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Die Orte | April 2008
Kulisse für eine Inszenierung
Ein Foto hat den Ort weltbekannt gemacht, doch die Ecke selbst kennen auch viele Einheimische nicht namentlich: den Helsingforser Platz, benannt nach der finnischen Hauptstadt, an der Warschauer Brücke gelegen, auf den die Helsingforser und die Marchlewskistraße münden. Das berühmte Foto ist allerdings ein Standbild, herauskopiert aus einem Dokumentarfilm. Es zeigt zwei Straßen, die um ein zerbombtes Haus im spitzen Winkel aufeinander zulaufen und aus denen zwei Menschenströme kommen und miteinander verschmelzen. Vier Männer an der Spitze des Marschblocks tragen ein Transparent mit der Aufschrift »Sozialistische Einheitspartei«. Ein Bild, eine Szene voller tiefer Symbolkraft. Über Schutt, Trümmer und Asche, nach der finstersten Periode deutscher Geschichte, nach Nazidiktatur und Krieg, vereinigen sich die beiden großen Arbeiterparteien KPD und SPD.
Ein paar Tage, nachdem diese Aufnahme gemacht wurde, am 19. und 20. April 1946, hatten sich die beiden Parteien im Deutschen Theater bzw. im Theater am Schiffbauerdamm noch zu getrennten Parteitagen getroffen, um ihre Vereinigung zu beschließen. Die Gründung der neuen Partei, der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), erfolgte dann 24 Stunden später, in der Deutschen Staatsoper im Admiralspalast in der Friedrichstraße. Zur Eröffnung des Vereinigungsparteitags erklang die Fidelio-Ouvertüre Beethovens, danach betraten Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, die beiden Parteivorsitzenden, die Bühne und reichten sich die Hände. Ein Sinnbild, das sich seitdem auch im Emblem der SED widerspiegelte. Diesem denkwürdigen Ereignis waren Wochen und Monate heftiger politischer Auseinandersetzung vorausgegangen, denen man wohl weder mit dem Etikett »Zwangsvereinigung« noch mit »Neugeburt der deutschen Arbeiterbewegung« historisch gerecht wird. Denn nach dem Neubeginn 1945 besaß die Idee eines breiten antifaschistischen Bündnisses und der Einheit der Arbeiterklasse zweifellos große Anziehungskraft. Zu tief klafften noch die Wunden aus der Nazizeit, zu hoch war der Blutzoll im antifaschistischen Widerstand, zu bitter war die Erfahrung, daß die Spaltung der Arbeiterbewegung eine wesentliche Ursache für Hitlers Machtergreifung war. Doch so stark auch die ehrlichen Einheitsbestrebungen an der Basis waren, ein demokratisches freies Spiel der Kräfte gab es nicht. Konnte es auch nicht geben, da die Besatzungsmächte im längst begonnenen Kalten Krieg ihre eigenen Interessen durchsetzen wollten. So bediente die sowjetische Besatzungsmacht im Osten Berlins und Deutschlands die gesamte Klaviatur: Hätscheln und Umwerben von Sozialdemokraten, Versammlungsverbote, Pressezensur, Ablösung von Funktionären, schließlich Inhaftierungen und Aburteilung durch Militärgerichte. Der Dramatiker Heiner Müller schilderte dies anschaulich am Beispiel seines Vaters, der in Sachsen SPD-Kreisvorsitzender war, sich aber aufgrund des Drucks »von oben« gegen die Vereinigung ausgesprochen hatte. Er wurde eines Tages zum sowjetischen Geheimdienst vorgeladen. Zunächst lehnte er ab, auf Versammlungen die Vereinigung zu propagieren. Dann wurde ihm das »Geständnis« seiner Sekretärin vorgelegt, wonach er eine faschistische Widerstandsgruppe gebildet habe. Der sowjetische Offizier sagte: »Du sprechen für Vereinigung, ich vergessen Papier!« Müllers Vater: »Ich sprechen für Vereinigung.« Darauf der Offizier: »Nix sprechen für Vereinigung, du feurig sprechen für Vereinigung!« Aber auch die westlichen Besatzungsmächte ließen in ihren Zonen keine Chancengleichheit zu. Eine linke Hegemonie oder gar eine kommunistisch dominierte Einheitspartei in Nachkriegsdeutschland widersprach ihren Machtinteressen. Beispielsweise verweigerten die Briten im Oktober ’45 Otto Grotewohl die Einreise zu einer Funktionärskonferenz in Hannover. Beim Vereinigungsprozeß waren die territorialen Unterschiede groß. Während sich in Neuruppin KPD und SPD schon im Februar 1946 vereinigten, sprachen sich in Westberlin bei einer Urabstimmung 82,3 Prozent der Teilnehmer – das waren 47,7 Prozent der SPD-Mitglieder – gegen eine sofortige Vereinigung aus. Und auf einem anderen Blatt der Geschichte steht, daß von den Delegierten im Admiralspalast innerhalb weniger Jahre die Hälfte aus ihren Funktionen verdrängt wurde oder stalinistischen Säuberungen zum Opfer fiel. Davon konnte Ende April 1946 der 35jährige Kurt Maetzig noch nichts wissen. Er leitete damals die Kino-Wochenschau Der Augenzeuge und hatte vom KPD-Funktionär Anton Ackermann den Parteiauftrag erhalten, möglichst viel vom Vereinigungsprozeß der beiden Arbeiterparteien festzuhalten. Also drehte er mit seinem kleinen Stab bei zahlreichen Versammlungen und Kundgebungen in Dörfern und Städten. Der gefilmte Friedrichshainer »Einheitsmarsch« fand freilich nicht in den historischen Stunden des Vereinigungsparteitages statt, sondern wurde erst im nachhinein als solcher stilisiert. Bei den Demonstranten handelt es sich allerdings nicht um bezahlte Komparsen, sondern um Teilnehmer einer der vielen Demonstrationen jener Tage, die lediglich an die Warschauer Straße umgeleitet und gebeten wurden, am Ende das besagte Transparent zu erheben. Ein künstlerischer Eingriff, über den Kurt Maetzig Jahre später anders dachte: »Ich war eigentlich gegen symbolische Hilfsmittel und besonders gegen Inszenierungen im Dokumentar-Film. Aber hier habe ich es einfach einmal versucht. Allerdings sollte der Zuschauer deutlich merken, daß ›inszeniert‹ wurde. Deshalb erheben die Demonstranten das Transparent mit der Losung erst vor den Augen der Zuschauer.« Erst Mitte der 80er Jahre wurden am Helsingforser Platz die letzten Kriegsschäden beseitigt und ein Neubaublock errichtet. In sein Parterre zog die erste öffentliche Fotogalerie der DDR-Hauptstadt, die heute noch besteht. Und der DEFA-Dokumentarfilm »Einheit SPD-KPD – Die Vereinigung der SED«, Maetzigs Regiedebüt, schwarzweiß, Gesamtlänge 19 Minuten, ist als Video käuflich zu erwerben.
Jens-Axel Götze
Literatur: Wolfgang Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder, Reclam-Verlag Leipzig 1990
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