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Die Menschen | März 2008

Fußball, Pop und Country
Der Soziologe Gerd Dembowski
Friedrichshainer Chronik

Daran kann er sich noch genau erinnern, daß er damals mit Freuden im Conmux gelandet war, daß ihm die lockere Atmosphäre in der Kneipe gefiel, die Leute, die Musik, das Anarchistische. Und daß es Anfang Dezember 1999 war, nachdem er im ColumbiaFritz das grandiose Konzert mit Kinky Friedman erlebt hatte, einem amerikanischen Country-Musiker, der mal gesagt hatte: »Die Deutschen sind mein zweitliebstes Volk. Das liebste ist jedes andere.« Er weiß zwar nicht mehr, ob sie beim Bier über diesen Satz philosophiert hatten, doch schon ein paar Wochen später genoß er die tolle Aussicht aus dem Fenster seiner Wohnung an der Ecke Revaler/Simon-Dach-Straße: das alte RAW-Gelände, die Warschauer Brücke, vorm Horizont der Fernsehturm mit der Nadelspitze über dem kugelrunden Ball. »Ich habe mich hier sofort wohlgefühlt«, sagt Gerd Dembowski. »Der Kiez war mein Wohnzimmer. Der Zeitungshändler kannte mich, die Bäckersfrau, und im kleinen Buchladen von Beate Klemm in der Wühlischstraße bestellte ich meine Bücher. Hier pulsierte und prickelte Leben, ich steckte mittendrin in den Wandlungen. Es war eine Beziehung wie die zum Fußball – Liebe auf den ersten Blick.«

Manchmal freilich kommt eine Liebe in die Jahre. Dann sind die Um­armungen nicht mehr so leidenschaftlich, die Blicke nicht mehr so verklärt …

Dribbelkönig und Oktoberrevolution

Leben und lieben gelernt hat der Junge im tiefen Ruhrpott. In Recklinghausen, wo er 1972 geboren wurde, dann in Herten, das mal die zweitgrößte Bergbaustadt Europas war. Die Eltern waren kurz zuvor, im Sog von Willy Brandts neuer Ostpolitik, aus dem alten Ostpreußen, aus Polen, in die Bundesrepublik übergesiedelt. In der neuen Heimat verließ der Vater flugs seine blutjunge Frau, Gerd wurde unehelich geboren. Später heirate die Mutter wieder, und ihr Sohn wuchs mit zwei Halbschwestern auf.

Unschuldig vor dem ersten Tor. Foto: Privat
Integration war bei Dembowskis ein Fremdwort, man wollte einfach wie die Deutschen sein: nicht auffallen, es schnell zu was bringen, besser leben. Beide malochten bis zum Umfallen, die Mutter Hausfrau, der Stiefvater als Lagerarbeiter und Stapelfahrer in einer Kühlfabrik. Abends vorm Fernseher blieb die Flasche Bier halb ausgetrunken, weil er im Sessel eingeschlafen war. Trotzdem reichte das Geld gerade mal zum Leben. Als Gerd sich eines Tages richtige Fußballschuhe wünschte, wurde er ganz ernst gefragt, ob solche Botten überhaupt notwendig seien. Denn eigentlich sahen es die Eltern nicht gern, daß er nach der Schule ständig mit den Kumpels auf der Straße herumbolzte. Die Zeit dafür mußte er sich oft klauen, sonst durfte er auf die kleinen Schwestern aufpassen, einkaufen gehen, im Haushalt oder im Schrebergarten helfen. Mit Grauen denkt er noch heute an die sonnabendlichen Nachmittage, wenn zu Hause die große wöchentliche Putzorgie abgefeiert wurde, während draußen der heißgeliebte Ball rollte.

Mit zehn Jahren trat Gerd dann kräftig in die Fußstapfen eines Karl-Heinz Rummenigge – in der E-Jugend des Schwarz-Weiß Röllinghausen. Doch hier bestanden die Torpfosten nicht mehr aus Jacken, Schultaschen und Turnbeuteln, und der Trainer stellte den kleinen Dribbelkönig auf Linksaußen, wo er dann sinnlos die Seitenlinie rauf und runter raste. Im dritten Punktspiel schoß er endlich sein erstes Tor – und hatte damit seine fußballerische Unschuld verloren, wie er später resümiert: »Seitdem drängte sich der organisierte Leistungsdruck wie ein Preßschlag in mein Leben. Erfolg als Bedrohung, immer und überall.«

Gerd Dembowski merkte das auch am Gymnasium. In seiner Klassenstufe waren neben ihm lediglich zwei Arbeiterkinder, bis zum Abitur stotterte er nicht nur bei dem Wort »Anarchosyndikalismus«. Schon aus Protest gegen das Establishment sympathisiert er auch äußerlich mit der Punk-Szene. Als er in der zwölften Klasse ein Referat über die russische Oktoberrevolution von 1917 halten mußte, fand er auf einmal Geschichte spannend. Er erfuhr vom Panzerkreuzer Aurora, dem Sturm aufs Winterpalais, von Trotzki und Lenin. Dessen Satz »Revolutionen sind Festtage der Unterdrückten und Ausgebeuteten« gefällt ihm heute noch prima.

 

Foto: Robert Máté

Tatort Stadion

Nach seinem Zivildienst bei der Arbeiterwohlfahrt, an der Uni in Duisburg, wo Gerd 1993 ein Sozialwissenschaftsstudium beginnt, findet er in Dieter Bott mehr als einen Lehrer. Der Alt-68er, der aus den Straßen- und Häuserkämpfen in Frankfurt/a.M. Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit noch zu gut kennt, ist kein Gelehrter im Elfenbeinturm. Er betreut Streetworker, initiiert Fußballfanprojekte und belegt, daß sich Fußball und Marxismus nicht ausschließen müssen. Gerd Dembowski ist begeistert, verliebt in diese Art Wissenschaft. Denken bereitet Vergnügen, das Ungestüme in ihm bekommt einen seriösen theoretischen Unterbau, wie er selbst meint. Er saugt alles gierig auf, ist fasziniert von den Philosophen Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und dem Soziologen Pierre Bourdieu, liest die Dramatiker Antonin Artaud und Heiner Müller, trampt im Januar 1996 extra nach Berlin zu dessen Beerdigung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Schon vorher trifft er junge Leute, die stolz ein T-Shirt mit Heiner Müller-Spruch tragen: »Zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche.« Gerd beendet sein Studium in der Regelstudienzeit, Abschlußnote 1,0.

Der Abschied vom Hörsaal ist kein Abschied von der Stadiontribüne. Den Fanprojekten, an denen er bereits während des Studiums arbeitete, bleibt er treu. Denn das Problem ist mit den Jahren nicht kleiner geworden: Gewalt, Rechtsextremismus und Rassismus gibt es nicht nur beim Fußball und schon gar nicht nur beim MSV Duisburg. Gerd Dembowski wird Bundessprecher des Bündnisses aktiver Fußballfans (BAFF), bekommt einen Job beim europaweiten Netzwerk Football Against Racism in Europe (FARE), organisiert Kongresse, Workshops und Ausstel­lungen, arbeitet auf der Straße mit Jugendlichen. Es geht ihm nicht um Kosmetik, sondern er will mit Gleichgesinnten Strukturen verändern. Er nimmt die Bedürfnisse der Fans ernst, von den Eintritts-, Bier- und Pizzapreisen im Stadion bis zur Rettung der Stehplätze. Schließlich hat Fußball mit Verabredungskultur zu tun, die Fans wollen zusammensein, hüpfen, tanzen, singen und Sprechchöre skandieren, Spaß haben, mit ihren Göttern auf dem Rasen feiern oder trauern. Und er kritisiert, daß Polizeieinsätze bei Fußballspielen trainiert werden, um dann auch gegen Demos zum Einsatz kommen. Höhepunkt und Langzeitunternehmen ist die Ausstellung Tatort Stadion. Die Vorbereitungen dauern fast ein Jahr, ein bundesweites ehrenamtliches Netzwerk muß sich nun bewähren, Kontakte mit den Profiklubs, dem DFB, Fan-Projekten, Antifa-Gruppen und Szenekennern. Es gibt EU-Gelder für das Projekt, und auch der DFB will mit 20.000 DM unterstützen. Doch die Zusage wird wieder zurückgezogen, nachdem die Fußball-Apparatschiks mitbekommen haben, daß auf drei Ausstellungstafeln auch ein Exkurs zur unrühmlichen DFB-Geschichte nicht ausgespart und Präsident Mayer-Vorfelder mit Sprüchen zitiert wurde wie »Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in den Anfangsformationen stehen, kann irgend etwas nicht stimmen«. Gerd Dembowski und seine BAFF-Mitstreiter müssen sich zwar Vorwürfe anhören wie »Ihr scheißt dahin, wo ihr eßt!«, aber sie fallen nicht um und bekommen sogar Unterstützung von Professor Walter Jens, Rockstar Marius Müller-Westernhagen, dem FC St. Pauli oder Hannover 96. »Wir hatten das Gefühl, wir konnten mit Nachdruck poltern und ein altes Schlachtroß wie den DFB aus den Hufen heben«, erzählt Gerd. Die Ausstellung wurde in sieben Jahren in mehr als 80 Orten in Deutschland gezeigt. Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr hielt der DFB seinen ersten Fankongreß ab, und Gerd arbeitet weiter ehrenamtlich in der AG Fandialog, wo er dann beispielsweise darüber aufklärt, daß der Dresscode von Neonazis nicht unbedingt die olivgrüne Bomberjacke sein muß, sondern auch Markenklamotten wie Thor Steinar, Walhall oder Consdaple.

On The Road

Vielleicht war es Zufall, daß Gerd nach einem St-Pauli-Spiel in Duisburg die Band Fink mit ihrem alternativen Country sah. Jedenfalls kommt er seitdem von dieser Musik nicht mehr los, braucht sie, »um runterzukommen vom alltäglichen Getöse und der Rennerei im Laufrad«. Zu dieser ehrlichen Art von Kunst fühlt er sich um so stärker angezogen, je mehr er die übrige Pop- und Medienwelt mit ihren Heiligen durchschaut und darüber sogar Bücher schreibt. Und auch die alte Liebe zum Fußball als Teil der Popkultur erkaltet ein wenig, im rasanten Tempo »vom TV kaputt und salonfähig gemacht«, wie er sagt, »Fußball als Kitt und Schmieröl der Gesellschaft«.

Im Sommer 2007 packt Gerd Dembowski seinen Rucksack und begibt sich auf eine dreimonatige Forschungsreise durch die USA. Dort lernt er neue Freunde und Musiker kennen, sieht unermeßlichen Reichtum und unbegreifliche Armut. Er ernährt sich auf Supermarkthinterhöfen von weggeworfenen Lebensmitteln, springt auf Güterzüge wie einst der Folksänger Woody Guthrie und die Hobos, die Wanderarbeiter, und wird lebhaft an Jack Londons »Abenteuer am Schienenstrang« erinnert. Manchmal hat Gerd Hunger und Durst, doch er verliert seine existentielle Angst. So wird es auch eine Reise zu sich selbst.

Zurück im alten Europa, pendelt er zwischen Berlin und dem englischen Brighton, wo Elsa, die neue Liebe, wohnt. Er lernt Banjo spielen, liest aus seinem neuen Buch in der Volckswirtschaft in der Krossener Straße und hämmert in den Laptop seine Trampererlebnisse On The Road, wie Jack Kerouac vor einem halben Jahrhundert. In ruhigen Stunden malt er sich auch aus, sich wieder tiefgründig mit Soziologie zu beschäftigen, vielleicht eine Dissertation zu schreiben. Warum nicht? Das ist durchaus vorstellbar, so ein jungenhafter Herr Doktor, mit dicker roter Dreadlock im dunkelblonden Harrschopf.

 

Thomas Heubner

 

Bücher von Gerd Dembowski (Auswahl):
Fußball vs. Countrymusik. Essays, Satiren, Antifolk, PappyRossa Verlag 2007 (auch als Hörbuch); Ballbesitz ist Diebstahl (Mitautor), Verlag die Werkstatt 2004;
Alles Pop? Kapitalismus & Subversion (Mitautor), Alibri Verlag 2003

 



In der gleichen Ausgabe
Die StraßenWanda-Kallenbach-Straße
Das GesprächLufthoheit überm Stammtisch
Die MomenteDie Momente
Das LernenSonnengruß und Feueratem
Das TrinkenDem Glücklichen schlägt keine Stunde
Das EssenWeiß, weißer geht’s nicht
Die GeschäfteHelden aus der Nachbarschaft
Die OrteHenkersknecht mit Doppelleben
Die LiteraturIngrid Bork: Für einen Groschen Sauerkraut
Mandy MeierBöse Mädchen
Die BlickpunkteDie Blickpunkte
pfeilback   
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