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Das Gespräch | März 2008
Lufthoheit überm Stammtisch
Dr. Dieter Kinsky ist studierter Mathematiker, promovierter Automatisierungstechniker und arbeitet als Marketing-Manager in der Getränkewirtschaft. René Jährig, gelernter Gastronom, ist Vertriebsbeauftragter im Getränkefachgroßhandel und Betreiber des Ambrosius Bier-Clubs in der Warschauer Straße. Die Friedrichshainer Chronik sprach mit ihnen über Kneipen, Bier und Rauchverbot.
Der Bierdurst der Deutschen ist auf das Niveau von 1995 gesunken, auch in Friedrichshain wird weniger getrunken. Bleibt uns das Bier in der Kehle stecken seit der Preiserhöhung zur Fußball-WM 2006 oder sind das nur Stammtisch-Parolen?
R. J.: In der Tat hat der Bierpreis angezogen. Auf Volksfesten sind heute 2,50 Euro für 0,4 Liter schon Standard. Beim kürzlich stattgefundenen 6-Tage-Rennen im Velodrom kostete ein 0,3er Bier, das in Kiezkneipen für 1,20 bis 1,50 Euro ausgeschenkt wird, schon 2,90 Euro und damit 20 Cent mehr als vor einem Jahr.
Liegt’s daran, daß so kräftig an der Preisschraube bei Energie, Wasser und landwirtschaftlichen Produkten gedreht wurde?
D. K.: Sicher spielt das eine Rolle. Aber auch für die Getränkeindustrie ist Globalisierung kein Fremdwort mehr. So haben die deutschen Brauereien bislang vor allem den guten tschechischen Hopfen gekauft, für den nun China den doppelten oder dreifachen Preis bezahlt. Ein 50-Liter Faß Budweiser kauften wir bisher für rund 50 Euro ein, die Japaner zahlen dafür 125 und die Irländer 175 Euro. Das alte Spiel von Angebot und Nachfrage, nur in neuer Dimension…
Aber Vater Staat kassiert ja mit seiner Biersteuer auch noch kräftig mit, das waren z.B. 2005 insgesamt 800 Millionen oder 0,043 Euro für eine Halbliterflasche Vollbier…
R. J.: Problematischer ist für mich zum einen, daß mit den Preissteigerungen nicht gleichzeitig die Kaufkraft gestiegen ist. Vor und hinterm Tresen spiegelt sich somit die Wirtschaftssituation – Aufschwung, Stagnation oder Krise – wider. Zum anderen ist leider kein Ende des Trends abzusehen: Fürs Frühjahr sind neue Bierpreiserhöhungen angesagt, die letzte gab’s Anfang Februar, davor im Oktober und Juni vergangenen Jahres, nachdem der Faß-Pfand eingeführt wurde…
Fässer werden doch nicht weggetrunken, nur das Bier…
D. K.: Irrtum! Sie verschwanden, massenhaft, in gigantischem Ausmaß, kriminell organisiert, so daß die Berliner Kripo sogar eine »Soko Faß« schaffen mußte. Schrotthändler auf der ganzen Welt zahlten für ein leeres Bierfaß 15 bis 35 Euro, wie man auch ein Schultheiss-Faß an einer griechischen Strandbar fand. Im Endeffekt stieg der Faßpreis von 73 auf über 170 Euro, und seit dem 1. Mai 2007 müssen 30 Euro Pfand für ein Faß bezahlt werden, und zwar vom Kneipenwirt, der diesen Aufwand nicht auf seine Gäste umlegen kann.
Welche Auswirkungen hat das auf deutsche Brauereien, zu deren Traditionen ja auch lokale Biermarken gehören?
D. K.: In Deutschland gab es vor 30 Jahren fast 2.000 Brauereien, heute sind es noch rund 1.300. Vermutlich wird diese Zahl in den nächsten zehn Jahren weiter abnehmen. Die großen Brauereien müssen, um ihre Marktposition zu behaupten, in Anlagetechnik investieren und ein Mainstream-Bier produzieren, für das auch großer Werbeaufwand betrieben wird. So steckt die Werbung schon heute bis zu 30 Prozent im Bierpreis der Radeberger Gruppe. Genau hier liegt dann die Chance der kleinen Brauereien. Das haben die Großen erkannt und deshalb die Anhebung der Biersteuer für kleinere Brauerein – mit einem jährlichen Produktionsausstoß unter 200.000 Hektoliter – auf ihr Kostenniveau beim Verband der deutschen Brauwirtschaft durchgesetzt. Kosten, die für die kleineren Brauereien, prozentual vom Rohertrag aus betrachtet, wesentlich höher ausfallen und diese somit wirtschaftlich schlechter stellen, ja sogar im Wettbewerb benachteiligen.
R. J.: Allerdings muß man wissen, daß die Bauereien mit der Gastronomie nur etwa 10 Prozent ihres Geschäfts abwickeln. Die anderen 90 Prozent sind das Flaschenbiergeschäft, und hier ist man sehr erfindungsreich, wie das Beispiel des belgischen Becks mit Green Lemmon, Chilled Orange oder Level 7 zeigt.
Ist das nicht eine sehr reale Gefahr für die traditionelle deutsche Kneipenlandschaft, speziell auch in Berlin?
D. K.: Man muß sich den Wandlungen in der Gastronomie stellen. Die Berliner Eck-Kneipe ist ja heute auch nicht mehr wie vor 80 Jahren ein Bollwerk des Proletariats gegen das Bürgertum, Wohnzimmer und Bühne. Die vielen neuen Cocktailbars und Lokale gerade hier in Friedrichshain zeigen doch, wohin es in Zukunft geht: Produktvielfalt, Experimentierfreude, Erlebnisgastronomie, Wohlfühlambiente, auf keinen Fall langfristige und feste Bindungen an Standorte oder Produkte mit überlebensgefährlichen Verträgen.
R. J.: Wirtschaftliche Überlebenschancen hat der Kneipenwirt, der sein Konzept beweglich und kombinationsfähig hält. Beispielsweise am Tresen markenbekannte und weniger bekannte Qualitätsbiere anzubieten, wie wir etwa Berliner Pilsner und Ambrosius, wie Mercedes oder Golf für Autofahrer. Und dabei auch gleichzeitig praktizieren, daß es hier Gemeinschaftserlebnisse gibt, ein Familiengefühl.
Wird dieses edle Ziel nicht durch das aktuelle Rauchverbot in Gaststätten gefährdet?
D. K.: Ich habe mal gelernt: Die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit. Diese Geschichte wird vom Verbraucher geschrieben, letztlich entscheidet der Gast über die Lufthoheit am Stammtisch, nicht der Wirt und nicht die Politiker. Ein demokratischer Akt.
R. J.: Ich fände es auch als sozial ungerecht, wenn nur noch in den Elite-Klubs der 5-Sterne-Hotels in Berlin-Mitte geraucht werden darf, wo es kein Bier unter 5 Euro gibt.
Die Friedrichshainer Chronik dankt für dieses Gespräch.
Mit Dr. Dieter Kinsky und René Jährig sprach Thomas Heubner
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