|
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Die Geschäfte | April 2008
Dampfpackung mit Milch und Honig
Zuerst glaubte er an einen Scherz, dann an einen Irrtum. Am Ende war er nur noch verärgert und bat seine Rechtsanwältin, sich darum zu kümmern. Die Juristin überzeugte dann das Ordnungsamt sehr schnell davon, daß die schlichte Holzbank vor dem Schaufenster mitnichten irgendwelchen Schankzwecken dient, sondern deshalb hingestellt wurde, damit sich Verkäufer, Kunden und Anwohner hinsetzen und ausruhen und vielleicht auch im Sonnenschein miteinander plaudern können. Schließlich handelt es sich bei dem Geschäft am südlichen Ende der Simon-Dach-Straße weniger um einen Bar- oder Gastronomiebetrieb, wohl aber um ein Geschäft für Naturkosmetik. Und dort ist Alkohol lediglich Bestandteil von Rasierwasser, Nagellackentferner oder ähnlicher Waren.
Gewiß, für den gelernten Journalisten Christian Bredlow war die Umstellung eine große. Doch wer einen 14-Stunden-Arbeitstag kennt, der findet sich auch schnell in der neuen Materie zurecht, der kann nach kurzer Zeit Ghassoul Wascherde von Zimt-Orangen-Seife unterscheiden. Freute er sich anfangs noch wie ein kleiner König über jede Warenlieferung von Weleda, Dr. Hauschka oder Tautropfen und öffnete sie ehrfurchtsvoll wie ein Weihnachtspaket, so ist das mittlerweile Routine. Ebenso wie Buchhaltung, Warenbestellung und Inventur. Nur als Mann hinterm Ladentisch entspricht er nicht unbedingt dem Klischee vom Bilderbuchverkäufer. Also jener Spezies, die sofort hinter der Kasse mit einem »Was kann ich für Sie tun?« hervorspringt, sobald ein potentieller Käufer den Laden betritt. Vielmehr läßt Bredlow den Kunden Zeit sich umzusehen in einem Sortiment, wo auch Bio drin ist, wo Bio draufsteht, von der Anti-Stress-Maske über die Reinigungsmilch bis zum Badeschwamm. Die Kunden wissen das zu schätzen. Die junge Mutter, deren Kind vorm Laden im Porsche-Kinderwagen schläft und die ihre Martina Gebhardt-Kosmetik für 150 Euro mit der Visa-Card bezahlt – die Freiheit nimmt sie sich –, ebenso der Punker, der eine Tube Zahncreme für einen Euro kauft. Und sie empfinden es überhaupt nicht als Manko, wenn Christian Bredlow bei einer speziellen Frage antwortet »Tut mir leid, das weiß ich nicht« und erst einmal seine Frau fragen muß.
Auf der Kosmetik-Liege ist Gleichberechtigung angesagt, weder Frauen noch Männern schwatzt sie auf, was diese nicht wollen. Wichtig ist, daß die Kunden sich wohlfühlen, entspannen, gepflegt aussehen, unwichtig ist der Jugend- und Schönheitswahn, den die Werbung vorgaukelt. »Aus einem 30 Jahre alten Gebrauchtauto kann ich keinen Neuwagen zaubern«, sagt die Kosmetikerin und erklärt, daß sie Trockenfalten glätten kann – im Unterschied zu Mimikfalten. Und dann erzählt sie von einer Kundin, die sich von ihr als Teenager die Pubertätspickel behandeln ließ und die für den nächsten Termin ein Hochzeits-Make-up bestellt hat, natürlich vorher mit Probesitzung. So sollte es in Zukunft bleiben, wünschen sich Stefanie und Christian Bredlow, und denken schon ans Altwerden in ihrem Laden unterm Kosmo-Logo, inmitten vieler anderer kleiner Geschäfte und netter Nachbarn. Doch bevor dieser Traum weitergeträumt werden kann, hüpft Töchterchen Carlotta in den Laden. Wie die Fünfjährige kokett in den Spiegel zwinkert, läßt vieles ahnen. Auch für den Familienbetrieb.
Manfred Rebner
Kosmo Naturkosmetik. Stefanie & Christian Bredlow, Simon-Dach-Straße 18, 10245 Berlin, Tel. 030/97 00 36 00, Öffnungszeiten: Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa 10–16 Uhr, www.kosmo-naturkosmetik.de
|
||||||||||||||||||||








