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Die Straßen | Dezember 2007

Auerstraße

Straßenumbenennungen sind auch in Friedrichshain nichts Ungewöhnliches. Aber erstaunlich mutet es schon an, daß der Ostberliner Magistrat und die SED-Oberen bei der schnurgeraden Verbindung zwi­schen Weidenweg und Tilsiter Straße (heute Richard-Sorge-Straße) ausgerechnet den Namen eines Adligen gegen den eines anderen Blaublütigen tauschten.

Andrerseits war die Neutaufe so ungewöhnlich nicht, war die Straße doch seit 1898 nach Bernhard Ludwig Edu­ard Freiherr von Richthofen (1836–1895) benannt. Dieser hatte seine preußische Karriere beim Kammergericht in Glogau begonnen, wurde später Landrat in Pommern und avancierte schließlich zum Polizeipräsidenten von Berlin. Aus dieser Zeit ist von dem edlen Herren keine Helden- oder Glanztat überliefert, bis auf jene, als er in seinem Amt auch mit der Zensur eines fortschrittlichen Bühnenstückes beauftragt war. Befragt, woran er und seine Behörde denn im einzelnen Anstoß nehme, sprach er die mittlerweile ge­flügelten Worte: »Die ganze Richtung paßt uns nicht!« Ne­benbei: Eine Generation später brachte es ein anderer Mann aus dem alten Adelsgeschlecht ebenfalls zu einer ge­wissen Berühmtheit. Wolfram Freiherr von Richthofen stieg unter Hitler immerhin zum Generalfeldmarschall auf, nachdem er 1937 als Befehlshaber der berüchtigten Legion Condor das baskische Städtchen Guernica bombardieren ließ und anschließend in seinem Kriegstagebuch notierte: »Guernica, Stadt von 5000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht, Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.«

Die Umbenennung der Richthofen- in Auerstraße am 31. Mai 1951 lag in dem antifaschistischen Staat also auf der Hand, zumal der neue Namenspatron auch international als Wissenschaftler, Tech­niker, Erfinder und fortschrittlicher Unternehmer geachtet war und in Friedrichshain seine Spuren hinterlassen hatte.

Carl Freiherr Auer von Welsbach wurde am 1. September 1858 in Wien geboren, als jüngstes von vier Kindern der Familie. Sein Vater, Alois Ritter Auer von Welsbach, war Direktor der k.u.k. Hofdruckerei und hatte 1853 den galvanoplastischen Naturselbstdruck erfunden. Nach Gymnasium und Militärdienst begann Carl Auer von Welsbach an der Technischen Universität in Wien Mathematik, Chemie und Physik zu studieren, wechselte dann 1880 nach Heidelberg, wo Robert W. Bunsen einer seiner Lehrer war und wo er auch promovierte. Nach Wien zurückgekehrt, setzte der Chemiker seine Untersuchungen der sogenannten Seltenen Erden fort und entdeckte 1885 dabei die Elemente Neodym und Prasedym. Mit dem selben Verfahren entdeckte er 20 Jahre später zwei weitere Elemente, nämlich Ytterbium und Lutetium. Bei seinen Arbeiten entwickelte er das Gasglühlicht, das er bei weiteren Experimenten mit Thorium und Cer verbesserte und als Glühstrumpf, auch Auerstrumpf genannt, patentieren ließ. Damit konnten die bislang gebräuchlichen, auf Kohlenstoff basierenden Licht­spender wie Kienspan, Tranlampe, Kerze, Petroleum, Leuchtgas und die Kohlenfadenlampe Edisons ersetzt werden. Die Erfindung des Auerstrumpfes war die Geburtsstunde der modernen Lichtwissenschaft und Lichttechnik. Das Auer-Licht spendete viermal soviel Licht bei halbem Gasverbrauch. Aus dem Chemiker Carl Auer von Welsbach war gemäß seines Wappenspruchs »Plus Lucis« (Mehr Licht) ein Lichttechniker geworden. Später beschäftigte sich Auer auch mit der Verbesserung der elektrischen Glühlampe und entwickelte durch den Einsatz von Osmium und Wolfram die (Osram-)Metallfaden-Glühlampe. Fast nebenbei erfand er das »Auermetall« bzw. »Cereisen«, das heute noch im Zündstein eines jeden Feuerzeugs steckt.

Auer erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen, war u.a. Mit­glied der Berliner Akademie der Wissenschaften und interessierte sich auch für andere Wissenschafts- und Technikgebiete. So war er einer der ersten Farb-Fotografen in Österreich und betätigte sich sowohl als be­gei­sterter Ornithologe als auch als Botaniker, der sogar eine eigene Apfelsorte, den »Auerapfel«, züchtete. Nicht zuletzt machte sich Auer einen Namen als Firmengründer, beispielsweise 1906 der Deutschen Gas­­glüh­lichtgesellschaft AG (Auergesellschaft) mit ihrem gewaltigen Fir­­­menkomplex an der Warschauer Brücke. 1919 wurde die Auergesellschaft mit den Glühlampenfabriken der AEG und Siemens & Halske zur OSRAM GmbH zusammengelegt. Dr. Carl Auer von Welsbach starb am 4. August 1929 auf seinem Schloß Welsbach bei Meiselding in Österreich, aus dem im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Werk ging der VEB Berliner Glühlampenwerk »Rosa Luxemburg« hervor, der bis 1990 zum Narva-Kombinat gehörte. Seit 17 Jahren werden dort keine Glühlampen mehr produziert, die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude wurden restauriert und zu einem Dienstleistungszentrum namens Oberbaum-City ausgebaut.

Ähnliche Veränderungen vollzogen sich über die Jahre auch in der Richthofen- bzw. Auerstraße. Sichtbares Zeichen ist vor allem das Auer­eck, das nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts der Stalin­allee er­rich­tet wurde, als historische Blockrand­bebauung in dem Dreieck zwischen Weidenweg, Löwe- und Auerstraße, wobei die im Krieg unzerstörten Altbauten einbezo­gen wurden. Der Wohnblock mit seinen 26 Aufgängen bot den Friedrichshainern, die hier 1954 einzogen, einen Luxus, den sie vorher nicht kannten: Zentralheizung, Warm­wasser, Bad, Innen-WC, Müllschlucker und Telefon. Ein Jahr vorher, im Juni 1953, gehörten die Bauarbeiter des Blocks 40 zu den ersten, die gegen die Normerhöhungen der DDR-Regierung streikten. Davon war dann am 1. Juni 1958 nichts mehr zu spüren, als im Kulturhaus Auerstraße anstelle einer kirchlichen Taufe die erste sozialistische Namensgebung der DDR veranstaltet wurde. Die Zeiten seit 1954 fast unbeschadet überstanden haben der Kindergarten und gegenüber der Friseur im Gebäudekomplex. Im Gegensatz zur Kneipe Laternchen in Hausnummer 30, wo nach der »Wende« das »Auer-Licht« ausgeknipst wurde. Nur im Innenhof des Auer­ecks, einer wunderschönen parkähnlichen Oase, turnen unverdrossen die Akrobaten. Ein Mann und eine Frau, über zwei Meter hoch und in Bronze gegossen.

 

Marlies Sparmann



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