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Das Essen | April 2008

Sizilianische Vesper

Der blutige Aufstand in der Hafenstadt Palermo begann zum Abendgottesdienst, zur Vesper am Ostermontag, am 30. März 1282. Auslöser war die Vergewaltigung einer jungen Frau durch einen französischen Besatzungssoldaten im Dienste Karl von Anjous. Die Mutter der geschändeten Frau lief daraufhin klagend durch die Gassen: »Ma fia! Ma fia!« – »Meine Tochter« nach mittelalterlichem sizilianischem Dialekt. Etwa sechs Wochen später wurden die französischen Einwohner Siziliens grausam massakriert – und seitdem denkt man bei Sizilianischer Vesper weder an ein liturgisches Abendgebet noch an eine Zwischenmahlzeit. Damit nicht genug – der Legende nach soll die ursprünglich in Sizilien beheimatete Verbrecherorganisation Mafia hieraus ihren Namen bezogen haben.

An die Geschichte der ehrenwerten Familie wie auch an die einer ihrer Bosse, nämlich an »Scarface« Al Capone, der erstmals »Geldwäsche« sinnbildlich praktizierte und seinerzeit nur wegen Steuerhinterziehung in den Knast kam, wird man in der Simon-Dach-Straße erinnert. An deren südlichem Ende, fast an der Revaler, wohin sich ganz junge Szenegänger nur selten verlaufen. Am Haus Nr. 29/30 ist ein Schild befestigt, auf dem Weiß auf Schwarz la familia zu lesen ist. Auf einem anderen erkennt man Al Capones Konterfei neben einer Maschinenpistole. In deren Lauf steckt vielsagend eine Gabel – eine Einladung zur Sizilianischen Vesper? Auch im Inneren des kleinen Restaurants wird das Thema konsequent aufgegriffen: Fotos von Herrn Alphonse Gabriel Capone sowie aus dem New York und Chicago der 20er und 30er Jahre, die Deckenlampen im Art Déco-Stil.

Wir waren gespannt und ließen uns auf den bequemen, schwarz ge­polsterten Lederstühlen nieder. Die beeindruckende Speisekarte war einerseits fast extravagant, andrerseits sehr volksnah. Freund Jochen bedauerte zwar kurzzeitig, daß wir hier nicht an einem Montag oder Mittwoch eingerückt waren, denn da hätte er American Dinner von Ham-, Cheese- und Texasburger bis Spareribs genießen können oder Steaks bis zum Abwinken. Doch als Lokalpatriot ergötzte er sich für 6 Euro an Käs’Späzle, angereichert u.a. mit Frühlingszwiebeln, Paprika und Tomatenwürfeln. Ähnlich gesund speiste seine fröhliche Begleiterin Judith: warmer Hähnchen-Curry-Salat mit gerösteten Nüssen, Kaiserschoten, Kokosmilch und chinesischen Eiernudeln für 8,80 Euro. Die beiden blickten sich unentwegt tief in die Augen und fütterten sich gegenseitig mit Häppchen. Sowohl ein Zeichen ihrer Verliebtheit als auch ein ehrliches Kompliment an den Chef-Koch Kai Wissinger. Als stiller Tischgenosse konnte und wollte ich da nicht aus der Reihe tanzen und konzentrierte mich auf meine Limonen-Tagliatelle mit Streifen vom Rinderrücken für 11,60 Euro. Das Fleisch war zart, würzig und zerging auf der Zunge, den exotischen Geschmack der Bandnudeln habe ich heute noch Mund.

Fast nebensächlich, aber in der Friedrichshainer Gastronomie schon erwähnenswert: Der Kellner war unaufdringlich, aber freundlich, flott und sachkundig. Und aus den Lautsprechern krachte weder nerviger Punk noch Giuseppe Verdis Oper I vespri siciliani, sondern dezenter Jazz. Ein Fingerzeig auf Donnerstag, Freitag und Samstag Abend, wenn es hier Live-Musik gibt. Dann kommt auch ein bißchen Bar-Feeling auf wie vor 80 Jahren im Cotton Club. Ganz in Familie.

 

Justus Hackmann

 

La Familia. Coffee-restaurant-bar, Simon-Dach-Straße 29/30, 10245 Berlin, Telefon 030/290 092 82, www.lafamilia-berlin.de, Mo–Do 18–24 Uhr; Fr, Sa, So 10–2 Uhr



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