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Die Menschen | Dezember 2007

Filmreife Tradition
Die Wirtin Franka Böttcher
Friedrichshainer Chronik

1925: Die Inflation, die die junge Republik in den letzten Jahren im Zangengriff gehalten hat, ist überwunden. Reichspräsident Friedrich Ebert stirbt. Der Roman Der Prozess des jungen, toten und unbekannten Autors Franz Kafka erscheint, und in den USA läuft der Film Der Goldrausch von Charlie Chaplin. In Berlin-Friedrichshain, an der Ecke Müggelstraße/Weserstraße, eröffnet das Ehepaar Herrmann und Hedwig Krüger gemeinsam die Gaststätte Krüger. Er stammt aus Luckau, sie aus Lebus. Geheiratet aber haben die beiden erst in Berlin.

Jahresrückblicke

1945, zwanzig Jahre später: Das »Tausendjährige Reich« geht nach zwölf Jahren zu Ende. Nicht ohne zuvor ganz Europa verwüstet zu haben. Zu beklagen sind 60 Millionen Tote, alles in allem. Im April noch kämpft die Rote Armee in und um Berlin. Am 25. ist sie in Friedrichshain, am 26. in Kreuzberg. Am 30. endlich befreit Hitler die Welt von seiner Existenz. Bis Juni – dann kommt er bei einem Motorradunfall ums Leben – sorgt der erste Stadtkommandant Bersarin trotz allem dafür, daß die Berliner nicht verhungern: Bei den Krügers im Hinterzimmer ist Suppenküche. Noch heute zeugt ein Foto von dieser Zeit. Man sieht darauf, wie eine junge Frau mit Henkelmann das Krüger-Eck eilig verläßt.

Vier Jahre später: Die DDR und die BRD entstehen. DDR: Bei den Krügers läuft’s gut. BRD: Adenauer.

1959: Bei Krügers: Läuft! BRD: Adenauer.

1961: DDR: Die Mauer! BRD: Adenauer.

1965: Der erste Wartburg läuft vom Band. Franka Böttcher ist ein Jahr alt. Adenauer ist weg, Ulbricht hat Schnupfen.

Fotos dieses Artikels: Robert Máté

1966 … 2005: Achtzig Jahre nach dem ersten Pils, das im Krüger über den Tresen geschoben wurde, gibt es die Eckkneipe Krüger in Friedrichshain immer noch. Mittlerweile ist sie die älteste Kneipe Friedrichhains überhaupt. Eine, die auf achtzig Jahre zurückblicken kann. Nicht nur auf sich selbst, sondern auf all das, was man von hier aus hat kommen sehen. Und wieder gehen: Die Weimarer Republik. Den Nationalsozialismus. Die Sowjetische Besatzungszone, sprich SBZ, zwischen 1945 und 49. Dann die DDR. »Im Jahr vor unserem Jubiläum haben sie hier diesen Oscarfilm gedreht: Das Leben der Anderen« erzählt Franka Böttcher, das ist hier die Chefin, stolz.

Dann kam die Wende. Die Wendezeit. Nachwendezeit. Und es kamen Probleme. Frau Böttcher: »Also früher, da war hier mehr losgewesen. Hier waren überall Großbetriebe. Dort vorne zum Beispiel, da war ein Gummikombinat. Die haben in vier Schichten gearbeitet. Und das war dann ja alles vorbei. Die Leute haben ja alle ihre Arbeit verloren.«

Ambitionen am Zapfhahn

2007: Franka Böttcher spricht jetzt mit mir. In dieser Zeit, von der man erst im nachhinein wissen wird, wie sie mal geheißen hat, in die die Eckkneipe Krüger sich aber hinübergerettet hat, obwohl viele Gäste sich das Bier in der Kneipe nicht mehr leisten können. Ob es die Kneipe Ecke Müggelstraße/Weserstraße im Jahr 2025 auch noch geben wird, ob sie also stolze hundert wird, möchte Frau Böttcher also gerne noch offen lassen. Zum einen, weil die Zeiten wirklich schwierig sind. Zum anderen, weil es dann ja wieder jemand aus der Familie sein müßte, der oder die sich im Krüger-Eck hinter den Tresen stellt. Dazu meint sie: »Ich habe zwei Töchter, und die beiden zeigen bis jetzt wenig Ambitionen. Aber man weiß ja nie, oder? Man soll nie ›nie‹ sagen. Ich habe auch erst Sekretärin gelernt. Und dann habe ich meine erste Tochter zur Welt gebracht, bevor ich mich dazu entschlossen habe, die Kneipe zu übernehmen.«

Hat sie aber getan. Denn Sekretärin zu sein war in der DDR etwas anderes als Sekretärin zu sein nach der DDR. »Wir haben ja schon darüber gesprochen, daß das Arbeitsleben nicht einfacher geworden ist in den letzten Jahren.«

Seit geraumer Zeit also steht Franka Böttcher im Krüger am Zapfhahn, und zwar in der vierten Generation. Herrmann und Hedwig Krüger waren ihre Ururgroßeltern. Von denen haben es die Urgroßeltern übernommen, von diesen wiederum die Großeltern, dann die Eltern – »Mama war damals schon über vierzig!« –, und jetzt ist es Franka, die mir ein Pils spendiert.

Kommen und gehen

Das Krüger, eine typische Berliner Eckkneipe mit Patina und Fotos aus vergangenen Zeiten, ist, wenn man sie mit anderen Kneipen vergleicht, vielleicht nicht sehr außergewöhnlich. Außergewöhnlich aber ist Frau Böttcher selbst, denn sie scheint anders als viele andere: Im Gegensatz zu vielen anderen hat sie keine Hummeln im Hintern.

Es gibt Menschen, die müssen jedes Jahr mindestens einmal umziehen oder sie fühlen sich nicht wohl. Menschen, deren Lebenstraum es ist, im Wohnwagen zu leben oder einmal um die Welt zu segeln. Es gibt Vielflieger und Menschen, die im Urlaub auf die Galapagos-Inseln wollen. Frau Böttcher gehört nicht zu ihnen. Frau Böttcher ist die Ruhe in Person. Die Seßhaftigkeit. Und wenn das Traditionsbewußstsein ein Gesicht haben möchte, dann nimmt es das von Franka Böttcher: Sie stammt aus der Gegend um die Müggelstraße. Und da wohnt sie noch immer. In der Jessnerstraße ist sie aufgewachsen (für Ortsunkundige: Die Entfernung beträgt ungefähr drei Meter!) und zur Schule gegangen. Später kam sie dann in eine Schule in der Boxhagener. (Das könnten ganze fünfzehn sein.) Als sie das Krüger-Eck übernahm, pendelte sich ihr Leben auf die Schnittstelle zwischen Müggel- und Weserstraße ein. Und dort steht sie nun hinterm Tresen. Jeden Tag ab 17 Uhr, und das bis in die Puppen. Nur am Samstag ist Ruhetag. Nur am Samstag kann sie sich ausruhen von einem wirklich harten Job.

Mich aber interessiert etwas anderes: Hat es sie nie gejuckt, einmal rauszukommen aus dem Kiez?

Beim Wort »rauskommen« könnte man an dreimonatige Rucksacktouren durch Mittelamerika denken. An Aussteigerjahre auf einer griechischen Insel. Oder an eine Kreuzfahrt nach Hawaii. Franka Böttcher aber überlegt nicht lange. »Nun ja, wir gönnen uns schon mal ne Woche«, sagt sie dann, »wir haben nämlich Usedom für uns entdeckt.«

Wirklich gewagt ist das nicht. Das Amazonasgebiet, die Sahara und Patagonien müssen andere durchstreifen. Für Franka Böttcher war Reisefreiheit wohl niemals das, was ihr schmerzlich fehlte. Sie gehört zu jenen Menschen, die ein Fels sind in der Brandung des alltäglichen Lebens und all seiner Umbrüche. Genauso wie die Kneipe, in der sie Chefin ist, das Krüger, das wiederum einiges hat kommen sehen. Und wieder gehen: Die Weimarer Republik. Den Nationalsozialismus. Die Sowjetische Besatzungszone. Die DDR …

Aktuell ist Friedrichshain schick geworden unter jungen Leuten aus aller Welt. Doch man wird hier nie einen Latte Macchiato bekommen. Aber immer ein anständiges Pils.

 

Birgit Schmidt

 

© und mit freundlicher Genehmigung aus: »ChefinnenSache«. Erfolgreiche Frauen in Friedrichshain/Kreuzberg, hrsg. vom Frieda-Frauenzentrum e.V., Berlin 2007;

Das Buch entstand dank Förderung durch das Land Berlin und den Europäischen Sozialfonds im Rahmen der LSK-Förderung und kann bezogen werden über:

Frieda-Frauenzentrum e.V, Proskauer Str. 7, 10247 Berlin, Tel. 030/296 646 90, www.frieda-frauenzentrum.de

 

Gaststätte »Krüger«, Weserstraße 12/Ecke Müggelstraße, 10247 Berlin, Tel. 030/291 13 91

 



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