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TV-TipSamstag, 31. Juli 2010, 19.00 Uhr
rbb Heimatjournal
Die Fernsehleute um Carla Kniestedt sind in der Grünberger Straße unterwegs und treffen manch gute alte Bekannte ... |
Die Menschen | Mai 2007
Sonnengott oder Parteisoldat
Der Ex-Bürgermeister Helios Mendiburu ![]() Das habe er schon eingeschränkt, sagt er, das mit dem Rauchen. Damals im Rathaus, während der vielen Sitzungen und zahllosen Termine, habe er locker 40 Zigaretten am Tag weggepafft. Heute kommt er mit einer halben Schachtel aus. Doch es sich gänzlich abgewöhnen, das will er gar nicht. Zu sehr liebt er die Zigarette nach dem Frühstück, und er genießt sie auch beim Kaffee während eines guten Gesprächs. Äußerlich eher asketisch und bescheiden wirkend, scheint Helios Mendiburu tatsächlich ein Genußmensch zu sein. Die Kochbücher im Wohnzimmerschrank deuten darauf hin, die vielen Bilder an den Wänden ebenso. Darunter ein großes aus Vietnam, eine Intarsienarbeit aus Perlmutt, und eine kleine Grafik von Gabriele Mucci, ein persönliches Geschenk des bekannten italienischen Malers. Nebenan im Arbeitszimmer noch mehr geistige Nahrung. Im Bücherschrank nimmt die Lektüre zur deutschen Zeitgeschichte mehrere Regalreihen ein. Auf dem Schreibtisch aufgeklappt liegt Antony Beevors »Der Spanische Bürgerkrieg«. Das Buch hat seine Bewandtnis.
Von Casablanca nach CottbusHelios Mendiburu ist nämlich Spanier. Im Februar 1936 in Madrid geboren, genau eine Woche nach der Wahl, die der Volksfront der vereinten Linksparteien einen großen Erfolg bescherte. Der Vater ist Baske und Kommunist, da kommt für den Erstgeborenen – wie später für die beiden Geschwister – natürlich kein katholischer Vorname in Frage, sondern Helios, wie die alten Griechen ihren Sonnengott nannten. Ein paar Wochen später bricht mit Francos Putsch der Bürgerkrieg aus, der Vater verteidigt als
Nach zwei Jahren kann die Familie mit Hilfe von Genossen auf einem amerikanischen Dampfer nach Bremerhaven fliehen. Mit vier kleinen Koffern kommen sie in Cottbus an. Dort wartet schon ein Mann auf sie, den die Mutter Jahre zuvor als Interbrigadisten in Spanien kennengelernt hatte und mit dem sie in Verbindung geblieben war. Der Genosse ist mittlerweile Polizeichef in Cottbus, sie heiratet ihn. Die Umstellung fällt schwer. Der bitterkalte Winter ’46, die dünnen Anziehsachen, der schlimme Hunger, eine fremde Kultur und Sprache. Helios, nunmehr 10 Jahre, lernt schnell deutsch. »Doch in meinem ersten Deutsch-Diktat in der Schule hatte ich 50 Fehler«, erinnert er sich. Zur Strafe gibt’s zu Hause vom Stiefvater Prügel. Was uns nicht umbringt, macht uns hart, findet dieser. Toleranz erlebte er unter den Nazis nicht und sie bleibt ihm forthin ein Fremdwort. Als er wieder Helios’ Schulranzen kontrolliert und ein Wildwest-Heftchen findet, setzt es abermals Schläge.
Dabei fühlt sich der Junge in der neuen Umgebung wohl. Ihm gefällt es, daß ein neues Leben aufgebaut werden soll, mit Antifaschisten an der Spitze, die wie die Eltern gegen Franco und Hitler gekämpft haben. Doch daß der neue Mann von Mutter ihm die Weltanschauung der Arbeiterklasse mit dem ledernen Schulterriemen einbleuen will, das tut weh. Einziger Trost: Die Mutter fällt ihrem Sohn niemals in den Rücken, hält stets zu ihren Kindern. Bald läßt sie sich von dem Deutschen wieder scheiden. Der große Sohn lernt indessen im Cottbusser Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Schlosser und erlebt dort den 17. Juni 1953. Er muß hilflos zusehen, als einen Tag später der beste Arbeiter des Betriebs verhaftet wird, nur weil ihn die anderen als Vorsitzenden des Streikkomitees gewählt hatten. Vor Wut zerreißt Helios seinen Mitgliedsausweis der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft (DSF) und wirft die Schnipsel aus dem Fenster der Berufsschule. Es sieht keiner. BildungserlebnisseMendiburus Leistungen sind indes so gut, daß er 1955 zum Studium der Romanistik nach Berlin delegiert wird, an die Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) der Humboldt-Universität. Eine Einrichtung, die in der jungen DDR gegründet worden war, um jungen Menschen aus vorher unterprivilegierten Schichten eine höhere Bildung zu ermöglichen. Der wißbegierige junge Mann paukt, nutzt aber auch das vielfältige Kulturangebot der Vier-Sektoren-Stadt. Er lernt Leute aus dem Ostbüro der SPD kennen, ein Kommilitone gibt ihm das Buch »Als Gefangene bei Stalin und Hitler« zu lesen. Die Autobiographie von Margarete Buber-Neumann, der Frau des unter Stalin ermordeten führenden deutschen Kommunisten Heinz Neumann, rüttelt Helios auf. Noch größer der Schock dann 1956. »Das Jahr brach mir das Genick«, meint er und erzählt, wie er mit anderen an der Uni gegen die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn durch die Sowjets protestieren wollte. Anfang November organisieren sie Unter den Linden einen Demonstrationszug, der bis vor die sowjetische Botschaft marschiert. Nach ein paar Wochen sind die »Rädelsführer« verhaftet, am 17. Mai 1957 wird auch Mendiburu in Handschellen abgeführt.
Nach einem Vierteljahr darf ihn die Mutter erstmals besuchen, sie wußte wochenlang nicht über ihren Sohn Bescheid. Ungläubig hört sie dem geliebten Sohn zu, streichelt ihn zärtlich und meint nachsichtlich »Du übertreibst sicherlich.« Noch heute, wenn Helios Mendiburu seine 94jährige Mutter im Seniorenheim am Weidenweg besucht, diskutieren sie zuweilen spanisch-temperamentvoll. Und noch immer nagt an ihrer Überzeugung kein Zweifel, sieht sie in vielem nur »Einzelfälle«, »Ausrutscher«, »Irrtümer«. Nein, Lenins alte Garde ergibt sich nicht, »die Sache« ist heilig. Der Sozialismus ist zur Glaubensfrage geworden – aber auch ein Halt. Die Haltung zu wahren, fällt dem Sohn schwer, als er im Oktober 1957 in Potsdam unter Ausschluß der Öffentlichkeit angeklagt wird wegen »Boykotthetze« nach Artikel 6 der DDR-Verfassung. Das Urteil: zweieinhalb Jahre Zuchthaus. Dann, im Neuruppiner Gefängnis, genau zum 40. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution, sitzt er 20 Tage im verschärften Arrest, lernt aber auch einen VP-Wachmann kennen, der ihm sein Frühstücksbrot schenkt. In jenen Jahren wird in der DDR eine Schwerindustrie aus dem Boden gestampft, Stalinstadt, das heutige Eisenhüttenstadt, mit seinem Eisenhüttenwerk gehört dazu. Mendiburu kommt ins dortige Haftarbeitslager. Die Knochenarbeit zehrt, aber noch schlimmer sind die Kapos, die Barackenältesten, fast alles Schwerkriminelle, die die Mithäftlinge drangsalieren. Der Knast als Universität des Lebens. Am 4. November 1959 wird Helios Mendiburu entlassen, mit 57 Mark in der Tasche. Mit Schlips und KragenIn der DDR gibt es keine Arbeitslosen, aber für politisch Vorbestrafte ist es schwer, eine Stelle zu finden. Die Mutter arbeitet als Telefonistin bei der Reichsbahn und kennt jemanden, der helfen kann. Der Sohn wird Hilfsrohrleger beim VEB Energieversorgung Cottbus. Er macht seinen Job gut, das imponiert dem Kaderleiter. In Mendiburus Personalbogen läßt er einfach die Spalte »vorbestraft« frei und delegiert den jungen Mann zum Ingenieurstudium nach Leipzig-Markkleeberg. Mendiburu leistet ordentliche Arbeit, wird fachlich anerkannt, ansonsten hält er sich aus allem raus. »Mein Mund hatte einen Reißverschluß«, beschreibt er rückblickend seine Abstinenz. Das funktioniert bis zum August 1968. Dann legt der Direktor in einer Dienstbesprechung ein Blatt Papier auf den Tisch: Die Anwesenden sollen mit ihrer Unterschrift den Einmarsch der Sowjets in der ČSSR gutheißen. Mendiburu ist der einzige, der die Klappe aufreißt und nicht unterschreibt. Der Chef empfiehlt ihm ein paar Tage später die Kündigung, doch die Sache verläuft im Sande. Ein paar Kollegen klopfen ihm anerkennend auf die Schulter, richtig so, daß endlich mal einer seine Meinung sagt – flüstern sie unter vier Augen. Zivilcourage ist in dem Ländchen nicht sehr verbreitet, zum »Training des aufrechten Gangs« ermuntert nur ein Buch von Volker Braun. Das ist in Berlin nicht viel anders, wo Helios Mendiburu seit 1974 lebt. Er arbeitet als Kundendienstingenieur und Gruppenleiter bei Monsator und tüftelt u.a. ein wichtiges Projekt bei der Gasversorgung mit aus. Man hat sein Auskommen, wird in Ruhe gelassen, alles geht seinen Gang … bis zum Sommer und Herbst 1989. Mendiburu sympathisiert mit den Forderungen des Neuen Forums nach mehr Demokratie in der DDR, und nachdem am 7. Oktober die SDP gegründet ist, wird auch er Mitglied bei den Sozialdemokraten, fast noch illegal. Die ersten Parteiversammlungen finden im Wohnzimmer eines Pfarrers statt oder in seinem Wohnhaus, im Kellerklub der Hausgemeinschaftsleitung (HGL). Auf den Demos, inmitten der bürgerbewegten Bart- und Kuttenträger, fällt Mendiburu auf, so akkurat gekleidet in Schlips und Kragen. Auch seine Biographie beeindruckt die neuen Genossen. Für die Kommunalwahlen im Mai ’90 stellen sie ihn als Spitzenkandidaten in Friedrichshain auf. Aus Parteidisziplin sagt er zu und ist über Nacht Bürgermeister. Häuserkampf»Zu dem Posten kam ich wie die berühmte Jungfrau zum Kind. Ich hatte von Verwaltungsarbeit absolut keine Ahnung«, erzählt Mendiburu und wundert sich noch heute ein bißchen über seine damalige Unbekümmertheit. »Nachts habe ich Gesetze gebüffelt, tagsüber regiert.« Dem Ingeniör ist nichts zu schwör, sagt der Volksmund, und Mendiburu packt selbst mit an, wenn im Büro Schränke verrückt werden sollen. Wir müssen es besser machen als die Vorgänger, lautet einer seiner Grundsätze. Dazu gehört der Umgang mit Andersdenkenden, in diesem Falle nun die einstigen SED-Genossen. Wegen der bloßen Mitgliedschaft in dieser Partei wird niemand aus der Verwaltung des Stadtbezirks entlassen, Mendiburus persönliche Referentin hat schon beim vorherigen Bürgermeister gearbeitet. Fast nebenbei wächst ein anderes Schlachtfeld: Friedrichshain ist zur neuen Hochburg der Hausbesetzer geworden, die vor allem aus Westberlin und Westdeutschland kommen. Der Bürgermeister kennt die Probleme beispielsweise um die Straßen und Häuser, die schon zu DDR-Zeiten
Nein, ein Vergnügen ist das Regieren in den 90er Jahren in Friedrichshain kaum. Die Abwicklung der Großbetriebe wie NARVA, RAW oder Knorr-Bremse versetzen das Gewissen des Sozialdemokraten in Aufruhr. Aber es regieren die »Treuhändler«. Ähnlich schwer fällt ihm die Entscheidung über die Privatisierung des Wohnungsbestandes in der Karl-Marx-Allee. Doch es gibt nun mal ein »Altschuldengesetz«, und der Verfall der Häuser hatte schließlich schon begonnen, als die volkseigene Wohnungsverwaltung noch schuldenfrei war. Der Bürgermeister will seinen Bezirk nicht zum Armenhaus Berlins verkommen lassen und setzt auf die Mischung aus Arbeiten und Wohnen, auf die kleinen Gewerbetreibenden, Handel und Gastronomie. Um so entsetzter ist er heute angesichts horrender Gewerbemieten im Bezirk. Es fällt ihm schwer, die Leerstände bei Geschäftsräumen zu begreifen und daß nur die Banken und Konzerne die großen Gewinner sind. Er spricht von »Raubtierkapitalismus«, daß ihm Mitmenschlichkeit fehle. Er sei sehr enttäuscht und entfremde sich immer mehr dieser Gesellschaft. Mit seinem Traum von ’89 hat die Gegenwart wenig zu tun. Möglich, daß Mendiburu, der Querkopf im Politikgeschäft, das schon während seiner Amtzeit merkt. Er kandidiert zwar 1998 für den Bundestag, muß freilich als Pragmatiker im Bezirk in Sachfragen sowohl mit der CDU als auch mit der PDS zusammenarbeiten. Kanzler Schröder versteht unter »Neuer Mitte« etwas anderes, und in der eigenen Partei gewinnt der Bürgermeister nicht nur Freunde. Als in Berlin die Bezirksfusion verordnet wird, sieht Mendiburu lieber eine Hochzeit mit Lichtenberg oder Prenzlauer Berg als die Zwangsehe mit Kreuzberg. Nach dem dortigen Bezirksbürgermeister Schulz soll der Chef des neuen Gesamtbezirks selbstverständlich in der Yorckstraße residieren. Aber Mendiburu zückt eine 5-DM-Münze und läßt den Zufall entscheiden. Er setzt auf Kopf und gewinnt – und läßt sich trotz Bitten seiner Genossen nicht mehr für das Amt aufstellen. Als diese dann auf Landesebene auch noch eine Regierungskoalition mit der PDS bilden, gibt Helios Mendiburu sein SPD-Mitgliedsbuch zurück. Brave Parteisoldaten tun so etwas nicht.
Thomas Heubner
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