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Die Geschäfte | April 2008

Dampfpackung mit Milch und Honig

Zuerst glaubte er an einen Scherz, dann an einen Irrtum. Am Ende war er nur noch verärgert und bat seine Rechtsanwältin, sich darum zu kümmern. Die Juristin überzeugte dann das Ordnungsamt sehr schnell davon, daß die schlichte Holzbank vor dem Schaufenster mitnichten irgendwelchen Schankzwecken dient, sondern deshalb hingestellt wurde, damit sich Verkäufer, Kunden und Anwohner hinsetzen und ausruhen und vielleicht auch im Sonnenschein miteinander plaudern können. Schließlich handelt es sich bei dem Geschäft am südlichen Ende der Simon-Dach-Straße weniger um einen Bar- oder Gastronomiebetrieb, wohl aber um ein Geschäft für Naturkosmetik. Und dort ist Alkohol lediglich Bestandteil von Rasierwasser, Nagellackentferner oder ähnlicher Waren.

Christian Bredlow, der gemeinsam mit seiner Frau Stefanie den Laden führt, könnte einen ganzen Abend lang solche unterhaltsamen Geschichten erzählen: Etwa über den Ver­treter der GEMA, der sich darum sorg­te, ob beim Verkauf von Ratanhia-Zahn­pasta und Bio Olive-Duschgel auch die Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte von Musikwerken gewahrt bleiben – obwohl bei Bredlows weder Pop noch Klassik dudelt. Oder über das Bauaufsichtsamt, das beim Anbringen eines profanen Ladenschildes hektische Aktivitäten entwickelte, als ob über dem Kiez ein sowjetisches Wostok-Raumschiff an eine US-amerika­nische Apollo-Rakete andockt. Oder über den schlitzohrigen Bauernfänger, der den Geschäftsinhabern einen mehrjähri­gen Pflegevertrag für Feuerlöscher auf­schwat­zen wollte.

Nach fast vier Jahren Selbständigkeit können die zwei Bredlows über manche Fallstricke, Paragraphen, Vorschriften und Durchführungsbestimmungen, die das klei­ne Unternehmertum alltäglich be­glei­ten, schon lächeln. Damals war ihnen nicht danach zumute. Immerhin dauerte das amtliche Procedere gute drei Mona­te, bevor sie im November 2004 ihr Ge­schäft eröffnen durften. Leute mit weniger Hu­mor und schwächeren Nerven gehen vor­her Pleite. Aber Bredlows hatten nicht nur einen verständnisvollen Vermieter, der sie auch beim Umbau des Ladens unterstützte, sondern auch den eisernen Willen, sich einen Traum zu erfüllen, den sie schon 20 Jahre träumten, fast genau so lange, wie sie auch zusammen sind. So alt – und so gut – sind auch Ladendesign und Logo, das sie damals bereits selbst entworfen hatten und nun kurzerhand verwendeten.

Gewiß, für den gelernten Journalisten Christian Bredlow war die Umstellung eine große. Doch wer einen 14-Stunden-Arbeitstag kennt, der findet sich auch schnell in der neuen Materie zurecht, der kann nach kurzer Zeit Ghassoul Wascherde von Zimt-Orangen-Seife unterscheiden. Freute er sich anfangs noch wie ein kleiner König über jede Warenlieferung von Weleda, Dr. Hauschka oder Tautropfen und öffnete sie ehrfurchtsvoll wie ein Weihnachtspaket, so ist das mittlerweile Routine. Ebenso wie Buchhaltung, Warenbestellung und Inventur. Nur als Mann hinterm Ladentisch entspricht er nicht unbedingt dem Klischee vom Bilderbuchverkäufer. Also jener Spezies, die sofort hinter der Kasse mit einem »Was kann ich für Sie tun?« hervorspringt, sobald ein potentieller Käufer den Laden betritt. Vielmehr läßt Bredlow den Kunden Zeit sich umzusehen in einem Sortiment, wo auch Bio drin ist, wo Bio draufsteht, von der Anti-Stress-Maske über die Reinigungsmilch bis zum Badeschwamm. Die Kunden wissen das zu schätzen. Die junge Mutter, deren Kind vorm Laden im Porsche-Kinderwagen schläft und die ihre Martina Gebhardt-Kosmetik für 150 Euro mit der Visa-Card bezahlt – die Freiheit nimmt sie sich –, ebenso der Punker, der eine Tube Zahncreme für einen Euro kauft. Und sie empfinden es überhaupt nicht als Manko, wenn Christian Bredlow bei einer speziellen Frage antwortet »Tut mir leid, das weiß ich nicht« und erst einmal seine Frau fragen muß.

Denn Stefanie Bredlow kennt sich aus, ist immerhin Fachfrau: so­wohl ausgebildete Fach- und Naturkosmetikerin als auch gelernte Chiropodistin, also Fußpflegerin, Nagel- und Hornhautspezialistin. Während ihr Mann vornehmlich vorn im Verkaufsraum herrscht, führt sie mehr hinten, im Verborgenen das Regiment, in den Kosmetik- und Fuß­pfle­ge­kabinen. Ihre Kunden kommen aus dem Kiez, aus den Nachbarbezir­ken, aber auch in Lichtenrade und Pan­kow hat sich Stefanie Bredlows hand­werkliche Meisterschaft herum­ge­sprochen. Sogar Leute aus Nor­we­gen, Kanada oder Hongkong lassen sich in der Simon-Dach-Straße pflegen. Ein Drittel davon erstaunlicherweise Männer, von 18 bis 80. Wenn es ums Aussehen geht, unterscheiden sich nämlich die Herren kaum noch von den Damen und nehmen die ganze Kosmetik-Pa­lette in An­spruch: Gesichtsbehandlung mit Dampf­packung und Milch und Honig, Fuß­pflege und Maniküre, Rückenhaarentfernung, Wimpern- und Au­gen­brauenfärben.

Auf der Kosmetik-Liege ist Gleichberechtigung angesagt, weder Frauen noch Männern schwatzt sie auf, was diese nicht wollen. Wichtig ist, daß die Kunden sich wohlfühlen, entspannen, gepflegt aussehen, unwichtig ist der Jugend- und Schönheitswahn, den die Werbung vorgaukelt. »Aus einem 30 Jahre alten Gebrauchtauto kann ich keinen Neuwagen zaubern«, sagt die Kosmetikerin und erklärt, daß sie Trockenfalten glätten kann – im Unterschied zu Mimikfalten. Und dann erzählt sie von einer Kundin, die sich von ihr als Teenager die Pubertätspickel behandeln ließ und die für den nächsten Termin ein Hochzeits-Make-up bestellt hat, natürlich vorher mit Probesitzung.

So sollte es in Zukunft bleiben, wünschen sich Stefanie und Christian Bredlow, und denken schon ans Altwerden in ihrem Laden unterm Kosmo-Logo, inmitten vieler anderer kleiner Geschäfte und netter Nachbarn. Doch bevor dieser Traum weitergeträumt werden kann, hüpft Töchterchen Carlotta in den Laden. Wie die Fünfjährige kokett in den Spiegel zwinkert, läßt vieles ahnen. Auch für den Familienbetrieb.

 

Manfred Rebner

 

Kosmo Naturkosmetik. Stefanie & Christian Bredlow, Simon-Dach-Straße 18, 10245 Berlin, Tel. 030/97 00 36 00, Öffnungszeiten: Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa 10–16 Uhr, www.kosmo-naturkosmetik.de



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