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Die Orte | Mai 2007

Schwof und Saalschlacht

Gegenüber vom Märchenbrunnen, fast an der Ecke Am Friedrichshain/Bötzowstraße, war immer was los. Seit vielen Jahrzehnten, seit mehrere Brauereien an dieser Stelle Biergärten eröffnet hatten. So versammelten sich am 18. März 1873 vor dem Gartenlokal der Aktienbrauerei Friedrichshain etwa 20.000 Lasalleaner, um anschließend zum Friedhof der Märzgefallenen zu ziehen. 1888 wurde in diesem Biergarten ein prächtiger Neorenaissance-Festsaal für 1.400 Gäste eröffnet, projektiert von Max Schilling. Zwei Jahre später drängten sich im Saalbau Friedrichshain 4.000 Menschen, um August Bebels Rede kurz vor dem Fall des Sozialistengesetzes zu hören.

Spätestens seit diesem Datum wurde der Saalbau ein legendärer Ort, vor allem der Berliner Arbeiterbewegung. Die KPD veranstaltete hier im Oktober 1930 eine große Kundgebung gegen den Faschismus, und als die Polizei nach 19.30 Uhr niemanden mehr in den Saal ließ, zogen die Demonstranten zum Königstor. Drei Monate danach kam es an gleicher Stelle zu einem Rededuell zwischen Walter Ulbricht und Joseph Goebbels, nach dem dann die Anhänger – Mitglieder des Rotfrontkämpferbundes einerseits und Angehörige des SA-Sturms »Stettiner Bahnhof« andrerseits – mit Stuhlbeinen aufeinander einschlugen, wobei 60 Menschen schwer verletzt wurden. Goebbels trat auch in den folgenden 30er Jahren noch im Saalbau auf, etwa zu den nationalsozialistischen Volksweihnachts-Veranstaltungen mit Kinderbescherung und Sonderausschüttung des Winterhilfswerks, wobei die Festansprache im Rundfunk übertragen wurde.

Natürlich bot sich der Saalbau auch für kulturelle und Sportveranstaltungen an. Im Juli 1932 boxten hier Rukelie Trollmann und Walter Sabbotke im Halbschwergewicht gegeneinander; und 1933 errang Werner Seelenbinder erstmals auch den Deutscher Meister der bürgerlichen Ringerorganisation und verweigerte bei der Siegerehrung den Hitler-Gruß. Bereits im März 1905 erlebte im Saalbau eine »proletarische Version« von Beethovens 9. Symphonie ihre Uraufführung; wie auch Johann Strauß vor ausverkauftem Haus spielte.

Über mangelnde Besucher brauchte sich die Lokalität auch in späteren Jahren nicht sorgen, nachdem der Saalbau im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und auf seinem Fundament 1957 ein schlichtes Nachfolgegebäude errichtet worden war. Vor allem wurde hier geschwoft und gefeiert, der Betreiber von HO-Gaststätten konnte sich über geringen Umsatz nicht beklagen. Die Berliner FDJ veranstaltete hier ihren Literaturball und beköstigte die Jugendfreunde während der Pfingsttreffen. Zum wöchentlichen Jugendtanz spielten im Saalbau wohl alle namhaften Bands der DDR, und die Soldaten von Grenztruppen und Wachregiment hatten vorher, auf der Toilette im Ostbahnhof, ihre Uniform gegen Zivil getauscht.

Zwar nicht asbestverseucht, aber als marode und baufällige DDR-Altlast wurde der Saalbau 1990 geschlossen und danach abgerissen. Als Zwischennutzer errichteten ein paar Rollheimer hier ihre Wagenburg. Heute residieren auf dem ganz schick neubebauten Areal besserbetuchte Senioren, und zahlungskräftige Wohnungseigentümer genießen die Aussicht auf den Volkspark. Der wehmütige Blick zurück tut also nicht mehr so weh, zumal der alte Saalbau leider auf der falschen Straßenseite stand – jenseits unserer Bezirkgrenze und somit zu Prenzlauer Berg gehörend.

 

Jens-Axel Götze



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