin 1985;
Conrad Plens: Mühsam, der Rebell und Dichter; Wanja Abramowski: Erich Mühsam und Friedrichhain, in: mont klamott, April 2008


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