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Die Geschichte | April 2008
Der Handelsvertreter
Hurra, ich lebe noch. Die Woche ist vorbei. Freitag winkt mich auf die Überholspur neben all diejenigen, die morgen arbeiten müssen. Vorbei an jener Stelle, wo ich einst so oft so lange warten mußte … Ich hatte mich verdammt geärgert, als dieser Sachse da an der Grenze, den Dialekt kenne ich ganz genau, meiner Arabella auf die Pelle rückte und unter ihrem mintbeigen Kostüm rumzukramen begann. Als ich ihn mit hochrotem Kopf anfunkelte, grinste er zurück und ließ sich gar nicht stören. Den Wagen hatte ich vor Jahren von einer Witwe gekauft. 38 PS, 897 Kubikzentimeter, das war schon was, damals. 1961 ist meine Arabella im Kreissaal der Firma Lloyd vom Band geschwebt. Seit über 40 Jahren halten wir uns die Treue. Ihre Schwestern, 47.041 an der Zahl, sind fast gänzlich vom Asphalt verschwunden. Ich kann das nicht nach vollziehen. Gut, daß der Vorbesitzer sich so über die Getriebeschäden und das eindringende Wasser geärgert hat. Ich bekam sie fast geschenkt. Ihr mintgrünes Kostüm, der weiß-beige Aufbau, das Schiebedach aus PVC-Derivaten, die schnittige Form, die Proportionen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Dabei ist es geblieben, auch wenn mein deutsches Stromlinienbaby röhrt, vibriert und manchmal bockt, geifert und spuckt. Ich bin alte Schule, und mit Frauen oder Autos geht man nicht so achtlos oder gar grob um. Kein Wunder, die waren eben nur ihre Papp-Trabis gewöhnt, versuchte ich mich zu beruhigen, doch es klappte nicht so ganz. Gut, daß er nichts fand und schnell die Lust zu verlieren schien. Ich konnte jedenfalls in die teilkastrierte Reichshauptstadt einreisen. Auf der Rutschbahn
Ich hielt mich da raus, wenngleich ich in Beatclubs ging und gern tanzte. Doch die Frauen in Kostümen waren mir angenehmer als die in den bunten Schlabberkutten, wo man nicht erkennen konnte, auf was man sich einließ. Dann kamen enge Hosen und schließlich die Jeans für Frauen. Ich war erleichtert. Die Auftragslage war so gut, daß ich mir eine Wohnung kaufen konnte und eine Garage für Arabella. Doch in den 70er Jahren ging es bergab. Ölkrise 1972, die Menschen hatten Angst und sparten. Schlecht lief es noch nicht, doch es wurde schlimmer. Anfang der 80er Jahre flogen fast alle Türen vor meiner Nase zu. Ich wurde als »Klinkenputzer« beschimpft und auf die Stufe von »Drückerkolonnen« gestellt. Damals erwischten mich tief im Inneren Schläge. Sie warfen mich auf eine Rutschbahn, die unaufhörlich immer tiefer in die dunklen Sphären meiner Seele eindrang. Ich konnte nicht mehr lachen, verlor alle Freunde, die Frauen machten einen Bogen um mich, bis ich nur noch nach draußen ging, um das Nötigste zu besorgen. Arabella stand glücklicherweise in der trockenen Garage. Ab und zu setzte ich mich hinein. Und ein paar Mal ging es mir so gut, daß ich mit ihr hinaus fuhr, über die Straße des 17. Juni, den Ernst Reuter Platz, bis in den Grunewald. Doch seitdem ich nicht mehr weiß, wie wir zurück gekommen sind, steht sie dort unten. 1989 war ich auf dem Tiefpunkt angelangt. Ohne Aldi und Penny hätte ich meine ruhige Wohnung mit Mauerblick in Kreuzberg bald verkaufen müssen. Dann fiel sie, die Mauer. Nicht gleich hier bei mir vor der Tür. Das dauerte noch etwas. lch hörte im Radio von der Grenzöffnung. Mein Herz machte einen Hüpfer, diese elende Rutschbahn in die Dunkelheit zerbrach, und ich fühlte mich fast so wie in meinen ersten Jahren hier in Berlin. Über 16 Millionen Menschen, die plötzlich heiß begehrte Westwaren kaufen konnten, alles, was ihnen die vergangenen Jahrzehnte über versagt geblieben war, das Paradies für einen Handelsvertreter. Ich ging das erste Mal wieder hinaus, schloß die Garage auf und streichelte über Arabellas gewachste Lackschenkel. Dann fuhr ich los. Von meinen unzähligen früheren Besuchen in Ostberlin waren mir Hunderte von Ostmark geblieben. Die hatte ich immer wieder mit zurück geschmuggelt und noch einiges getauscht, 1:6 und mehr, wenn wir abends unterwegs waren. Das Sterben nahm kein EndeWährend nun alles nach Westen strömte, fuhr ich in den Osten, erst mal tanken für 1,40 Mark pro Liter, denn Arabella vertrug das Normalbenzin der DDR, dann zu den Geschäften. Gut, es gab nicht so viel Auswahl, doch ich kaufte ein, bis Arabella unter der Last ächzte. Schwere kleine Schrippen für 5 Pfennig, Dreipfundbrot für 93 Pfennig, Halbliterflaschen mit Milch für 34 Pfennig, Butter für 2,40 Mark, Wurst-, Fisch-, Gemüse und was weiß ich für Konserven, Werder-Ketchup, Senf aus Bautzen, Berliner Pilsener, Semper-Zigaretten für 3,20 Mark und ein paar frische Sachen, die es gerade gab. Zu Haus wanderte alles in Speisekammer, Eisfach und Kühlschrank. Ich war gerettet. Da ließ sich doch noch einiges mehr machen, dachte ich, während das Bier, Rügener Brathering, Spreewälder Gurken und VEB-Schrippen in meinem Bauch schwammen.
Ein bißchen Geld war noch auf dem Konto. Das sollte mein Startkapital sein. Während der kommenden Monate und erst recht nach dem 1. Juli 1990, als 180 Milliarden DM auf einen Schlag in die Noch-DDR flossen, entwickelte ich einen Plan. Ich sammelte, tauschte und kaufte, was zu finden war und mir ein Kribbeln in den Fingern bereitete. Ich war Händler geworden. Erst habe ich nur gesammelt. Die Leute schmissen ihre alten massiven Möbel auf die Straße, stellten sich Ikea-Weichholz an die Wand und nagelten taiwanesische Spiegel ins Bad. Kisten voller Haushaltsgeräte, vom Vollmetalltoaster über stabile, nahezu unzerstörbare Elektrokaffeemühlen bis zu Metall-Leuchten, die ich aus meiner Kindheit kannte, landeten in der Gosse. Container gefüllt mit alten Vollholzmöbeln standen nicht nur an der Prenzlauer Allee. Doch auch immer mehr Betriebe stellten ihre Produktion ein. Ich sah es in den Bekanntmachungen der Amtsgerichte. Kaum jemand hatte damals Interesse an »Made in GDR«. So wurden Produkte jeglicher Art und Inventar oft für Pfennige verramscht. Ende 1991 waren mehr als eine Million Menschen in der ehemaligen DDR arbeitslos. Und ich hatte keine Geldsorgen mehr. Die alten Möbel erzielten in Hamburg, München, Frankfurt am Main und Amsterdam gute Preise, doch meine zwei Lagerhallen von 1600 Quadratmetern und 8 Metern Höhe quollen über. Die Miete war damals kaum der Rede wert. Auf dem alten Schlachthof in Friedrichshain gab es immensen Leerstand.
Manchmal ging ich durch die Hallen, holte eine Kiste aus dem Regal und betrachtete die Sammlerstücke, den Trockenrasierer Komet TR 26, die formvollendete Heißluftdusche LD7 aus den 70ern oder was auch immer darin war. Besonders gern mochte ich die Mixette und den Meladur-Schüsselsatz aus den 50er Jahren, die rar waren und das Edelstahl-Set ABS rostfrei 188 mit Milchkännchen und Zuckerwürfelzange, das bis in die 80er Jahre produziert wurde. Von dem hatte ich noch mehrere Kisten auf Lager. Wenn ich mir vorstelle, daß John mit einer Anzeige in den örtlichen Tageszeitungen der US-Metropolen erst Dutzende von Journalisten und dann Tausende von Käufern anlockte … Und jetzt, fast zwanzig Jahre später, erzielt VEB-Haushaltsinventar auch bei uns Höchstpreise. Die ersten Nachbauten sind auf dem Markt. Hurra, ich lebe wieder. Die Woche ist vorbei. Freitag winkt mich auf die Überholspur neben all diejenigen, die morgen arbeiten dürfen. Ich schieße an ihnen vorbei in meinem röhrenden, deutschen Stromlinienbaby, Arabella, die ich im Leben niemals hergeben würde.
Stefan W. Thielke
Der Autor bietet Schreibwerkstätten an, Kontakt: Telefon 030/426 01 75 oder s.thielke [at] yahoo [punkt] de bzw. www.sthielke.de, und arbeitet mit den VirtuArtisten, die an jedem letzten Mittwoch eines Monats, 20 Uhr, im Literatursaloon LUNGE, La Tazza D’Oro, Grünberger Str. 40, lesen; www.virtuartisten.de
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