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Das Trinken | Dezember 2007

Schokolade statt Schnulleralarm

Der griesgrämige Herbstnachmittag zeigt sich von seiner besten Seite. Seine feucht-kalten Nebelfinger kriechen sogar bis auf die Haut. Da kommt die Zuflucht am Ostkreuz gerade recht: kuschelige Wärme, heiße Getränke, und ein paar freie Kaffeehaustische.

Dem Pärchen nebenan wird soeben das Essen serviert. Der liebenswerte Winzling auf dem Kinderstuhl zwischen beiden, vielleicht ein Jahr alt, hat zwar gerade seine Flasche ausgetrunken, verlangt aber nach mehr. Er streckt sein Ärmchen in Richtung Gulasch auf dem Teller seines Vaters, saugt ganz aufgeregt am Nuckel und verzieht hungergeplagt sein rosiges Babygesicht. Die Kellnerin beobachtet es von weitem mit ihren dunklen Kulleraugen und bringt flugs bunte Holzbausteine, bevor Schnulleralarm ausgelöst werden muß. Das pädagogische Ablenkungsmanöver funktioniert prima, wie man dem quietschvergnügten Nachwuchsarchitekten sofort ansehen kann.

Wir können also in Ruhe unsere Bestellung aufgeben und uns im Uebereck umschauen: Das Weinrot der Hausfassade setzt sich im Innern des Cafés fort, sowohl an den Wänden im hinteren und ruhigeren Gastraum als auch vorn an Tresen und Wandsockel. Beruhigend zudem das gedämpfte Licht der Wandlampen und des riesigen Kerzenleuchters an der Bar. Insgesamt kommt das Interieur ohne possierlichen Schnickschnack aus.

Das Uebereck öffnete vor elf Jahren und gehört somit zu den Gastro-Pionieren im Kiez ums altehrwürdige Ostkreuz. Die meisten Kneipen und Läden in der Sonntag- und Neuen Bahnhof­straße siedelten sich erst später an. Nur das Lokal an der Ecke schräg gegenüber soll es bereits gegeben haben, seinerzeit frequen­tiert von Artgenossen, denen die Café-Be­su­cher von Image und Gesinnung her unliebsam waren. Die Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern wurden selten mittels eines philosophischen Diskurses geführt, wobei die kahlköpfigen Testeronbubis nicht im Uebereck saßen. Das Eckhaus selbst steht

schon über 100 Jahre, in den 20ern verkauf­te Walter Jaehns in seinem Bettenfachge­schäft im Parterre »Bettfedern« und »Weiß­ware«. Übrigens nachzulesen in der umfangreichen Spei­se- und Getränkekarte, wie auch der Hinweis, daß das Kiez-Café im Sinne alter Berliner Kaffeehauskultur betrieben wird. Ob damit auch die seligen Kaffeeklappen und Kaffeeschnüffler des Alten Fritz’ gemeint sind, ließen die Verfasser offen.

Für uns immerhin ein beruhigender Fingerzeig, hatten wir doch schon vom »szenigen Trendladen« Uebereck gelesen und Schlimmes befürchtet. Frühstück gibt es bis 16 Uhr, doch weder am Salami-Käse-Baguette noch an den Spiegeleiern haben wir etwas zu nörgeln. Das Getränke­angebot ist löblich umfangreich, aber es ist noch nicht Feierabend und wir überblättern standhaft die zwei Seiten Cocktail- und Longdrink-Offerten, wählen dafür einen Cappuccino und von den Hot Specials »Heiße Schokolade mit Bailey’s«. Alle ist so, wie es sein soll: heiß, süß und cremig, aromatisch und köstlich. Wir fragen uns nur, warum Baileys hier mit Häkchen geschrieben wird, strecken entspannt unsere Beine an der Heizung aus und beobachten durchs große Fenster, wie in dem kleinen Park vorm Ostkreuz das Laub aufgewirbelt wird.

 

Justus Hackmann

 

Café Uebereck, Lenbachstraße 8/Sonntagstraße 31, 10245 Berlin, Tel. 030/291 27 92, täglich ab 10 Uhr geöffnet



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