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Mandy Meier | Mai 2007

Unser schöner Wirtschaftsstandort

Die kindliche Freude stand Dieter ins Gesicht geschrieben. Wie bei einem Pfadfinder, der sich ins Bordell verirrt hat. Natürlich wollte er seine Frau auch daran teilhaben lassen. Deshalb hatte er sich in Unkosten gestürzt und eine Flasche Collinetta, den berühmten Prosecco del Veneto vom Discounter aus der Rigaer Straße, auf den Tisch gestellt. Die übliche Zeremonie fürs häusliche Flatrate-Saufen.

Mandy war nach der Arbeit gerade zu Haus angekommen, da wurde sie von ihrem Gatten schon stürmisch begrüßt. Etwas verstört, aber willig setzte sie sich aufs Sofa und trank einen Schluck von dem prickelnden Vergnügen. Ungeduldig wie ein Feldhamster nach langem Winterschlaf lüftete Dieter sofort das Geheimnis seiner Fröhlichkeit. Am Morgen habe er nämlich am Ostkreuz Nelte und Blumenstein getroffen, zwei alte Bekannte aus seiner Studienzeit an der Ingenieurfachschule, die beiden damals Dozent bzw. Chef am Lehrstuhl Marxismus-Leninismus. Und heute noch habe der eine als Kunde den anderen als Verkäufer an der Currywurstbude gegrüßt mit »Guten Morgen, Genosse Professor!« »Na und«, zuckte Mandy emotionslos mit der Schulter, »sollten sie etwa eine öffentliche Vorlesung zum SED-Unrechts-Bereinigungsgsetz halten?«

Dieter wurde ein bißchen traurig, weil seine Frau ihn wieder einmal mißverstand. Der alte Professor sei ihm Vorbild, versuchte er zu erklären, weil der nicht mit dem Schicksal hadere, sondern Unternehmertum beweise. Und genau das wolle er, Dieter, auch. Eben sich nicht jeden Nachmittag vor der Glotze Zwei bei Kallwass reinziehen, sondern selbständig mittelständischen Wohlstand erwirtschaften. »Mein Lieber«, tätschelte Mandy ihrem Dieter tröstend die Wangen, »mit einer Currywurstbude wird dir das nicht gelingen, in einem Land, wo eingeschweißte Wurst Metzgeria oder Feldjäger heißt. Das trägt die Komik des Scheiterns schon von Natur aus in sich.« Dann sagte sie, Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muß man sich hart erarbeiten, Dieter sollte doch lieber sein Glück als Großinvestor in Friedrichshain versuchen. Denn der Neoliberalismus ist kein Dogma, sondern Anleitung zum Handeln.

Intellektuell schon ziemlich verausgabt, leuchtete das Dieter trotzdem ein. Mit einem Grinsen, das auf jeden FDP-Parteitag passen würde, entwickelte er sogleich den Plan, auf dem ehemaligen RAW-Gelände, dem Revaler Viereck, eine große Traglufthalle für den Bau von Zeppelinen errichten zu lassen. Oder ein Spaßbad mit karibischem Flair, ganz vielen Arbeitsplätzen und Fördermitteln. Dieses Projekt fand Mandy schon wesentlich besser, gab jedoch zu bedenken, daß es im Kiez dramatisch an Golf-, Tennis-, Cricket- und Reitplätzen mangele und ob Dieter nicht besser diese fürchterliche Marktlücke schließen wolle. Mandys Mann nickte beflissen und versprach, schon am nächsten Tag Kontakt aufzunehmen mit Breido Graf zu Rantzau, dem Präsidenten des deutschen Reiterverbandes. Noch einmal kritisierte Mandy ihren Mann: »Wir haben das UNO-Jahr der Chancengleichheit für alle. Da lautet die Devise ›Klotzen statt kleckern!‹« Wenn schon, denn schon – er müsse unbedingt Prinzessin Haya bint Al Hussein, die Präsidentin des Reiter-Weltverbandes, als Lobbyistin für den Wirtschaftsstandort Friedrichshain begeistern. Wenn die erst durch die Boxhagener galoppiere, könne er sein Unternehmen gleich an der Börse dotieren lassen. Und während Dieter seinen Aktien gedanklich schon einen Höhenflug diktierte, blieb Mandy unternehmerisch cool und köpfte die zweite Flasche Collinetta.

 

Thomas Heubner



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