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Mandy Meier | März 2008

Böse Mädchen

Dank ihrer regelmäßigen Kaffeekränzchen kannten sich Man­dy und ihre beste Freundin Gabi in den Friedrichshainer Vergnügungsstätten recht gut aus. Gleichwohl waren sie Neuem gegenüber stets aufgeschlossen. Interessiert, um nicht zu sagen neugierig, lasen sie deshalb ein Stadtmagazin, auf dessen Titelseite eine Frau mit heruntergelassenen Schlüpfern auf dem Klo saß und die Schlagzeile fragte »Sind Sie ein böses Mädchen?« Aus der Titel­story las Gabi dann vor, daß Sex im Bioladen, natürlich während des Publikumverkehrs, ein unvergeßliches Abenteuer sei und daß man in einer neu eröffnete Event-Bar in der Karl-Marx-Allee die besten Flirt-Chancen besäße. Schon am übernächsten Tag wagten sie den Praxistest.

Der Genußschuppen war im typi­schen Berliner Neue Mitte-Chic ein­ge­rich­tet, mit streng austarier­ten Sitz­gruppen, eben wie ein Pader­borner Innenarchitekt sich das so vorstellt. Als Hintergrundmusik tönte Schnappi, das nervende Krokodil.

Der Kellner stand noch nicht richtig am Tisch, da hatte Mandy mit tückischer Freundlichkeit blitz­schnell zwei Cointreau bestellt. Trotz­dem ließ sich der Mann nicht aufhalten und sagte »Hi, ich bin der Marc…« Und so sah er auch aus, wie Gabi bemerkte: gegelte Glitschigkeit auf dem Kopf, broilerbraungebrannt, ein Hirschbulle im Bast stehend. Entsprechend die Klientel im Gastraum, wie Jenny Elvers-Elbertzhagen auf Ecstasy. Mandy und Gabi dachten schon, sie befänden sich in einem Kontakthof. Ihnen war das ungehemmte Paarungsverhalten von Großstädtern durchaus vertraut, doch sie hatten ihre Geschlechtsreife zu einer Zeit erreicht, als Frauen und Männer noch Haare unter den Achseln hatten. Hier nun erlebten sie den real existierenden Exhibitionismus als Volkssport. Der zarte Duft von Erdbeerlipgloss mischte sich mit dem Gestank von Cool Water. Es ging zu wie beim Frauentausch auf RTL II: Die Kerle ähnelten einem Gelsenkirchener Kegelklub auf Mallorca. Die Girlies trugen asymmetrischen Schrägponny, wie ihn kreative Friedrichshainer Hairdresser am Fließband produzieren. Die meisten der jungen Menschen hatten Klamotten an, die Mandy und Gabi bisher nur aus Por­nofilmen kannten. In ihrer unnatürliche Aufgekratztheit übten sie auch außerhalb des heimischen Schlafzimmers Dirty Speech und laberten lauthals über geschlechtliche Verrichtungen wie übers Autowaschen.

Mandy hatte zwar viel Verständnis für die Jugend von heute, kam sich aber vor wie der Papst beim Urintest. Gabi murmelte verstört: »Fühlen sich subversiv wie Püppi Langstrumpf, sind aber bloß knattergeil, dumm, frech und ohne Herzensbildung!« Es fehlte nur noch, daß die beiden zur Abgrenzung eine Selbsthilfegruppe für Cellulitegeschädigte gründeten und aus Schnabeltassen tranken. Aber dann erzählte Mandy, daß sie heute beim Bücherkauf im Antiquariat in der Simplonstraße Glück gehabt hätte. Man müsse das Büchlein unbedingt wieder gründlich lesen, es gebe Hoffnung für die Zukunft, sagte sie und zog es aus ihrer Handtasche – »Die Aufgaben der Jugendverbände« von einem gewissen Wladimir Iljitsch Lenin.

 

Thomas Heubner



In der gleichen Ausgabe
Die MenschenFußball, Pop und Country. Der Soziologe Gerd Dembowski
Die StraßenWanda-Kallenbach-Straße
Das GesprächLufthoheit überm Stammtisch
Die MomenteDie Momente
Das LernenSonnengruß und Feueratem
Das TrinkenDem Glücklichen schlägt keine Stunde
Das EssenWeiß, weißer geht’s nicht
Die GeschäfteHelden aus der Nachbarschaft
Die OrteHenkersknecht mit Doppelleben
Die LiteraturIngrid Bork: Für einen Groschen Sauerkraut
Die BlickpunkteDie Blickpunkte
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