|
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Die Orte | Dezember 2007
Die getrennte Familie
Der Andreasplatz existierte nicht einmal ein Jahrhundert. 1865 erhielt er seinen Namen, wurde im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, und 1960 wurde an seiner Stelle – Kreuzung Andreas- und Singerstraße (früher Grüner Weg) – eine Kaufhalle gebaut, die im vergangenen Jahr wiederum einem zeitgemäßen Supermarkt weichen mußte. Da war vom einstigen Schmuckplatz nichts mehr zu sehen, keine Spur mehr von Rondell, Marmorbank und Springbrunnen. Und auch die Familienidylle fehlt, d. h. die beiden Skulpturen Mutter mit schlafendem Kind und Handwerker mit Sohn stehen nicht mehr an ihrem angestammten Platz. Beide Denkmale wurden 1898 geschaffen, die sogenannte Muttergruppe von Edmund Gomansky, der damit nicht nur künstlerisch auf die historischen Madonnen-Ikonen rückgriff, sondern auch das Frauenbild der Kaiserzeit interpretierte: das Weib als hingebungsvolle Mutter, liebende Gattin und fürsorgliche Hausfrau. Anfang der 60er Jahre wurde die Mutter mit ihrem Kind in den Volkspark Friedrichshain umquartiert, wo sie noch heute den Duft- und Behindertengarten ziert.
Die Vatergruppe dagegen mußte nur die Straßenseite wechseln und wurde auf einen drei Meter hohen Sockel gehievt. Doch auch die von Wilhelm Haverkamp gestaltete Marmorskulptur ist ein Zeugnis der wilhelminischer Ära, wird sogar als das einzige Arbeiterdenkmal im damaligen Deutschlands bezeichnet. Der Vater weist sich durch seine Kleidung – Hammer, Schmiedeschürze und Mütze – als Schmied aus, wohl auch eine Reminiszenz an das Arbeitermilieu, das in diesem Stadtteil vorherrschend war. Sein Sohn, ein vielleicht fünfjähriger Junge, greift nach dem Hammer des Vaters, was natürlich die Weitergabe der Berufstradition von einer Generation zur anderen symbolisieren soll. Doch der freche Friedrichshainer Volksmund machte sich seinen eigen Reim auf Handwerker und Sohn und schuf damals sogar den Begriff »Arbeiterdenkmal«: Einer, der sich auf seinem Werkzeug, etwa einer Schaufel, ausruht. Motto: »Die Arbeet jacht ma, aber ick bin schneller.« Oder in abgewandelter zeitgenössischer Variante: »Ick bin uff de Arbeet un nich uff de Flucht!« Freilich, von einer Familienzusammenführung bzw. Wiedervereinigung von Vater- und Muttergruppe ist derzeit nichts bekannt. Und so leben die einen zeitgemäß als Alleinerziehende im Grünen, die anderen im Spannungsfeld zwischen Gymnasium und Seniorenwohnhaus.
Jens-Axel Götze
Literatur: Jan Feustel, Verschwundenes Friedrichshain: Bauten und Denkmale im Berliner Osten, Berlin 2001
|
||||||||||||||||||||||








