Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik

Die Literatur | April 2008

Carsten Schulze: Paranoia-Ungeheuer auf Stralau

Der Klang der Stimmen kam ihm vertraut vor. Ein geschäftsmäßiger Tonfall, höflich, sachlich, mit witzigen Einlagen gespickt, die dreckiges Lachen hervorriefen. Einer schien älter, er führte jetzt das Wort. Angestrengt horchte er von seinem Platz.

»Man glaubt erst, wenn man es selber sieht, welchen Auswurf dieses Land beherbergt, gerade in einer Stadt wie Berlin. Vor 15 Jahren haben wir begonnen im Osten Inseln zu errichten, heute lassen wir die Inseln schleifen, die übrig geblieben sind. Sie wissen, dass Potential in dieser Gegend steckt, wenn wir die Rahmenbedingungen ändern. Wir könnten auf einen Schlag alles erledigen. Die Logistik, die Finanzierung, alles steht. Die Pläne liegen seit Jahren in der Schublade. Der große Wurf, Sie nehmen das Gelände, seine Ressourcen, ergänzen sinnvoll, schaffen Strukturen, verdienen Millionen. Und die Möglichkeiten! Sie wissen doch, je weiter das Feld, desto größer die Möglichkeiten. In meiner Position kann ich einiges bewegen. Der lange Atem ist das Wichtigste. Sie brauchen Ressourcen, immer am Ball bleiben, breit aufgestellt, aber schön schlank. Jeder trägt seinen Teil bei und kriegt sein Stück vom Kuchen, auch Sie und ihre Leute.«

Ein Mann um die 60, Hut über Glatze, Goldbrille, beigefarbener Trenchcoat über feinem Tuch, die Schuhe nicht unter 500 Euro, da kannte er sich aus, im Schuh steckte der Mann, trat mit einem großen Schritt ins Zimmer. Grotesker hätte der Gegensatz zwischen Mann und Zimmer nicht sein können.

»So sehen heute die Penner aus, Herr Vogt, das müssen Sie sich anschauen. Und öffnen Sie bitte die Fenster, das ertrage ich nicht.« Vogt stürzte über den Müll hinweg zum Fenster.

Der Alte fasste ihn am Kinn und bewegte seinen Kopf hin und her.

»Tss, Tss, Tss Helms. Wie ich mich freue, Sie in diesem Aufzug zu treffen. Sie los zu werden, ist das Sahnehäubchen auf diesem kleinen Geschäft. Es ist wie nach einem Boxkampf. Der Verlierer muss sich dem Publikum stellen, bevor er den Ring verlässt. Alle wollen ihn anschauen. Den Kampf haben sie lustvoll angesehen. War der Verlierer ein Feigling, muss er den Spott dafür entgegennehmen, dass er seinen Mut überschätzt hat.«

Küpper, diese immer grinsende Visage. Sein Zahnarzt hatte ein Monster aus ihm gemacht, aber er fand das wohl schick. Irgendwas stimmte da mit der Farbe nicht, und die Schneidezähne waren alle zu groß geraten. Er sah wirklich wie ein Wolf aus, der Kreide gefressen hatte, schneeweiß zwischen den Lippen. Wieder stürmten Gedanken auf ihn ein. Küpper inspizierte die Wohnung. Langsam dämmerte ihm der gestrige Abend entgegen, Gefühle, Gesichter, Szenen kehrten zurück, die ganze elende Scheißsituation, in die er geraten war, ein abgekartetes Spiel von Anfang an. Man wird unvorsichtig, wenn man zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Wer bewundernd neben sich selber steht, verliert den Instinkt, und das kann einem das Genick brechen in diesem Geschäft. Zahlen lügen, aber Menschen brüten sie aus. Warum sollte man ihnen vertrauen? Gefallen beruhen auf Gegenseitigkeit, Sympathie kann geheuchelt sein, alte Freundschaften, Familienbande. Es funktioniert natürlich immer noch nach archaischen Mustern. Was ist archaischer als das Ego?

Es waren Küppers Jungs in der Bar gewesen. Sie hatten ihm geschmeichelt mit dem Stralau-Deal, den er gemanagt hatte. Als Hellmann und Schulz rausgeflogen waren nach dem Urteil. Sie waren noch im Gericht, als der Schlosser die Türen aufbrach. Stundenlang standen sie später mit ihrem Kram im Regen. Die hatten ja niemanden. Blitzkrieg, das war unnötig, aber gut für den Ruf.

 

© und mit freundlicher Genehmigung: Carsten Schulze; aus: Warten am Ostkreuz, hrsg. vom RuDi-Nachbarschaftszentrum im Rahmen eines Schreibwettbewerbs, Berlin 2006



In der gleichen Ausgabe
Die MenschenSein langer Marsch. Der Beton- und Bombenbauer Bommi Baumann
Die StraßenEbertystraße
Die GeschichteDer Handelsvertreter
Die GeschäfteDampfpackung mit Milch und Honig
Das EssenSizilianische Vesper
Die OrteKulisse für eine Inszenierung
Mandy MeierFluchtpunkt Tempelhof
Die BlickpunkteDie Blickpunkte
pfeilback   
© Friedrichshainer Chronik - Text und Bild sind durch Copyright geschützt.
Sitemap