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Die Straßen | März 2008

Wanda-Kallenbach-Straße

Selbst die meisten alteingesessenen, ortskundigen und heimatverbundenen Friedrichshainer kennen diese Straße nicht. Kein Wunder, existiert sie doch noch nicht einmal anderthalb Jahre. Zudem ist sie kaum sichtbar, klein und ziemlich versteckt auf dem riesigen Anschutz-Gelände, wo heute noch hektische Bautätigkeit herrscht, vom Verkehr auf der Mühlen- und Warschauer Straße umtost. Und die Namensgeberin ist auch keine Berühmtheit, die wenigsten haben jemals etwas von Wanda Kallenbach gehört.

Von jener Frau, die bis Anfang 1944 mit ihrer Familie in der Friedrichshainer Schreinerstraße wohnte und die am 13. Juni 1902 in Krenzoly, im damaligen Wartheland (heute Polen) geboren wurde. Fast noch als junges Mädchen hatte sie ihr Heimatdorf in der Nähe von Posen (heute Poznan) verlassen, um in der deutschen Hauptstadt eine Stelle als Hausgehilfin anzutreten. Später arbeitete sie auch als Packerin, heiratete einen Berliner Arbeiter und gebar 1933 eine Tochter.

Im August 1943, nach vier Kriegsjahren, besuchte Wanda Kallenbach ihre Schwester im ostpreußischen Jankendorf, Kreis Preußisch Holland, wo beide ihre Kindheit verlebt hatten. Sie war froh, in der dörflichen Abgeschiedenheit für ein paar Tage die schrecklichen Luftangriffen in Berlin nicht miterleben zu müssen. Außerdem wollte sie für ihre zu Hause gebliebene Familie ein paar zusätzliche Lebensmittel auftreiben. Doch die Schrecken der im Keller durchwachten Bombennächte und die Sorgen um ihr Kind und den Mann ließen ihr keine Ruhe. Arglos redete sie darüber auch mit Dorfbewohnern. Beispielsweise darüber, daß Hermann Göring, der Reichsmarschall und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, zu Kriegsbeginn großspurig getönt hatte, er wolle Meier heißen, wenn jemals ein feindliches Flugzeug Bomben auf deutsche Städte abwerfe. Aber nun liege Hamburg in Schutt und Asche, und auch in Berlin heulten fast täglich die Sirenen. Befragt, was der kleine Mann von der Straße denn tun könne, sagte sie, ein einzelner sei machtlos, aber wenn alle streikten und die Soldaten die Waffen wegwürfen, würde bald Schluß sein mit dem elenden Krieg. Außerdem hatte Wanda Kallenbach, als sie von einem Dorfbewohner mit den Nazigruß begrüßt wurde, erwidert, daß man dafür in Berlin »ins in die Schnauze bekommen« würde.

Seit langem wieder in Berlin, wurde Wanda Kallenbach am 20. Ja­nuar 1944 von der Gestapo verhaftet. Sie war denunziert worden, und die Häscher hatten außerdem noch herausgefunden, daß sie »judenfreundlich« und vor 1933 Gewerkschaftsmitglied gewesen war. Zuständige Stellen der NSDAP hatten sie als »politisch nicht einwandfrei« eingestuft. Am 20. April, zu »Führers Geburtstag«, wurde gegen Wanda Kallenbach Anklage wegen »Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung« erhoben, obwohl die Bewohner des Mietshauses in der Schreinerstraße ausgesagt hatten, daß ihre Nachbarin stets hilfsbereit und freundlich, aber niemals durch ketzerische Reden aufgefallen sei.

Zwei Monate später stand Wanda Kallenbach vor dem Volksgerichts­hof. Den Vorsitz führte sein berüchtigter Präsident Roland Freisler höchst­persönlich, der einst lauthals gegrölt hatte: »Wir sind die Panzertruppe der Rechtspflege.« Anklagevertreter war Staatsanwalt Dr. Karl Bruchhaus. Der Verteidiger versuchte seine Mandantin zu retten, indem er ihr »mangelnde Intelligenz« bescheinigte, worauf Freisler sie mit Hohn überschüttete und feststellte, sie erwecke den Eindruck, als könne sie »nicht bis drei« zählen. Die Verhandlung wurde wegen Fliegeralarm unterbrochen, Zuhörer, Zeugen, Nazijuristen, Wachpersonal und die Angeklagte mußten in den Luftschutzkeller. Dort versuchte Pfarrer Dr. Hornisch aus der Samariterstraße, in dessen Haushalt auch Wanda Kallenbachs Tochter vorübergehend untergekommen war, den Staatsanwalt milde zu stimmen. Vergeblich. Dr. Bruchhaus kannte kein Mitleid mit der Frau, die nach vielen Wochen Haft verhärmt und apathisch wirkte. In der wiederaufgenommenen Verhandlung machte dann Freisler kurzen Prozeß und verkündete: Die Angeklagte »hat so einen schwersten Angriff auf die Festigkeit unserer Wehrmacht, unseres Soldatentums gemacht. Sie ist damit für immer ehrlos geworden«. Deshalb müsse Wanda Kallenbach »um der Festigkeit unserer inneren Front und damit um unseres Sieges willen mit dem Tode bestraft werden«. Auch nach der Urteilsverkündung gaben ihr Mann und Pfarrer Hornisch nicht auf. Der Ehemann legte ein ärztliches Attest vor, nach dem seine Frau an seelischen Störungen litt. Pfarrer Hornisch schrieb an Hitler einen Gnadenersuch. Umsonst. Wanda Kallenbach wurde am 18. August 1944 in Plötzensee hingerichtet.

Eins von 5.191 vollstreckten Todesurteilen, die der Volksgerichtshof fäll­te, darunter auch die Schuldsprüche gegen die Widerstandsgruppe »Weiße Rose« und die Verschwörer vom 20. Juli 1944. Von den 570 Richtern und Staatsanwälten, die am Volksgerichtshof ihr blutiges Handwerk verrichteten, amtierten 73 Richter und 121 Anklagevertreter später wie­der unbehelligt in der bundesdeutschen Justiz. Unter ihnen auch Staats­anwalt Dr. Karl Bruchhaus. Und die Witwe von Roland Freisler erhielt vom bayerischen Versorgungsamt seit 1974 eine höhere Rente. Begründung: Ihr verstorbener Mann wäre auf Grund seiner fachlichen Qualifikation im Erlebensfall nach dem Krieg vermutlich als Rechtsanwalt oder Beamter des höheren Dienstes tätig geworden…

Wahrscheinlich ist es zuviel verlangt, daß Menschen an dieses Kapitel deutscher Geschichte denken, wenn sie demnächst, von einem Rock- und Pop-Event oder einem Spiel der Berliner Eisbären in der O2-Arena kommend, durch die Wanda-Kallenbach-Straße nach Hause pilgern.

 

Marlies Sparmann

 

Literatur:
Günter Wieland, Das war der Volksgerichtshof. Ermittlungen – Dokumente – Fakten, Staatsverlag der DDR, Berlin 1989
Straßenbenennung auf dem auf dem Gelände des Anschutz-Areals, 16. November 2006, hrsg. vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin/Kreuzberg Museum, Text: Dietlinde Peters


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