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Das Essen | Mai 2007

Sympathische Mogelpackung

Eine bekannte Adresse ist die Ecke Bänsch-/Proskauer Straße schon seit langem. Spätestens seit den 80er Jahren, als hier eine Institution der Ostberliner Gastronomie residierte – das Stockhausen. Eines jener berühmten privaten Lokale – ähnlich der Stilbruch in Karow oder Stockinger in der Schönhauser Allee –, wo man als Normalsterblicher nur nach wochenlanger Voranmeldung einen Tisch ergattern, dafür aber erlesene Speisen verzehren durfte. Die Wirtsleute dieser Etablissements sollen es in DDR-Zeiten zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben, mußten aber erdulden, daß über sie wilde Gerüchte im Umlauf waren. Etwa daß im Stockhausen das chinesische Essen mit Hundekuchen zubereitet würde. Das hatte sich nach der »Wende« schnell erledigt, in die Ecke zog ein Techno-Club. Ihm folgten im Herbst 2005 zwei Radiomoderatoren. Im Hauptberuf ein Kultduo, erfanden sie das Taugenichts der Biere und versagten jämmerlich mit ihrem Lokal Waschmaschinewsky.

Anfang diesen Jahres wagte Dilaver Arifi, aus Mazedonien stammend, einen Neuanfang. Er baute um, dekorierte neu und taufte sein Restaurant – Ein Brief von gestern. Der Name soll die Atmosphäre widerspiegeln: romantisch, verträumt, behaglich. Entsprechend die Inneneinrichtung mit Weinrot als dominierende Farbe. Im vorderen Raum schwarze Tische und schwarze Lederstühle, am künstlichen Kamin ein Plüschhocker, elektrische Kerzenleuchter, große Spiegel in dicken Goldrahmen. Im hinteren Raum eine Ottomane als Blickfang.

Aber wir wollten nicht faul herumlümmeln, sondern tüchtig dinieren, wozu die ansehnliche Karte geradezu nötigte. Meine Vorspeise war eine Mogelpackung, denn der Salatteller mit vier Käsesorten hätte auch getrost als Hauptspeise für zwei Personen durchgehen können. Sympathisch, daß das junge und knackige Gemüse nicht in irgendeinem Dressing ertrank. Anschließend labte sich meine Begleitung an Canneloni Milanese, mit Käse überbackene und mit Tomate-Hackfleisch gefüllte Teigröllchen für 6,50 Euro. Ich selbst schmauste für 50 Cent weniger, nämlich Putenpelmeni mit Butter und Sauerrahm. Alles war wunderbar, nicht künstlich aufgebrezelt, sondern gediegen zubereitet, nicht zu lasch und nicht zu scharf, eher zu viel als zu wenig auf dem Teller.

Zu mäkeln gab es nur eine Winzigkeit: Die Pelmeni wurden auf der Karte »nach russischer Art« angepriesen, als ob man Peking-Ente nach chinesischer Art empfehlen würde. Aber das hat die nette, aufmerksame, unaufdringliche und schnelle Kellnerin mehr als wieder aufgewogen. Am Ende legte sie mit einem geheimnisvollen Lächeln ein bedrucktes Kärtchen des Restaurants auf unseren Tisch: »Unsere Seelen waren eins, du weißt es. Und werden nie und nimmer trennen sich, es strahlt dein Antlitz voll des Morgenglanzes – Berühr ich dich, so find ich immer mich.«

 

Justus Hackmann

 

Ein Brief von gestern. Restaurant, Bar, Café, Bänschstr. 25, 10247 Berlin, Tel. 030/420 198 52, tägl. ab 16 Uhr geöffnet



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