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Die Orte | März 2008

Henkersknecht mit Doppelleben

Nette Nachbarn haben sich da einquartiert, werden die Bewohner des Hauses Gabelsbergerstraße 7 gedacht haben, als sie Mitte 1949 erfuhren, daß nach Gustav Völpel auch noch dessen Frau Martha von der Polizei verhaftet worden war. Gewiß, man hatte schon vorher über das Ehepaar gemunkelt. War es doch ein offenes Geheimnis, daß die damals 31jährige Frau mit den blondierten Haaren bereits vor dem Krieg als Bordsteinschwalbe anschaffen gegangen war. Und der 17 Jahre ältere Gustav galt als zwielichtige Gestalt, über die damals eine Zeitung schrieb: »Man muß sich einen Mann vorstellen von der Statur eines Schwergewichtlers und der Physiognomie eines Galgenvogels. Tiefhängende Nase, ein Mund wie ein Strich, ein überschweres Kinn.«

In der Tat zählte Gustav Völpel zu den skurrilsten Figuren der Fried­richshainer Nachkriegsgeschichte. Der aus Westpreußen stammende Mann war in der Volksschule dreimal sitzengeblieben, fand in den 20er und 30er Jahren in Berlin eine Anstellung als Lagerarbeiter und danach als Filmkopierer und Lichtpauser bei der Ufa in Babelsberg. 1939, nach Kriegsbeginn, soll Völpel sturzbesoffen über Hitler geschimpft haben und denunziert worden sein. Verhaftung, Prozeß, Verurteilung zum Tode, Begnadigung zu 15 Jahren Zuchthaus. Grund genug, ihn nach Kriegsende als »Opfer des Faschismus« anzuerkennen und dem Ehepaar eine Wohnung in der Gabelsbergerstraße 7 zuzuteilen, die Wohnung eines ehemaligen NSDAP-Parteigenossen – zwei Zimmer, Küche, Kammer und Bad mit Toilette, die Möbel stammten aus dem Bergungsamt.

Drei Ecken weiter, in der Schreinerstraße 52, wohnte der junge Werner Gladow, den Völpel bei Schwarzmarktgeschäften in einer Kneipe am Alex kennengelernt hatte. Gladow war der Kopf einer vielköpfigen kriminellen Bande, für die sich Gustav Völpel bald als Tipgeber und Mentor nützlich machte. (Vgl. auch: Friedrichshainer Chronik, April 2007). Fingerzeige eines Ganoven, der sich sogar offiziell als Angestellter des Justizvollzugs ausweisen konnte – als Scharfrichter.

Der Legende nach und wie Völpel selbst schwadronierte, will er in Moabit und in der Sowjetischen Besatzungszone 48 Todes­urteile vollstreckt haben, mit der Guil­lo­tine und dem Handbeil, das Gesicht ver­deckt von einer Maske mit einem schwar­zen Kreuz auf der Stirn. Doch in Wirklichkeit war »Henker-Hannes«, wie er sich respektvoll nennen ließ, lediglich der Handlanger der Scharfrichter in Plötzensee und Köpenick gewesen. – Und ein krimineller Hehler, der schon 1948 für zwei Monate ins Gefängnis kam. Im April 1949, als Gustav Völpel bei einem Raubzug der Gladow-Bande in Neukölln Schmiere stand, wurde er verhaftet. In Moabit wurde ihm der Prozeß gemacht, er wurde zu sieben Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Fast zur gleichen Zeit stand seine Frau in Berlin-Mitte vor Gericht und erhielt fünf Jahre aufgebrummt. Völpel wurde 1957 aus dem Gefängnis entlassen und starb zwei Jahre später in der Kreuzberger Hornstraße.

 

Jens-Axel Götze

 

Literatur: Ingo Wirth, Exekution. Das Buch vom Hinrichten, Verlag Neues Leben, Berlin 1993; Wolfgang Mittmann, Gladow-Bande. Die Revolverhelden von Berlin, Verlag Das Neue Berlin, 2003



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