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Mandy Meier | Dezember 2007

Brieffreundschaften

Es war ruhig geworden im Wohnzimmer. Mandy mußte nicht mehr erbittert um die Fernbedienung, das eheliche Machtinstrument, kämpfen, sondern konnte nun emanzipiert durch die TV-Abendprogramme zappen. Ihr Mann hatte sich ja kürz­lich einen Laptop zugelegt, kauerte nun stundenlang in der Abstellkammer vor dem Gerät und surfte fröhlich durchs Internet. Wenn Mandy zum Kühlschrank in der Küche tänzelte, um sich von ihrem geliebten Prosecco del Veneto ein Gläschen einzugießen, vernahm sie aus der Kammer manchmal ein leises Stöhnen. Immer öfter hörte sie ihren Dieter auch rufen »Das kann doch nicht wahr sein!« oder »Die spinnen wohl!« Neugierig, was ihr Mann eigentlich treibt, betrat Mandy die Abstellkammer. Dieter saß kopfschüttelnd vorm Bildschirm: »Nicht zu fassen, was für schweinische E-mails mir wildfremde Leute schicken!«, ächzte er. »A bigger penis means much more enjoyment«, las er vor, »Absen­der: Amanda Kivilahti.« »Wem sagt das die gute Frau«, kicherte Mandy wie eine Bügelsklavin, aber Dieter klickte mit der Maus weiter. »Partner faking her orgasm?« zi­tierte er einen Juan Costa alias ste­­fan.­wehrli@­union­springsherald.com, worauf Mandy richtig fuchtig wurde: »Du glaubst wohl, nur weil sexuell zwischen uns noch was läuft, kannst du dich wie ein Arsch benehmen?«

Zum Glück vermochte Dieter seine Frau schnell wieder zu beruhigen. »Stell dir vor, den schönsten Brief habe ich von mariaichich1 [at] yahoo [punkt] com bekommen, von Maria aus St. Petersburg«, sagte er wehmütig und las vor: »Du der schone und sexuelle Mann. Ich will dich besser und naher sehr erfahren. Ich habe solches Gefuhl, daß du ein Mann meines Traumes sein darfst. Ich das einfache Russische die Frau. Mir 30 Jahre. Ich lebe in einer Wohnung zusammen mit der Mutti und der Vater. Mir gefallt meine Arbeit. Aber leider bei mir das kleine Gehalt. Aber das Geld ist haupt-fur mich nicht. Leider, ist viel es im Internet Betrug. Es ist traurig. Ich werde aufrichtig mit dir und ich bitte dich, ehrlich auch zu sein. Keine Spiele. Ich habe das Visum. Ich suche der gute Mann. Und ich werde diesen Mann liebgewinnen. Moglich es du? Ich versuchte, nach dem Mann in seinem Land zu suchen. Aber alle Manner wollen nur die Unterhaltung. Ich will dich mehr nahe erfahren. Ich werde deinen Brief war­ten. Ich bin obligatorisch werde antworten.«

Mandy schossen Tränen in den Augen. Sie schnäuzte in ein Papiertaschentuch ihrer Lieblingsmarke SOLO Talent und erinnerte sich an ihre Schulzeit, als sie eine langjährige Brieffreundschaft pflegte mit einem Mädchen aus der gleichen Stadt. Nur hieß diese Stadt damals Leningrad und das Mädchen Tamara. Und weil sie Lenin- bzw. Thälmannpionier waren, tauschten sie auch ihr rotes und blaues Halstuch und schworen sich unverbrüchliche Freundschaft. Mandy verstand also die slawische Seele, und da sie noch ein bißchen Russisch beherrschte, schlug sie ihrem Mann vor, seiner Maria in ihrer Heimatsprache zu antworten: »Ja lublju tebja! Sdrasdwujet druschba meschdu Sowjetskim Sojusom i GDR!«

 

Thomas Heubner



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