|
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Mandy Meier | April 2008
Fluchtpunkt Tempelhof
Besuch war am Wochenende eingetroffen bei den Meiers am Boxhagener Platz. Ein alter Schulfreund von Mandys Mann, den es vor Jahren nach Leipzig verschlagen hatte. Der Gast sollte natürlich etwas erleben. Also schleppten Mandy und Dieter ihn mit über die Südgrenze des zwangsvereinten Stadtbezirks, nach Tempelhof. Dort am Flughafen gab es nämlich ein megastarkes Event, ein Volksfest mit Hotdogs, Swing und Stars zum Anfassen. Bereits in der kultigen Eingangshalle, durch die schon der Führer und Max Schmeling geschritten waren, stolperten ihnen Promifriseur Bodo Schmalz und der singendende Trucker über den Weg. Ein Gedränge, als wären Freikarten für ein Florian Silbereisen-Konzert verschenkt worden. Hinter einem Infostand hatte sich ein stadtbekannter Teppichhändler verbarrikadiert. Der wollte früher mal Regierender Bürgermeister werden und war der einzige in der Stadt, der seit der Fußball-WM 2006 immer noch mit einem schwarz-rot-goldenen Fähnchen an seinem Auto herumfuhr – neben dem Bundespräsidenten mit der Standarte an der Staatskarosse. Freudig erregt winkte er die drei einsamen Voyeure heran und bettelte lautstark: »Unterschreiben Sie für das Volksbegehren zum Erhalt des Flughafens Tempelhof! Wir sind das Volk!«
Allein Mandy schüttelte energisch den Kopf. »Der Flughafen Tempelhof muß erhalten bleiben!« sprach sie beherzt, und des Teppichhändlers Wangen glühten frostrot wie bei den Wehrmachtssoldaten vor Stalingrad. »Wie wichtig ein Flugplatz im Stadtinneren ist, beweist doch die Zeitgeschichte«, fuhr Mandy fort. »Seit Batista in Havanna oder Somoza in Managua wissen wir ja, wie günstig es für abgedankte Regierungen ist, einen Fluchtpunkt ganz in der Nähe des Amtssitzes zu haben. Diesen Weg ins Exil sollten wir auch in Berlin nicht verbauen!« Dieter war vom Vorschlag seiner Frau sofort begeistert. Nur mit Engelszunge konnte Mandy ihn davon überzeugen, nicht sofort aufs Rollfeld zu rennen. Sonst hätte er schon mal die Douglas C-54 Skymaster, den alten Rosinenbomber, auf die Startbahn geschoben und den Motor warmlaufen lassen.
Thomas Heubner
|
||||||||||||||||||||








