Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik Friedrichshainer Chronik

Das Essen | März 2008

Weiß, weißer geht’s nicht

Lange hatte ich um das seit vier Jahren in der Simplonstraße residierende Schneeweiß einen Bogen geschlagen. Zum einen, weil die Lorbeeren schon mit der Gießkanne über diesem Lokal ausgekippt wurden: von den großen Hauptstadtzeitungen über alle Stadtmagazine bis zu VOX-TV, Playboy, Architektur & Wohnen und der New York Times. Das macht verdächtig. Schließlich wußte ich, daß die eine Gastrokritikerin als Gattin eines Spiegel-Korrespondenten ein paar Jahre in New York gelebt hatte und den einen und anderen Kollegen gut kennt. Außerdem wollte ich einfach schön essen und nicht schöner wohnen. Zum anderen machten mich die extrem unterschiedlichen Meinungsäußerungen zum Restaurant skeptisch: hie »extravagant« und »geschmacklicher Ausflug auf die Zugspitze«, da »warmer ALDI-Ziegenkäse in homöopathischer Dosis«. Doch kürzlich ließ ich mich nicht mehr abschrecken und nutzte ein kleines Klassentreffen zum kulinarischen Alpenabenteuer. Mit dabei auch mein einstiger Schulbanknachbar, heute renommierter Professor für Atomphysik, der gerade aus Moskau oder Kapstadt kam und dem ich in Friedrichshain mal was bieten wollte.

Alle Tische waren besetzt, aber wir hatten zum Glück reserviert. Das Publikum schien zum Großteil nicht aus der Gegend zu stammen, mehr aus der neuen Mitte, Zehlendorf und München, vornehmlich Leute aus der Medien- und Modebranche, wie uns das Personal hinter vorgehaltener Hand versicherte. Auch am Nachbartisch junge, dynamische und erfolgreiche Menschen im Business-Look, an der Stirnseite das Chefchen im dunklen Zwirn, alle fröhlich und aufgekratzt. Am Ende bezahlte jeder seine eigene Zeche, und keiner der Herren half einer Dame in den Mantel, weil das ja echt altmodisch ist. Der Garderobeständer war übrigens völlig überladen, während an einem anderen die leeren Kleiderbügel auf Kniehöhe baumelten. Das Interieur tatsächlich durchgestylt und weiß, weißer geht’s nicht, bis zu den röhrenden Hirschen. Ich hoffe, die Porzellan-Nippes sind kein kitschiger Fehlgriff, sondern ironisch-intellektuelles Spiel mit Bert Brechts V-Effekt (für Leser ohne Deutsch-Leistungskurs: V = Verfremdung). Nur auf den Toiletten funktionierte das nicht, die Abfallbehälter quollen schon am frühen Abend von den Papierhandtüchern über.

Endlich das Essen. Am kleinen gemischten Salat konnte ich nichts Sensationelles finden. Die Vinaigrette schwamm unter dem Grünzeug, so daß das Mischen auf dem winzigen Teller etwas schwierig war. Der Professor hatte ein Wiener Mini-Schnitzel bestellt, bekam allerdings ein ausgewachsenes serviert, was er zum kleinen Preis frohgemut vertilgte: dünn geklopft, mit goldbrauner Panade, eben ordentlich, wie man es auch in mindestens fünf anderen alpenländischen Lokalen in Berlin bekommt. Ich hatte für 14,50 Euro Lammwaderl in Lembergersauce gewählt, mit Sellerie-Kartoffelgratin und Mandel-Romanesco, was eine Blumenkohlvariante ist. Es war reichlich und mundete, ein schmackhaftes Zeichen, daß die Schneeweiß-Köche etwas von ihrem Handwerk verstehen. Nur vom Kellner weiß ich das nicht so genau. Schon beim Eingießen des Weins tröpfelte er beschwingt über den Tisch. Und am nächsten Morgen weckte er mich telefonisch, weil er sich bei der elektronischen Bezahlung mit der Kommastelle vertan und rund 200 Euro Miese gemacht hatte. Auch der Professor mußte darüber herzhaft lachen, konnte freilich helfen. Aber wir grübeln immer noch, ob die Ak­tion zur geschickten Performance des Lokals gehört.

 

Justus Hackmann

 

Schneeweiß, Simplonstraße 16, 10245 Berlin, Tel. 030/290 497 04, tägl. geöffnet 10–1 Uhr, www.schneeweiss-berlin.de



In der gleichen Ausgabe
Die MenschenFußball, Pop und Country. Der Soziologe Gerd Dembowski
Die StraßenWanda-Kallenbach-Straße
Das GesprächLufthoheit überm Stammtisch
Die MomenteDie Momente
Das LernenSonnengruß und Feueratem
Das TrinkenDem Glücklichen schlägt keine Stunde
Die GeschäfteHelden aus der Nachbarschaft
Die OrteHenkersknecht mit Doppelleben
Die LiteraturIngrid Bork: Für einen Groschen Sauerkraut
Mandy MeierBöse Mädchen
Die BlickpunkteDie Blickpunkte
pfeilback   
© Friedrichshainer Chronik - Text und Bild sind durch Copyright geschützt.
Sitemap