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Das Trinken | März 2008
Dem Glücklichen schlägt keine Stunde
Weit nach Mitternacht. Der Mann an der Bar war nicht mehr ganz nüchtern, bestellte trotzdem noch einen Drink, einen Manhattan. Er bekam das Gewünschte, hob das Glas in die Höhe und betrachtete die Flüssigkeit im schummrigen Gegenlicht. Er schüttelte ungläubig den Kopf und lallte mühsam: »Was schwimmt denn da für ein komischer grüner Fleck in meinem Gesöff?« »Mein Herr«, antwortete der Barkeeper höflich, »Sie hatten doch einen Manhattan bestellt. Und das Grüne da drin ist der Central Park!« Warum ich an den alten Trinkerwitz erinnert wurde, als ich das Lokal an der Kreuzung Simon-Dach-/Grünberger Straße verließ, weiß ich nicht mehr genau. Nur – es lag nicht am Alkohol…
ich, doch nichts und niemand war happy. Statt dessen erblickten wir ringsum nur tiefe Traurigkeit. Im Vorzelt blubberten Heizpilze verschwenderisch vor leeren Tischen, und auch am Tresen, der mindestens gefühlte 100 Meter lang ist, drängte sich keine einzige Person. Es war noch depressiver als bei den »Nachtschwärmern« auf dem berühmten Gemälde von Edward Hopper, wo drei einsame Barbesucher am Tresen hocken. An der gähnenden Langeweile vermochte auch das Interieur wenig zu ändern. Weder die kupfernen Wand- und Deckenlampen noch die in gleicher Farbe gestrichenen Wände verströmten tröstende Wärme. So richtige Freude wollte dann auch beim Studium der Speisekarte nicht aufkommen. Bei Burger und Tex-Mex vermuteten wir aufgewärmte Tiefkühlkost, und so begnügten wir uns damit, etwas zu trinken. Meine Begleiterin, eine stadtbekannte Autorin und Kolumnistin eines teuren People Magazins, assoziierte La Habana immer noch mit Exotik und bestellte frohgemut einen Mango Daiquiri, angepriesen als Mix aus weißem Rum, Mangosaft und -sirup sowie Zitronensaft für 4,50 Euro. Was sie dann bekam, sah sehr gelb und fruchtig aus, doch sie vermißte das Crushed-Eis. Und nach dem ersten Schluck verdrehte sie nicht entzückt die hübschen Augen, sondern sprach ernüchtert von einer »kalten Pampe«. Ich dagegen wagte kein Experiment, ging auf »Nummer sicher« und wählte einen Klassiker, nämlich besagten Manhattan für 4 Euro. Bei dem Aperitif, gemischt aus Havanna Club, rotem und weißem Vermouth sowie Angostura, konnte man eigentlich wenig falsch machen. Ich hatte dann auch kaum zu zetern, verspürte andrerseits wenig Anlaß, meine Glückshormone Freudentänze vollführen zu lassen. Lediglich der obige Witz fiel mir ein. Und die Erinnerung an Habana wurde wieder wach. Jene verführerische Stadt mit dem betörenden Geruch, in der die Luft so bitter-süß und salzig schmeckt, wo alles wie im Fieber vibriert. Aber bis auf den Namen, der leider urheberrechtlich nicht geschützt ist, hat diese Friedrichshainer Bar nichts mit La Habana gemein. Wirklich gar nichts.
Justus Hackmann
La Habana. Bar, Lounge & Restaurant, Grünberger Straße 57, 10245 Berlin, Tel. 030/269 486 61, Mo–Fr 9–1 Uhr, Sa./So. open end
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