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Die Historie | Dezember 2007

Ein Friedrichshainer Original

Mit Vergnügen las ich die November-Chronik. Zum einen wegen der Erinnerung an Erich Schmitt, mit dem ich viele frohe – und auch feuchte – Stunden verbrachte, und zum anderen, weil das gelungene Schmitt-Porträt von Achim Dittrich stammte, der sich als »Cobra« einen Namen gemacht hatte und mich dem mich eine lange Freundschaft verband. Er gehörte zusammen mit Kurt Belicke, der später als Filmautor (Lord vom Alexanderplatz) Karriere machte, zum ND-Lokalredaktionsteam, dem ich zuweilen vorstand. Die beiden kehrten oft schon tagsüber bei Mutter Kosan ein und eröffneten mir dann drei Stunden vor Redaktionsschluß, daß unsere am Tag zuvor entstandene Idee leider gescheitert sei. Zu ihrer Ehre sei gesagt, daß sie allemal spätestens zehn Minuten vor Ultimo dann doch mit einer attraktiven Story anrückten. Das war in den Jahren, als der Kalte Krieg auch zwischen Berlins Zeitungen tobte.

Eines Tages meldete der im französischen Sektor erscheinende Kurier, daß der vielgelesene Gerichtsreporter der Berliner Zeitung »Procontra« die Seite gewechselt habe und in der »Freiheit« fortan für den Kurier tätig sei. Der Lokalchef der Berliner Zeitung bat mich händerin­gend um Hilfe: Ob Dittrich nicht als »Procontra« einspringen könne, denn der Autorenname gehöre der Zeitung. Ich fragte Achim. Er erklärte sich bereit, bestand aber auf einem eigenen »Namen« und startete weni­ge Tage später als »Cobra«.

Die Friedrichshainer Chronik betitelte ihn als »Kriminalhumoristen« – eine Berufsbezeichnung, die mir nie zuvor begegnet war – und traf damit haargenau den Stil, in dem er seine Gerichtsreportagen schrieb. Den Gesetzbuch-Paragraphen, nach dem ein Angeklagter verurteilt worden war, las man fast nie bei ihm, dafür erfuhr man, daß er seine Taten vor allem seinem Kanarievogel zu Liebe begangen oder daß er beim Bäcker geklauten Kuchen heimlich in einem Waisenkinderheim abge­geben hatte. Das glaubte natürlich der Richter nicht – aber der Leser. Stand eine seiner Gerichtsreportagen im Blatt, zogen die Verkäufer der Berliner Zeitung morgens mit dem Ruf durch die S-Bahn-Abteile: »Heute mit Cobra!« Abends konnte man Schmitt und Dittrich oft in der Niquet-Klause treffen. Über den Kneipentisch hatte Schmitt eine nicht sonderlich lustige Cobra gemalt, als Warnung für alle ahnungslosen Gäste, die am Stammtisch der beiden Platz nehmen wollten. Eines Tages waren »Cobras« amüsante Gerichtssaalreportagen in der Chefetage nicht mehr so gefragt, Richter hatten moniert, daß sie ernsthaft ihrer Arbeit nachgingen und keineswegs so, wie dieser Autor sie beschrieb. So ging seine große Zeit zu Ende, Krankheiten plagten ihn zudem, nach Erich Schmitts frühem Tod wurde es einsam um ihn.

Cobra lebte bis zu seinem Tod in der Auerstraße. Dort besuchte ich ihn oft, und ein Problem, das unsere Plauderstunden zu behindern drohte, löste er auf »Cobra«-Weise: Da ihm seine Sehschwäche nicht gestattete, treppab zur Haustür zu kommen, um sie zu öffnen, hatten wir ein Klingelzeichen verabredet. Sobald ich es ausgelöst hatte, öffnete sich sein Fenster und er ließ an einer langen Schnur die Schlüssel hinab.

Der Begriff »Original« ist kaum einzugrenzen, aber würde mich jemand fragen, wen ich für ein »Original« der Nachkriegszeit hielte, würde ich ohne Zaudern Achim Dittrich als Friedrichshainer Original nennen. Und umgeben von der heutigen Zeitungslandschaft, würde ich gern morgen in eine S-Bahn steigen, in der mir ein Zeitungshändler mitteilt: »Heute mit Cobra!«

 

Klaus Huhn



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