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Die Momente | März 2008

Die Momente

Geschäftsschädigend

Feierabendbetrieb in der U1. Der Straßenfeger-Verkäufer will vor der Endhaltestelle Warschauer Straße noch ein paar Exemplare der Obdachlosenzeitung verkaufen und leiert laut und deutlich seinen Spruch herunter. Damit nicht genug. Zur Verkaufsförderung macht er Reklame: »Die Titelgeschichte zum Asylrecht!« Und dann doziert er, daß das Thema im Blatt sowohl aus historischer, philosophischer als auch aus ideologiekritischer Sicht beleuchtet würde. Außerdem ein lesenswerter Diskurs um die interessante Frage »Verstößt Asylrecht a priori gegen Menschenrecht?« Der Zug ist schon über die Oberbaumbrücke gerollt, da ruft ein Mann in gebrochenem Deutsch durch den Wagen: »Verrate doch nicht alles im voraus! Dann braucht ja kein Mensch mehr deine Zeitung kaufen und lesen!«

Arschgeweih

Das Touristenpärchen aus Köln kommt vom Hotel am Comeniusplatz und will den Abend beim Bierchen in einer typisch Berliner Kneipe beenden. Vor einem Lokal in der Warschauer Straße bleiben sie stehen, blicken durch die Butzenscheiben, fühlen sich vom alten Interieur angezogen. Drinnen schlägt ihnen unverhofft eine Stimmungswoge entgegen: »Ich hab’ ne Zwiebel auf dem Kopp, ich bin ein Döner…« grölen kostümierte Gäste und tanzen dazu. Interessiert beobachtet das Pärchen den Karneval in der Hauptstadt. Im Ausschank gibt es zwar kein Kölsch, aber nach zwei, drei Pils singt der Mann lauthals mit »Ich will ’ne Frau ohne Arschgeweih, Arschgeweih, olé…«. Seine Begleiterin nickt verständnisvoll, lauscht dann dem nächsten Lied, in dem einen säuselnde Jungmädchenstimme verrät »Hast mein Leben auf den Kopf gestellt…«, um dann aus voller Kehle in den Refrain einzustimmen: »Du hast den schönsten Arsch der Welt…« Rheinländer und Preußen in inniger Umarmung, ein einig Volk von Ballermännern…

Entschuldigung

In den 240er Bus, vom Ostbahnhof kommend, steigt an der Haltestelle Wedekindstraße ein stattlicher Kerl ein, über seiner Schulter hängt eine riesige Sporttasche. Kraftvoll schiebt er sich durch den Gang und zwängt sich auf einen freien Sitzplatz. Beim Drehen, um sich zu setzen, trifft er mit seiner Tasche einen älteren Mann am Kopf, der auf der gegenüberliegenden Sitzbank ein Buch liest. Der Muskelprotz bemerkte zwar, daß sich seine Tasche irgendwie an einem Widerstand verfangen hatte, stutzt aber nur ganz kurz und kümmert sich nicht weiter. Der getroffene Mann rückt seine Brille wieder zurecht und sagt süffisant zu dem Jüngeren: »Entschuldigung, daß ich Ihnen im Wege war, soll nicht wieder vorkommen!« Der Angesprochene ist nicht verlegen und hat viel Verständnis: »Macht nüscht, kann doch jedem passieren!«

Museum der vergessenen Dinge

Conexión, das Internetcafé in der Boxhagener Straße, am Wismarplatz, ist vielleicht ein bißchen gemütlicher als die meisten anderen. Auf alle Fälle macht Jörg, der Chef, guten Espresso. Und er bietet eine ständige Ausstellung – die der vergessenen Dinge. Oft das Übliche, das gern liegengelassen wird: Schlüssel, Schals, Jacken, Regenschirme. Aber auch Handys, Führerscheine und Ausweise, selbst Diplomarbeiten und Magi­sterzeugnisse warten auf ihre Besitzer. Sogar ein Hund wurde schon vergessen. Sechs Stunden lag das Tier ganz ruhig unter dem Compu­terarbeitsplatz, knurrte oder bellte nicht ein einziges Mal. Bis sein Herrchen den Verlust bemerkt hatte. Er wollte gewohnheitsmäßig mit ihm Gassi gegen.

Westbesuch

Das Pärchen steht etwas verloren an der Ecke Gärtner-/Grünberger Straße. Er graumeliert, sie mit schwungvoller und leicht blondierter Kurzhaarfrisur, beide im besten Alter, wie es so schön heißt. Sowohl sie als auch er äußerst gepflegt und modisch-dezent gekleidet, aber nicht zu auffällig, eher Understatement. Die beigefarbenen Kaschmirmäntel signa­lisieren keinen Partnerlook, scheinen aber farblich aufeinander abgestimmt. Unschlüssig gehen beide ein paar Meter auf und ab, betrachten kopfschüttelnd die wilden Graffiti an den Häuserwänden, staunen, daß im Volxschopf Haare geschnitten werden und daß beim ehemaligen Puppenspieler, der verwaisten Eckneipe, gar nichts los ist. Aus einem Hauseingang kommt ein junger schlaksiger Bursche und eilt auf die beiden zu. Er umarmt herzlich die Frau, Küßchen rechts und links und dann noch einmal. Dem jungen Mann scheint der Zärtlichkeitsaustausch in der Öffentlichkeit fast peinlich, cooler dann das kumpelhafte Schulter­klopfen mit dem Mann. Vermutlich besuchen Mama und Papa ihren Sohn nach dem ersten Semester in Berlin. Gemeinsam schreiten sie über die Straße zu ihrem geparkten Auto. Ein Mercedes S 65 AMG, silbermetallic, noch fabrikneu glänzend, 525 PS, in 4,6 Sekunden von 0 auf 100. Das Kennzeichen beginnt mit MTK. Der Main-Taunus-Kreis im Westen von Frankfurt am Main ist der drittreichste Landkreis in Deutschland. Doch nach den Besuchern von dort dreht sich im ärmsten Bezirk der Hauptstadt keiner um.

Urin-Diebstahl

An die kleinen alltäglichen Friedrichshainer Widrigkeiten hat sich Gunda, die Friseurmeisterin aus der Oderstraße, fast schon gewöhnt. Etwa an das fehlende Firmenschild über der Eingangstür zum Salon, das in der Nacht einfach runtergerissen wurde. Oder an die Hundehaufen auf dem Gehweg und den gedüngten Baumscheiben, denen täglich mit Wasser, Besen und Schaufel zu Leibe gerückt wird – wie weiland Sisyphos, der seinen Felsblocken unentwegt den steilen Hang hinaufrollen mußte. Nur daß der Blumenkübel vor ihrem Geschäft zum obsku­ren Objekt der Begierde geworden ist, will die Friseurin nicht verstehen. Beim ersten Mal, als am nächsten Morgen die frisch eingepflanzten Blumen heraus­ge­rissen waren, dachte sie noch, daß man das einem Frischverliebten verzeihen könne. Unverzagt kaufte sie neue Gewächse und kultivierte den Blumenkübel wieder. Gleichsam verschwand das Grünzeug nächstens in der Dunkelheit. Dennoch gab sie den Widerstand gegen die Bösewichter mit ihrer kriminellen Energie nicht auf. Eines Tages war der Blumenkübel neu bepflanzt – mit einem beschriebenen Zettel in Klarsichthülle: »Danke, lieber Blumendieb! Aber ein Tip – selbst kaufen macht mehr Freude! Dann sind die Blumen garantiert auch ohne Hunde-Urin!«

 

T.H.



In der gleichen Ausgabe
Die MenschenFußball, Pop und Country. Der Soziologe Gerd Dembowski
Die StraßenWanda-Kallenbach-Straße
Das GesprächLufthoheit überm Stammtisch
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