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Die Literatur | März 2008
Ingrid Bork: Für einen Groschen Sauerkraut
Die Wohnung der Beymestraße 7 (heute Lehmbruckstraße) kann ich noch genau schildern. Im Herbst 1932 sind wir da ausgezogen, also als ich vier Jahre alt wurde. Meine Mutter hatte den kleinen Gemüseladen. Mein Vater hatte 1929 endlich Arbeit gefunden. Trotzdem behielt sie den Laden bis 1932, denn es war nicht sicher, ob mein Vater seine Stelle in der Bausparkasse behielte. An den Laden grenzte die Wohnung. Vom Hausflur aus betrat man die Wohnung. Vom Korridor (Flur) aus lag rechts das Schlafzimmer. Es war schmal, die Betten standen rechts hintereinander. Auf der linken Seite, neben dem Fenster, stand der Kleiderschrank, vorne der Waschtisch. Dazwischen stand mein Bett. Das waren zwei Korbsessel, die gegeneinander standen und deren Beine zusammengebunden waren. Neben meinem Bett war eine große Tür, die eigentlich in den Laden ging. In Höhe des Türgriffs waren in beiden Türflügeln kleine Fensterscheiben mit weißen Gardinen davor. Da konnte meine Mutter mich beobachten, wenn ich schlief, wenn sie im Laden war. Ich konnte aber auch im Bett stehend durch die Scheibe sehen. Der Laden ging nicht besonders gut. Meine Großeltern aus Achim versorgten meine Eltern mit frischen Eiern zum Verkauf. Mein Großvater hatte Kisten gebaut, in die mehrere Eierpappen paßten. Zwischen den einzelnen Pappen war Holzwolle gelegt, damit die Eier nicht kaputt gingen. Der Deckel wurde mit einem Vorhängeschloß geschlossen. Per Bahnfracht ging die Kiste immer zwischen Achim und Berlin hin und her. Im Herbst kamen große Kiepen mit Äpfeln aus Achim. Im Herbst 1927, als es meinen Eltern finanziell sehr dreckig ging, ist einmal mein Großvater aus Pritzwalk mit dem Pferdefuhrwerk (120 Kilometer) nach Berlin gekommen mit der ganzen Wagenladung voll Kartoffeln. Wenn frische Eier angekommen waren, waren sie bald ausverkauft. Auch die gut sortierten Kartoffeln waren gut zu verkaufen. Es gab drei Sorten; eine für Zusammengekochtes, eine für Salat und eine für Braten und Fleisch. Morgens um 5 Uhr fuhr mein Vater zum Großmarkt und holte frisches Obst und Gemüse. An der linken Seite im Laden, direkt neben der Tür zum Korridor, stand eine Theke, darauf stand der weiße Porzellantopf mit dem Senf. Vorne war ein Hahn, den man drücken mußte, damit der Senf in das mitgebrachte Glas gedrückt werden konnte. Senf – in Berlin Mostrich (von Moutarde, frz.) – wurde nur lose verkauft. Aus der Riesen-Maggiflasche wurde Maggi abgefüllt, Butter und Margarine wurden in kleinen Holzbottichen angeboten. Das Meiste war lose zu bekommen. Sauerkraut wurde in Pergamenttüten verkauft. Es gab viele Kinder, die für einen Groschen Sauerkraut kauften, um es dann sofort roh aus der Tüte zu essen.
© und mit freundlicher Genehmigung aus: Martin Wiebel, East Side Story. Biographie eines Berliner Stadtteils, Antje Lange Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-928974-02-5
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