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Die Straßen | April 2008

Ebertystraße

Flaneure sieht man hier kaum. Keine Wunder, denn ein Prachtboulevard ist die schnurgerade Straße wirklich nicht, wie auch das ganze Quartier im nördlichen Friedrichshain nicht unbedingt als Vorzeigegegend gilt. Jahrzehntelang hat der benachbarte Alte Schlacht- und Viehhof dem Viertel seinen Stempel aufdrückt, graue Fassaden und bröckelnder Putz hatten sich in sein Gesicht eingegraben. Heute sieht man vielen Häusern Modernisierung und Rekonstruktion an. Aber manche aufgehübschte Fassade erinnert an Schönheitskosmetik und Botox-Spritzen und läßt alles irgendwie ein bißchen traurig wirken. Trotzdem sind die Begehrlichkeiten unter den Immobilenhändlern längst geweckt. Sie sprechen von einem »wachstumsfähigen Quartier in Zentrumslage« und hoffen darauf, daß der Boom aus dem Boxhagener und Samariter-Kiez hierher weiterwandert. Schon heute gibt es in der Erbertystraße Dachgeschoßwohnungen, knapp 100 Quadratmeter, für über 1.000 Euro zu mieten.

Vor allem junge, aufstrebende Leute scheint das weniger abzuschrecken denn anzuziehen. Beispielsweise die bekannte junge Schauspielerin Maria K., die in der Eberty­straße wohnte und die 2005 nicht durch ihre Film- und Bühnenrollen auffiel, sondern durch Brandstiftung in ei­nem Kindergarten in Prenzlauer Berg – aus »privater und beruflicher Frustration«, wie sie vor Gericht aussagte. Dramatisch auch das Schicksal des 22jährigen Diskjockeys David T., der im September 2006 in eine WG in der Straße eingezogen war. Nur einen Monat später stritt er sich mit seiner Freundin auf dem S-Bahnhof Bellevue, es kam zu einem Handgemenge, beide stürzten auf die Gleise und wurden von der einfahrenden S-Bahn überrollt.

Nicht ganz so schlagzeilenträchtig für die Boulevardpresse, doch ein wichtiges Indiz dafür, daß sich in der Straße mehr Tragödien als Komödien abspielen, ist vor allem Die Arche, die seit drei Jahren in einer ehemaligen Kindertagesstätte ihr zweites Berliner Domizil aufgeschlagen hat. Das christliche Kinder- und Jugendhilfswerk betreut hier täglich bis zu 200 Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Die Kinder bekommen ein warmes Mittagessen, Betreuung bei den Hausaufgaben, sie können basteln, singen, tanzen – und natürlich Gespräche über Gott führen. Das wußte auch die Gattin des Bundspräsidenten zu schätzen, die das Projekt im Sommer 2006 besuchte und dabei in der Ebertystraße kurzzeitig für einen gewaltigen Medienauflauf sorgte. In einem Stadtbezirk, der im Sozialstrukturatlas der Hauptstadt auf dem letzten Platz aller Bezirke rangiert, wo jedes vierte Kind in Armut aufwächst.

Zur Normalität in der Durchgangsstraße gehört auch das alltägliche Ringen der Geschäfte und kleinen Unternehmen ums wirtschaftliche Überleben. Davon können sowohl die Döner- und Thai Food-Etablissements als auch der Roman- & Comicladen und das Antiquariat für Bücher, Platten und Partituren ein Lied singen. Ebenso die Fahrschule, die Elektrowerkstatt oder der Fußbodenverlegeservice. Bangkok City und die Budike, wie sich das Wirtshaus an der anderen Ecke nennt, trennen nur scheinbar kulinarische Welten, und bei Green Planet, wo »Grow & Headshop« am Schaufenster steht, denken viele Alteingesessene nicht an Hanf, sondern an ein Wahlkreisbüro der Partei der Besserverdienenden. Während der Nachbarschaftsverein L’Eberty e.V. vor einem halben Jahr seine Räumlichkeiten verlassen mußte und immer noch nach einer Bleibe sucht, müssen in der Kalte-Hund-Manufaktur auf der anderen Straßenseite manchmal Nachtschichten eingelegt werden, um die steigende Zahl der Aufträge abzuarbeiten. So bekommt Manufaktur-Chef Jens Rose auch selten etwas vom Nachtleben in seiner Straße mit. Zumindest wenn in den Parterrewohnungen auf ein, zwei Hinterhöfen das schummrige rote Licht angeht und die Freier bei Miau Thai oder bei der Schokoperle Naomi klingeln.

Solches Treiben wird Herrn Dr. Eduard Gustav Eberty vermutlich nicht gänzlich fremd gewesen sein, dem Manne, nach dem die Straße zu Beginn des Jahres 1901 benannt wurde. Schließlich hatte Eberty in Berlin beruflich mit Waisenpflege, sanitären Einrichtungen, öffentlichen Markthallen und Schlachthäusern zu tun.

Er war 1840 in Görlitz geboren, besuchte das Gymnasium in Wittenberg und studierte dann in Heidelberg und Berlin Jura, Philosophie und Geschichte. Anschließend trat er in den Staatsjustizdienst ein, wurde Assessor, dann Hilfsrichter am Berliner Kammergericht. 1870 wurde auch Eberty vom Patriotismus übermannt, besann sich seiner soldatischen Tugenden, trat ins Heer ein und beteiligte sich am glorreichen Feldzug gegen Frankreich. Das Vaterland dankte es ihm, indem ihn die Berliner Stadtverordnetenversammlung 1872 zum besoldeten Stadtrat wählte. Seit 1885 gehörte er dem Preußischen Abgeordnetenhaus an, zwei Jahre später wurde er Stadtsyndikus. Von 1881 bis 1884 sowie von 1890 bis zu seinem Tode war er Abgeordneter des Deutschen Reichstags, als Mitglied der linksliberalen Deutschen Freisinnigen Partei, die sich für die uneingeschränkte Umsetzung der Verfassungsgarantien einsetzte, aber Bismarcks Sozialgesetze ablehnte. 1893 verlieh ihm die Stadt Berlin den Ehrentitel eines Stadtältesten, vor allem in Würdigung seiner Bemühungen um den Bau des Viehhofs und der Markthallen, womit die Hygiene in der Stadt und die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln spürbar verbessert werden konnten.

Im selben Jahr, nach schwerer Erkrankung, wurde Gustav Eberty vom Magistrat in den Ruhestand versetzt. Er starb am 23. Juli 1894 in Tabarz im Thüringer Wald. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Zwölf-Apostel-Friedhof in der Schöneberger Kolonnenstraße.

 

Marlies Sparmann



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