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Die Geschäfte | Dezember 2007

Wege durchs Gestrüpp

Sicher hatte er mehr als einmal zerschundene Knie und Kletten in Haaren und Kleidern. Sicher wurde er von Mücken zerstochen und schrammte sich die Hände an Disteln. Riesenhafte Wiesensträuße waren die Jagdtrophäen seiner Kindheit. Taucher, Forscher oder Gärtner, das waren die beruflichen Alternativen.

Wie finden Menschen ihre Leidenschaften, wieso gehen sie die Wege, die sie gehen, und warum tun sie, was sie tun? Wieder einmal begebe ich mich auf die Suche.

Während des Studiums lernten sich Gregor Alexander Zimmer und Siegmar R. Gurth kennen. Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie erzählen mir von ihren Wegen, einzeln, einander ins Wort fallend, zuhörend. Seitenhiebe verteilend, wie man es nur macht, wenn man sich lange kennt. Was die zwei zusammengeführt hat, ist ihre Liebe zu Pflanzen. Die Liebe war so groß, daß sie beschlossen, gemeinsame Sache zu machen und vor fünf Jahren ein Geschäft eröffne­ten: der garten – terra architectura. Ein Hybrid aus Blumen- oder besser ge­sagt: Pflanzengeschäft, Landschaftsarchitekturbüro und Galerie. Ein Schnitt­­punkt.

Wer durch diese Tür kommt, merkt sofort, daß etwas anders ist. Nicht so, wie in den herkömmlichen Blumen­ge­schäften, in denen gefühl­te einhundertfünfzig Sorten Schnitt­blumen in all ihrer Pracht und Üp­pigkeit Gewehr bei Fuß zum Verkauf bereit ste­hen. Ver­ein­zelt stehen Pflanzen in dezent ele­ganten Ge­fäßen aus Zink, Glas oder Edel­stahl. Gestecke werden kom­bi­niert mit Schie­fer. Hier, in der Main­­zer Straße 23, versteckt

sich ein La­den mit sowohl ästhe­tischem als auch ethischem Anspruch. Das Konzept der beiden Männer ist denkbar einfach und darum auch so besonders: »Die Pflanze ist der Hauptakteur.« Viel­leicht auch deshalb wirken die Re­sultate wie minimalistische Insze­nierungen.

In ihren Jungunternehmer­zei­ten überforderten sie so man­ches Mal die hereingewehte Kund­schaft. Da standen oft nur drei Hyazinthen, einsam, aber stilvoll, im Laden. In den kommenden Jahren erzog man sich gegenseitig. Bedürfnisse näherten sich Bedürfnissen an. Das ist effektive Kommunikation.

Gregor und Siegmar erweiterten ihr Sortiment. Sie öffneten ihren Garten, stellten Tische mit Balkonpflanzen und Gestecken vor die Tür, um das Hereinkommen zu erleichtern. Immer ihren Kriterien folgend. Es wird die Pflanze verkauft, wenn sie wächst, also nach Saison. Zum Teil kommen die Pflanzen aus dem Berliner Umland von kleineren Händlern. Die Kunden lernten, daß es genau deswegen die Pflanzen nicht in fünfzigfacher, sondern nur in dreifacher Ausgabe geben kann. Und ebenso, daß sie nicht zwischen zwölf verschiedenen Farbschattierungen wählen können. Weder die Betreiber noch ihr Geschäft sind DIN-genormt, schon gar nicht sind es die Gewächse. Ja, so etwas haben sich Leute auch für Pflanzen ausgedacht.

Konsequenz und Leidenschaft sind ein seltenes Paar. Während Gregor vorn für Punker Hochzeitssträuße aus Artischocken bindet, plant Siegmar hinten blühende Landschaften. Es scheint, daß das Bewußtsein für fachlichen Rat auch in diesem Punkt wächst. Noch kommen die meisten Aufträge von Menschen aus artverwandten Berufen. Aber wer sich für x Euros ein Haus hinstellt, der hört beim Garten nicht auf, auch wenn das Geld der Bauherren dafür nicht ganz so locker sitzt. Klassischerweise steht das Haus auch schon eine gewisse Zeit, bevor Siegmar sich von den Möglichkeiten eines Ortes und seines Besitzers inspirieren läßt. »Das Spannende an der Gartenplanung«, erklärt mir Siegmar, »ist, daß du ein sich ständig veränderndes Bild entwirfst. Du mußt dir also vorstellen, wie das in drei Monaten aussieht, oder in zwei Jahren. Du mußt wissen, wie schnell die einzelnen Pflanzen wachsen, wie und wann sie blühen und wie sie verblühen und dazu machst du einen Pflanzenplan.« Und wieder zieht ein neues Wort in mein imaginäres Wörterbuch ein.

Siegmar, erst seit zehn Jahren in Berlin, wuchs in Kleinmachnow auf, eine Gartengegend. Auch er hatte eine solche grüne Oase, 3000 Quadratmeter urwüchsiges Land, Bäume. Die Blumen kamen nicht abgeschnitten ins Haus, sondern die Zimmer wanderten nach draußen. Der Garten als erweiterter Wohnraum. Natur war allgegenwärtig. Auf die Frage, wie denn sein eigener Garten gestaltet wäre, antwortet er. »Ich würde Kuriositäten sammeln und alles würde aussehen, als wäre es wild gewachsen. Ich bin Naturromantiker.«

So wie sich ihr Geschäft entwickelte, so entwickelten sich auch Gregor und Siegmar. Verantwortungsteilung, jeder hat nun sein Gebiet. Reibung und Inspiration. »Die Birke ist meine Lieblingspflanze«, verrät Siegmar. »Sie schafft es immer, sich auf besondere Art zu inszenieren. Ein See in Lappland fällt mir ein, in der Mitte eine Insel mit einem halb­umgeknicktem Baum. Im Herbst gelb-orange und ansonsten schwarz-weiß. Sehr graphisch.«

Schwarz-weiß ist auch das Outfit von Gregor. Bei ihm zu Hause stehen zur Zeit weiße Orchideen, obwohl das ständig wechselt, das mit der Lieblingspflanze. Bald wird er den Herrnhuter Weihnachtsstern aufhängen, so wie er im Sommer regelmäßig einen großen Wiesenblumenstrauß zusammenstellt.

Konsequenz und Leidenschaft.

 

Miriam Notowicz

 

der garten - terra architectura, Mainzer Straße 23, 10247 Berlin, Tel 030/297 792 92, www.terra-architectura.de, Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa. 10–14 Uhr



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