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Die Reportage | Dezember 2007

Ich liebe jede Stunde
Leben ohne Hindernisse

Seelenparadies, Firmament und Wiesenteppich steht auf den blaugrünen Fliesen, die die Toreinfahrt des alten Mietshauses in der Gubener Straße einrahmen. Das Gebäude ist schick saniert, die breite Eingangstür öffnet und schließt sich automatisch, wie von Zauberhand gesteuert. Im Hinterhaus gibt es neben den Stufen und Absätzen schräge Rampen, und auch der Zugang zum Fahrstuhl ist breit genug, damit ein Rollstuhl bequem hindurchpaßt. Das muß so sein, denn von den zwölf Mieterinnen und Mietern benötigt jeder eine solche Fortbewegungshilfe. Menschen mit Behinderungen der unterschiedlichsten Art, die hier in der Gubener Straße ihr Zuhause gefunden haben, in einem Wohnverbund der Lebenswege Wohnprojekte gGmbH. »Aber viele wissen mit uns und dem Haus nichts anzufangen«, erzählt Thilo Mann. »Wenn ich ein Taxi mit Platz für den Rollstuhl bestelle, kommt als Gegenfrage oft ›Also vor dem Seniorenwohnheim?‹. Oder als ich auf den Telebus wartete und den Kopf zur Tür raussteckte, fragte mich der Fahrer ›Ach, Sie bringen ihn raus?‹ Daß Behinderte von manchen immer noch in die Schublade ›alt, debil und hilflos‹ gesteckt werden, ärgert mich.«

Sicherheiten

Der 33jährige junge Mann bewohnt sein Apartment im Erstbezug, seit dem 1. April 2006. Zwei Jahre vorher erlitt er einen Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung als Folge. Ein Schicksalsschlag aus heiterem Himmel für den Informatikstudenten, dem die Frage, wie er damit umgehen konnte, ziemlich einfältig erscheinen muß: »Natürlich bin ich damit schlecht zurechtgekommen«, umreißt er knapp sein zweites neues Leben. Es ist geprägt von Reha, Therapien und »alltagsorientiertem Training«. Jeden Tag Fotos dieses Artikels:
R. Tarango/Lebenswege
die Zähne zusammen beißen, die Hoffnung nicht aufgeben, sich stets aufs neue aufrappeln. Doch es lohnt sich. »Ich be­koche mich selbst«, berichtet Thilo stolz, und daß er gerade in der IT-Abteilung beim ZDF ein Praktikum macht. Schön wäre es, sagt er, wenn er spä­ter in dieser Richtung auch einen Job bekäme. Und wenn er irgendwann mit seiner Freundin zusammenleben könnte, mit der er zur Zeit leider nur eine Wochenendbe­ziehung führen kann, da sie außerhalb Berlins arbeitet. Sie sei ihm sehr wichtig, habe mit ihm schon so vieles durchgestanden, mit ihr könne er über alles reden, viel lachen und sich auch mal richtig ausheulen.

Einen solchen Halt können ihm die Hausbewohner natürlich nicht geben, zumal die Kontakte untereinander sich erst zaghaft entwickeln. Da Thilo Mann jedoch im Parterre wohnt und nachmittags meist an seinem Schreibtisch am Fenster sitzt, vor dem auf dem Hof oft die Raucher stehen, kommt es nicht selten zum Plausch. So ist es gut zu wissen, man lebt nicht allein in diesem Haus, man hat die Sicherheit, jederzeit Hilfe zu bekommen, kann sich aber stets in seine eigenen vier Wände zurückziehen.

Julia Vogler leitet den Wohnverbund und kennt selbstverständlich die Bedürfnisse der Bewohner des Apartmenthauses. Die 34jährige Sozialpädagogin weiß, daß die meisten trotz ihrer Behinderung eigenständig und selbstbestimmt leben wollen und zugleich einen hohen Pflege- und Betreuungsbedarf haben. »Betreutes Einzelwohnen« heißt es amtlich, klärt sie auf und erläutert, was es mit Kostenträgern, Bewilligungsbescheiden oder Eingliederungshilfe nach SGB XII auf sich hat. Was bürokratisch klingt, wird in alltäglicher Fürsorge praktiziert: die Bewohner wecken, waschen, Frühstück zubereiten, auf Ämter begleiten, beim Ausfüllen von Formularen behilflich sein, eine Dampferfahrt für alle organisieren, mit ins Kino gehen … Und Nachtbereitschaft haben, so daß man bei einem Notfall von jedem Hausbewohner über die drahtlose Rufanlage zu Hilfe geholt werden kann. Es ist nicht immer einfach,

Assistent zu sein, wie diese Tätigkeit bei Lebenswege genannt wird. Zumal diese Bezeichnung zugleich Programm und Credo ist: Schließlich geht es um mehr als um helfen oder betreuen, sondern auch um gegenseitigen Respekt und Umgang miteinander auf gleicher Augenhöhe. Und das beginnt beispielsweise damit, daß die Betreffenden sich ihre Assistenten selbständig aussuchen, wählen können. Für Julia Vogler ist das ganz einfach: »In unserer Arbeit stehen nicht die körperlichen oder geistigen Defizite der Menschen im Vordergrund, sondern das, was sie können, was sie sind, ihre Persönlichkeit eben.«

Schmetterlinge

Den Schneid und die Lebenslust hat sich auch Patricia Hepp nicht nehmen lassen. Jedenfalls entschied sie sich ganz bewußt sowohl für eine pflegerische als auch sozialpädagogische Assistenz durch Lebenswege, wie auch für das Leben in der eigenen kleinen Wohnung. Noch als das Haus am Comeniusplatz im Rohbau war, Wände versetzt und Türen verbreitert wurden, hat sie sich alles genau angesehen. Um so wohler fühlt sie sich nun fernab vom kollektiven Trubel in einem Wohnheim.

Die 25jährige gelernte Bürokauffrau hadert nicht mit ihrem Schicksal, das »cerebelläre Ataxie« heißt. Eine Spätbehinderung, eine Krankheit, bei der Nervensystem, Rückenmark und die Motorik geschädigt werden können und die schleichend fortschreitet. Das Leben zu genießen, hier und jetzt, heißt deshalb für Patricia auch morgens lange zu schlafen. Danach ein »schönes gemütliches Frühstück«, verrät sie, »mit Müsli, Wurst- und Käsestulle, Knäckebrot, zwei Croissants und Kaffee«. Auch als Naschkatze entpuppt sie sich, wovon der beachtliche Vorrat an Süßigkeiten zeugt, der schon lange vor dem ersten Advent angelegt wurde.

Ihr größter und schönster Traum: irgendwann mal wieder arbeiten können, am liebsten mit Tieren. Alltägliche Realität dagegen die nachmittägliche Physiotherapie. Doch ohne sie würden jede Bewegung und das Sprechen noch schwerer fallen. So aber geht Patricia außerdem einmal in der Woche zum Karatetraining. Und wie den meisten Frauen ihres Alters bereitet ihr Shopping großes Vergnügen, besonders bei Klamotten könnte sie jedesmal schwach werden. Oder in Musik- oder Buchläden stöbern – falls sie mit ihrem Rollstuhl über Rampe oder Fahrstuhl in das Geschäft gelangt und vorher eine Niederflurbahn gekommen ist, mit der sie mitfahren kann. Sofern es keinen »barrierefreien Zugang« gibt, wie die Fachleute sagen, kann das Leben zum anstrengenden Hin­dernislauf werden, weiß Patricia Hepp. Dann möchte sie manchmal fliegen können wie in Vogel. Oder schweben wie ein Schmetterling, wie sie als orangefarbener Plastikschmuck an ihrer Wohnzimmerlampe hängen. Zum Glücklichsein bedarf es wenig.

Fingerzeige

Eine Etage höher wohnt Thomas Wonchalski. Er lebt seit 43 Jahren mit seiner Behinderung, die durch Sauerstoffmangel bei seiner Geburt verursacht wurde. Eine spezielle Spastik, von der alle Gliedmaße und auch die Sprechorgane betroffen sind. Um sich verständigen zu können, hat er vor sich auf dem Rollstuhl eine Holztafel befestigt. Darauf sind Buchstaben und Ziffern eingebrannt, auf die er mit dem Finger zeigt, somit Worte und Sätze bildet, fragt und antwortet, streitet und besänftigt. Jede Unterhaltung strengt an, kostet Kraft. Doch Thomas ist eine Kämpfernatur. Jeden Morgen fünf Minuten vor sechs klingelt der Wecker, und nach dem Frühstück fährt er zur Arbeit in eine »Tagesförderstätte«, wo er am Rechner Bestellungen für Sprachcomputer und andere Lernmittel eingibt. Die gute tägliche Erfahrung, daß selbstbestimmtes Leben vor allem das Gebrauchtwerden einschließt, eine menschliche Arbeit, da sein für andere.

Eine Bestätigung für Thomas Wonchalski war es deshalb auch, daß ihn die anderen Hausbewohner kurz nach ihrem Einzug zu einem ihrer Interessenvertreter wählten. Eine Sache, die er ernst nimmt und für die er sich einsetzt, weshalb es beispielsweise im Hof jetzt Gartenbänke und -tische gibt, wo man im Sommer dieses Jahres sogar eine Party feierte. Na klar, wie in jedem anderen Haus der Stadt sind die Kontakte der Nachbarn untereinander unterschiedlich stark ausgeprägt. Doch mit der anderen gewählten Interessenvertreterin versteht sich Thomas besonders gut. Und während er davon spricht, leuchten seine warmen Augen und das ganze Gesicht lacht. Vielleicht fragt er sie bald, ob sie demnächst mal mit zum Fußball ins Olympiastadion kommt, weil er selbst kein Spiel verpaßt und sich ganz sehnsüchtig wünscht, daß Hertha deutscher Meister wird. Oder er lädt sie ein, wenn seine Lieblingsband wieder ein Konzert gibt. Nämlich Karat, von denen ein großes Poster über seinem Bett hängt. Der Titel ihrer Tournee: Ich liebe jede Stunde …

 

Thomas Heubner

 

Infos und Kontakt: Lebenswege Wohnprojekte gGmbH, Gubener Straße 46, 10243 Berlin, Tel. 030/446 872 0, Fax 030/446 872 40, www.lebenswege-berlin.de



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