|
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Die Literatur | Dezember 2007
Daniel Emerson Aldridge:
Liebe ist im Zentrum davon Bald war Robby unten durch bei allen. Angeblich war er einer von diesen durchgeknallten Typen, die nur ständig Drogen nehmen und auf Parties gehen, jedoch ansonsten in ihrem Verhalten sehr unzuverlässig sind und nicht mit Menschen umgehen wollen, sondern sie bloß ausnutzen. Eine richtige kleine Schlampe, dieser Robby. Und Jan wußte trotzdem, daß er ihn vergötterte, gerade, weil er so verrückt war. Er sehnte sich nach ihm. Jedoch, weil er unten durch war bei allen, sah Jan ihn nie wieder – allerdings hatte er sich Robbys Adresse bei Ratte heimlich von einem Zettel abgeschrieben, Rigaer Straße 7. Jedoch als er ihn besuchen wollte, fand sich dort, wo das Haus hätte sein müssen, überhaupt nichts außer einem verwilderten Grundstück. Jan fand das stimmungsvoll und passend. Jetzt hatte er noch die Telefonnummer, aber Robby wohnte angeblich bei seinen Eltern. Ein dreiviertel Jahr lang rief Jan nicht an. Jetzt lohnte es auch nicht mehr. Jan wanderte einsam durch die Straßen, still und fremdartig fühlte sich alles an. Hinter manchen Fenstern dunkles, blaues Flimmern. Aus Cafés und Kneipen drang Musik. Alle waren betrunken, es gab keinen Menschen in dieser Stadt, der sich um Jan Gedanken machte. Alle hatten zuviel mit sich selbst zu tun. Was für eine Kälte, mit der wir Menschen uns umgeben, dachte Jan … Nur die polierte Oberfläche zählt … Die Leute sehen sich nicht an. Würden sie es tun, wären sie aufdringlich, weil sie dich nicht in Ruhe lassen. Menschlichkeit ist schwer zu finden in dieser Stadt. Jan dachte: Wie kann ich überleben in dieser Stadt – oh well, nur wenn ich es will. In dieser Welt voller Gewalt und Gemeinheiten werde ich nicht vergehen. You gotta keep an open mind. Hab’ dein Herz offen für diese Welt … Und laß dich nicht in den Abgrund fallen. Er dachte es so oft, immer wieder, aber wie schwer war das manchmal … Wie Schatten, die auf die Seele fallen, vergingen manchmal Tage, in denen er nicht nachdachte, und wenn er mit seinem Namen irgendwas unterschrieb, dann fragte er sich gelegentlich, was das war, diese Person, JAN WOLFSMILCH, ja früher mal ein fröhlicher Junge mit viel Sonne im Herzen, wie Jan von Nebenan, schon so lange nicht mehr … Gott beschützt dich, versprachen ihm die Leute, die gelegentlich vorbeikamen oder am Jahrmarkt schlechte Musik machten, er lächelte milde. Er war weiterhin auf dem richtigen Weg, soviel wußte er noch. Es gab in ihm die Stimme, die »JA« oder »NEIN!« sagte. Er hatte noch die Kontrolle über sich und sein Leben. Er würde sein Leben nicht wegwerfen, im Gegensatz zu all den Leuten, die Jan gerne noch um sich hätte, die er vermißte wie nichts auf der Welt. (…) Es war Zeit, zum Weihnachtsfest zu gehen. Schon 1923 hatte Emil Szyttia geschrieben: »Die Homosexuellen haben eine große Vorliebe für Weihnachten. Am heiligen Abend werden diese ausgestoßenen Menschen sehr sentimental, die ganze Traurigkeit ihres Lebens kommt ihnen zum Bewußtsein, und das Café Mikado hat jahrelang an jedem Weihnachten Feste arrangiert, wo unter dem Weihnachtsbaum Herren in Damenkleidern religiöse Lieder sangen.«
© und mit freundlicher Genehmigung: Daniel Emerson Aldridge; aus: Friedrichshain Anthologie. Texte aus und über Friedrichshain., hrsg. von Björn von Rimscha, Spunk Seipel, Nicolas Sustr, Books on Demand GmbH, Norderstedt 2001, ISBN 3831124574
|
||||||||||||||||||||||








