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Die Menschen | April 2008

Sein langer Marsch
Der Beton- und Bombenbauer Bommi Baumann
Friedrichshainer Chronik

Vielleicht ist er nie fort gewesen. Vielleicht ist er einfach wiedergekommen …

Hier in seiner Wohnung in der Landsberger Allee, wo er jeden Tag am Computer zwei, drei Stunden Zeitungen liest, darunter Il Corriere della Sera und The Times, und alle Nachrichten belegen, daß die Zustände in dieser Welt scheinbar für die Ewigkeit zementiert sind. Aber Michael Bommi Baumann ist einer, der daran zweifelt, dem das Leben seine Lektionen eingebleut hat. Derzeit schreibt er an einem, in diesem Jahr noch erscheinenden Buch über Drogen, Drogenpolitik und Drogenkartelle, die gigantisches Schwarzgeld angehäuft haben und damit in die Weltwirtschaft drängen. Er zitiert Aristoteles, der schrieb »Armut ist die Mutter von Gewalt und Verbrechen«, und gibt Henry Ford recht, der einst sagte »Autos kaufen keine Autos«. Er kann und will sich nicht damit abfinden, daß nur tausend Superreiche mehr als die Hälfte des gesamten Reichtums der Erde in ihren Klauen halten. »Die Gesellschaft – das sind wir! Und nicht die paar Hanseln der upper society«, bekräftigt Bommi. Möglich, daß dann wieder diese Wut aus dem Bauch hochsteigt, daß er den Gedanken an eine veränderbare und gerechtere Welt nicht los wird. Dann muß Baumann raus zum Luftholen, über den großen Damm, in den Park. Am Friedhof der Märzgefallenen vorbei, über den Ernst-Zinna-Weg. Benannt nach einem 18jährigen Burschen, der in der Märzrevolution von 1848, nur mit einem Säbel in der Hand, eine Barrikade gegen preußische Soldaten verteidigte.

Foto: Robert Máté

Mag sein, daß er als Gleichaltriger auch vom revolutionären Barrikadenkampf träumte. Oder vom Widerstand gegen das ganze Faschisten­pack, mit der Knarre in der Hand, wie die Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg. An deren Denkmal kommt er nämlich auch vorbei, wenn er durch den Volkspark Friedrichshain schlendert und in seine lädierten Lungen frische Luft pumpt. Doch gegen die tiefstehende Frühlingssonne kneift Bommi Baumann die braunen Augen zusammen und erzählt über seine Beobachtungen auf der gegenüberliegenden Seite des Parks. Dort, wo auf dem TÜV-genormten Spielplatz die Baby- und Luxuskinderwagendichte hoch sei, die pampersgestützten Kleinen in ihren Markenklamotten wie winzige bunte Abziehbilder ihrer Mütter und Väter aussähen und den Konkurrenzkampf schon im Sandkasten mit Förm­chen und Buggy übten. Derweil wählten die karrierebewußten Eltern selbstverständlich grün-alternativ, würden aber gleichzeitig gegen die drohende »Verschattung« durch neu gepflanzte Bäume in ihrer Straße klagen. Nicht wenige Eltern dieser Eltern wollten ihn vor 40 Jahren noch »Ab ins Arbeitslager!« oder »Zum Vergasen!« schicken.

Fahrkarte ins Jenseits

Angekommen auf dieser Welt ist Michael Baumann am 25. August 1947. Am gleichen Tag feiert übrigens der damalige FDJ-Vorsitzende Erich Honecker seinen 35. Geburtstag. Aber Ostberliner Nachkriegskinder träumen weniger vom FDJ-Blauhemd, sondern mehr von Kaugummi, Zündplättchen-Colts und Lucky Strike-Zigaretten.

Diese Träume zu erfüllen, ist in der Vier-Sektoren-Stadt nicht schwer. Mit der S-Bahn fahren Michael und seine Kumpels von Kaulsdorf bis Warschauer Straße, spazieren über die Oberbaumbrücke. Auf Lebensmittelkarten haben sie ihr Geburtsdatum gefälscht, damit sie für 25 Pfennig Ost in eins der zahlreichen Wanzenkinos gelassen werden. Manchmal stöbern sie auch in einem Kellergeschäft, wo es Schmöker und Comic-Hefte gibt: Comics von Carls Barks, Micky Maus, Tarzan, Jerry Cotton. Heftchen, die in der Schule als »Schund- und Schmutzliteratur« verteufelt werden.

Richtige Abenteuerspielplätze finden sich auch zu Hause in Alt-Kaulsdorf. Etwa der kleine Mont Klamott an der Chaussee nach Frankfurt/Oder. Auf dem Berg aus Schutt und Trümmern kann man noch verrostete Stahlhelme ausbuddeln oder Munitionskisten samt Inhalt. Die größeren Jungs nehmen die Patronen und bauen daraus mit Draht und Keksdosen kleine Bomben. »Der pure Wahnsinn, was wir damals anstellten«, stöhnt Bommi Baumann heute noch, »ein Wunder, daß nie etwas passierte!«

Dieser polytechnische Erfahrungsvorsprung soll ihm zehn, fünfzehn Jahre später noch nützlich sein, als sie in Westberlin Molotow-Cocktails basteln. Er kennt sich in der Materie schlichtweg besser aus als andere, zudem ausgestattet mit dem »Handbuch der NVA« aus der Karl-Marx-Buchhandlung. Impulsiv widerspricht er aber der Legende, daß der Spitzname »Bommi« mit der einstigen Leidenschaft für Sprengstoff zu tun habe. Vielmehr hinge das mit Bommerlunder-Schnaps zusammen, »Bommi mit Pflaume«.

Jedenfalls kriegen damals die Eltern vom Treiben ihres Sprößlings wenig mit. Die Mutter kommt erst am späten Nachmittag nach Hause, sie betreibt am Bahnhof Kaulsdorf eine kleine Repassier-Werkstatt, wo sie Laufmaschen an Perlonstrümpfen repariert. Der Vater hat noch später Feierabend, er arbeitet wie viele andere in Westberlin als sogenannter Grenzgänger, das verdiente Westgeld kann zum Kurs von 1:4 oder 1:5 umgetauscht werden. »Uns ging es finanziell besser als vielen anderen Familien«, erinnert sich Bommi. Trotzdem packen die Baumanns ihre sieben Sachen und gehen rüber, in den Westen. Im Februar 1960, anderthalb Jahre vor dem Mauerbau.

Satisfaction

Das Notaufnahmelager Marienfelde ist proppenvoll. Mittags stehen die Flüchtlinge in einer langen Schlange nach einer Schüssel Suppe an. Die Westberliner Verwandten, bei denen sich die Familie dann zeitweise einquartiert, haben auch wenig Platz. Bei der Oma muß Michael auf dem Kanapee im Wohnzimmer schlafen. Besser ist es schließlich in der eigenen Wohnung in Reinickendorf, im Schatten des Märkischen Neubauviertels. Aber von den Nachbarn werden die Ostflüchtlinge »Zigeuner« genannt. Michael fühlt sich nicht heimisch. Keine Freunde, kein Geld, dreimaliger Schulwechsel. »Ich hatte absolut keinen Bock mehr auf Schule, der Rausschmiß ließ dann auch nicht lange auf sich warten«, erzählt Bommi. Doch auch die Lehre als Betonbauer ist nicht das, was er sich erträumt hat. Im ersten Lehrjahr gibt’s 25 DM Lehrlingsgeld im Monat. Davon muß auch noch die Fahrkarte gekauft werden, um jeden Morgen um 4 Uhr nach Hakenfelde zu fahren, »an den Arsch der Welt, bei jedem Wind und Wetter«. In seinem ersten Buch erinnert er sich: »Auf der Fahrt zu der Baustelle ist mir plötzlich klar geworden: Das machst du jetzt fünfzig Jahre. Es gibt kein Entkommen. Der Schreck hat mir ziemlich in den Gliedern gesessen.«

Den Rettungsanker haben ausgerechnet die Amerikaner geworfen: die Hollywoodfilme mit James Dean und Marlon Brando, die Bücher von Hemingway, Ginsburg und Kerouac, die Musik. Zuerst der Jazz und Blues der Schwarzen, dann der Rock’n’Roll mit Little Richard, Chuck Berry und Elvis Presley. Schließlich die Beatles und Rolling Stones und ...

Für die Jugendlichen eine Erleuchtung. »Ich bin der U.S. Army bis heute dafür dankbar, daß sie einen Radiosender für ihre Soldaten betrieb, den AFN, der wenigstens eine Stunde am Tag Rock’n’Roll gespielt hat«, meint Bommi. Mit einer Flasche Wermut aus dem Intershop vom Bahnhof Friedrichsstraße setzt er sich zu den anderen 50 bis 80 jungen Leuten auf dem Breitscheidplatz. Die meisten tragen wie er lange Haare, aus den Kofferradios vor der Gedächtniskirche dröhnt »I can’t get no satisfaction«. Bei vielen Mädchen kommt man damit gut an, doch die vorbeieilenden braven Bürger ekeln sich vor »Gammlern« und »asozialem Abschaum« und fordern »Abtransport ins Lager«. Auch Baumanns Vater hatte, als er erstmals Little Richard hörte, befohlen: »Stell dieses syphilitische Negergeschrei aus!«

Foto: Robert Máté
Dann, so scheint es, beginnt ein Leben wie im Rausch. Happening im Zeitraffer: Sit-ins im Tiergarten, ein Konzert mit 20 Beatbands in der Deutschlandhalle, die Stones in der Waldbühne, Kontakte mit politisierenden Studenten um Rudi Dutschke vom SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), gemeinsame Aktionen und Demos mit der APO (Außer­parlamentarische Opposition) gegen Vietnamkrieg, Große Koalition und Notstandsgesetze, Begegnungen mit Dieter Kunzelmann, Horst Mahler, Fritz Teufel, Rai­ner Langhans und deren Groupi Uschi Obermeier von der Kom­mu­ne I. Sie feiern bei Käptn Bilbo am Olivaer Platz, des­sen Wirt als Anarchist gegen Franco ge­kämpft hatte. Mit dem Zentralrat der umherschweifen­den Hasch­rebellen trinkt er bei der Dicken Wirtin am Savignyplatz oder bei Ernie in der Kreuzberger Eisenbahnstraße gemeinsam mit den Malern Kurt Mühlenhaupt und Friedrich Schröder Sonnenstern oder mit dem begnadeten Kabarettisten Wolfgang Neuss. Für die Kommune in der Wielandstraße, in die Bommi bald einzieht, fungiert Rechtsanwalt Otto Schily, der spätere Bundesinnenminister, als offizieller Hauptmieter. Wenn Baumann erzählt, hört sich das an wie ein Who is Who der deutschen Zeitgeschichte. Als er im Vertrieb der linksalternativen Zeitung Extra-Dienst arbeitet, lernt er eines Abends auch Benno Ohnesorg kennen. Am nächsten Tag, am 2. Juni 1967, wird der Student von einem Polizisten erschossen.

Ein Jahr später ist Studentenführer Rudi Dutschke Opfer eines Mord­versuchs. Bevor der Attentäter seine Schüsse abfeuert, brüllt er: »Du dreckiges Kommunistenschwein!« Danach brennt vor dem Springer-Hochhaus in der Kochstraße die Luft, im wahrsten Sinne des Wortes. Baumann, in der ersten Reihe der Protestierenden, beschreibt später seine Gefühle: »Bei dieser Demonstration ist bei mir mein ganzes Leben, alles nochmal abgelaufen ... Alle Schläge, die ich gekriegt habe, was du so alles erlebst, was du als Ungerechtigkeit empfindest ... An dem Abend ist irrsinnig viel passiert, das hat dir auch wirklich ’ne Kraft gegeben. Hier sind einfach von der anderen Seite die Schranken überschritten worden, und das ist einfach die richtige Antwort gewesen. Die allgemeine Hetze hat einfach ein Klima geschaffen, wo du mit Späßchen nichts mehr erreichen kannst. Wo sie dich so oder so liquidieren, ganz egal, was du machst. Bevor ich nun wieder nach Auschwitz transportiert werde, denn schieß ich lieber vorher.«

Ende einer Odyssee

In der Folgezeit tritt ein Teil der APO den langen Marsch durch die Institutionen an, andere antworten auf die Gewalt mit Gegengewalt. Von der Subkultur zur Stadtguerilla ist es nur ein kleiner Schritt, für Bommi Baumann auch. Brandanschläge, Banküberfälle, ein paar Monate Knast. Konspirative Treffen mit den »Staatsfeinden Nr. 1 und 2« Andreas Baader und Ulrike Meinhof von der RAF (Rote Armee Fraktion); mit Fritz Teufel, Inge Viet und anderen gründet Baumann die Bewegung 2. Juni. Mittlerweile kann die Geschichte des Terrorismus in der Bundesrepublik in Geschichtsbüchern nachgelesen werden ... Bei den Aktionen gibt es Tote, einer ist Bommis Freund Georg von Rauch, der bei der versuchten Festnahme durch die Polizei erschossen wird. Für Baumann kommt zum Entsetzen die Einsicht, daß dieses »Macht kaputt, was euch kaputt macht« eine tödliche Spirale ist. Er bleibt untergetaucht und verabschiedet sich vom bewaffneten Kampf. Während auf den Fahndungsplakaten sein Gesicht prangt, gibt er Anfang 1974 dem Spiegel ein Interview, Überschrift: »Freunde, schmeißt die Knarre weg!«

Baumann begibt sich auf den Hippie-Treck in Richtung Indien, über Syrien, Iran und Afghanistan, konsumiert sämtliche Drogen dieser Welt und ruiniert seine Gesundheit. 1973, beim Transit von der CˇSSR nach Westberlin, fliegt er mit seinem falschen Paß an der DDR-Grenze auf und wird wochenlang von der Staatssicherheit verhört. Zuerst im Dresdener Gefängnis, wo bereits der Anarchist Michail Bakunin saß, dann in Berlin-Hohenschönhausen. Die Geheimdienstler lassen keinen Zweifel daran, daß sie über Insiderwissen verfügen, auch aus der Westberliner politischen Polizei. Vor die Alternative gestellt, an den bundesdeutschen Verfassungsschutz ausgeliefert zu werden oder zu kooperieren, schließt Bommi mit der Stasi ein Geschäft ab und berichtet ausführlich über seine Kampfgefährten im Untergrund. »Das Hemd war mir näher als die Jacke«, sagt er. »Mit dem Verfassungsschutz hätte ich nie einen solchen Deal gemacht, außerdem war Kalter Krieg und die Jungs von der Stasi und ich hatten den gleichen gemeinsamen Klassenfeind.«

1981 kommt es in Baumanns Odyssee zum Schlußakt. Er wird in London verhaftet und zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Es ist zu Ende und irgendwie zugleich ein neuer Anfang. »Im Untergrund bist du nie du selbst«, sagt Bommi und erklärt, daß das nicht nur an der falschen Identität und Legende liegt. »Du entwickelst einen Instinkt wie gejagtes Wild, bist ständig angespannt und hellwach und spürst, wenn du beobachtet wirst. Als Gesetzloser benimmst du dich nur gesetzestreu, darfst noch nicht mal schwarzfahren. Und wenn du selbst unterm Hemd eine Knarre trägst, hast du einen anderen Gang und eine andere Körperhaltung. Noch heute rieche ich Waffenträger hundert Meter gegen den Wind.«

Am Friedhof der Märzgefallenen strafft sich Bommi Baumanns Oberkörper. Es scheint fast so, als grüße er das Denkmal des roten Matrosen mit dem umgehängten Gewehr. Eine Bewegung mit der linken Hand, auf deren Handrücken, zwischen Daumen und Zeigefinger, drei dunkelblaue Pünktchen tätowiert sind. Ein Knast-Tattoo, das für Verschwiegenheit steht: nichts sagen, nichts sehen, nichts hören. Aber Bommi grinst nur und sagt: »La mala vita!« Das ist italienisch und heißt »das böse Leben« ... Einem Buch, das er vor Jahren geschrieben hat, gab er den Untertitel »Wer nicht weggeht, kommt nicht wieder«. Vielleicht ist Bommi Baumann schon immer hier zu Hause.

 

Thomas Heubner

 

Bücher von Bommi Baumann (Auswahl):

Wie alles anfing, Rotbuch Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-86789-007-7

Radikales Amerika. Wie die amerikanische Protestbewegung Deutschland veränderte (mit Till Meyer), Rotbuch Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-86789-010-6

HiHo. Wer nicht weggeht, kommt nicht wieder, Frölich und Kaufmann im Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1987, ISBN 3-455-08655-1



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