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Die Momente | Mai 2007
Die Momente
Geier am SchwanenteichSonntagsspaziergang im Volkspark Friedrichshain. In diesem Jahr mußten in Berlin Strom und Bäche zwar nicht vom Eise befreit werden, aber des »Frühlings holden belebenden Blick«, wie Altmeister Goethe schrieb, möchten viele genießen. Die Terrasse vom Café Schönbrunn ist gut besetzt, am Schwanenteich füttern Kinder die Enten. In Nähe der Friedensglocke ragen ein paar Felsbrocken aus der Erde, ein wunderbarer Übungsparcours für mehrere Mountainbiker. Manche führen gewagte Kunststücke vor, der staunenden Blicke vieler Spaziergänger sicher. Auf einmal erhebt sich unter lautem Gekreische ein Vogelschwarm über den Baumwipfeln. »Jetzt nur keinen tödlichen Unfall bauen«, ruft einer der sportlichen Radler, »die Geier kreisen schon über uns!«
FrauenversteherSeumestraße, zwischen Grünberger und Wühlisch. Direkt vorm Eltern-Kind-Café haben sich zwei Frauen und ein Mann aufgebaut, daneben der Nachwuchs im Kinderwagen und zwei Hunde. Offensichtlich eine angeregte und lebhafte Unterhaltung, für den Passanten gibt es kein Durch- oder Vorbeikommen. Doch auf die höfliche Frage wird ihm zuvorkommend Platz gemacht. Noch im Weitergehen hört er den jungen Mann hinter sich fast ängstlich fragen: »Da drinnen ist es wohl sehr frauenlastig?« Komisch, die vielen Kinder im Seumeling scheinen ihn nicht zu beunruhigen. WetterfühligWeil der Sohnemann so lieb und geduldig war, als sich die Mama bei CRAZYNAILS die Fingernägel so schick runderneuern ließ, durfte er zur Belohnung gleich nebenan bei Kraut’s eine köstliche Kartoffelsuppe mit Wiener essen. Danach stiefeln beide zufrieden durch die Colbestraße nach Hause. Es ist kühl und nieselt, kein Spielplatzwetter. Und neugierig fragt der Junge: »Mama, ist es heute kalt oder April?« AusleihstationWochentags, 6.30 Uhr. Klempnermeister Norbert Günther sortiert in seiner Werkstatt in der Gabriel-Max-Straße kurz vor Arbeitsbeginn seine Utensilien. Plötzlich klingelt es. Keine Havarie mit einem verstopften Abflußrohr, sondern eine junge Frau aus dem Haus steht vor der Tür, im Bademantel, mit nassen langen Haaren. »Haben Sie vielleicht einen Föhn, meiner ist kaputtgegangen?« Als ob er sonst nicht mit Absperrhähnen zu tun hätte, sondern seine Brötchen als Modefriseur verdiente, schlurft der Meister nach hinten und bringt den Haartrockner. Die selbstverständlichste Sache der Welt. GeduldsprobeFrüher Abend auf der Grünberger, Kreuzung Simon-Dach-Straße. Der Betrieb nimmt wieder zu, Fußgänger strömen in die angesagten Locations, Autos kreisen verzweifelt auf der Suche nach einem Abstellplatz. An manchen Stellen wird es richtig eng, man muß Slalom fahren. Vor Fahrrad-Cronauer steht ein Auto unbekümmert in der zweiten Reihe, ohne Insassen, die Warnblinkanlage blinzelt aufgeregt. Genau dahinter hat sich ein Polizeiwagen herangeschlichen und wartet geduldig. Nach Minuten schält sich ein Polizist aus dem Fahrzeug und zückt schon Block und Stift. Da kommt aus dem Lokal gegenüber ein Mann gerannt: »Tschuldigung! Habe nur angeliefert. Bin sofort weg!« Der Beamte feuert ihn an: »Aber los! Komm in die Hufe!« – Na bitte, geht doch.
AusrangiertIn dem kleinen Laden in der Kopernikusstraße, fast Ecke Warschauer, gibt es Kinderbekleidung zu kaufen. Freilich nicht solch edle Designerstücke wie etwa in der Fasanenstraße am Kudamm, sondern – wie es für den Kiez hier typisch ist – gebrauchte, anderswo ausrangierte Ware, aus zweiter Hand eben. Manchmal ist die Bude vollgepfropft, manchmal muß die Inhaberin selbst über Trödelmärkte ziehen und gefragte Stücke zum Weiterverkauf besorgen. Oft steht die Eingangstür einladend offen. An einem frühen Nachmittag verharren zwei Männer vor dem Schaufenster. Sie sehen nicht so aus, als würden sie kleinen Kindern etwas zum Anziehen kaufen wollen, benötigen eher selbst dringend neue Garderobe. »Guckt mal«, grölt einer der Kerle ins Geschäft rein, »ein Laden voller Lumpen!« Die Verkäuferin baut sich an der Tür auf, stemmt beide Hände in die Hüften und ruft zurück: »Guckt mal, zwei Arbeitslose!« FamiliengerichtEin wenig Geduld möchtest du schon mitbringen, wenn du an der Fußgängerampel in der Frankfurter Allee stehst und rüber zur Samariterstraße willst. Dann ist es endlich soweit, du hastest über den Damm, kommst aber nur bis zum Mittelstreifen. Denn ein Passant von gegenüber baut sich vor dir auf und ruft fröhlich-überrascht: »So ein Glück und Zufall! Gestern erst habe ich Sie im Fernsehen im Familiengericht gesehen, und jetzt treffe ich Sie hier auf der Straße!« Nun ist die Überraschung auf deiner Seite. Und da du nicht unhöflich sein willst, dauert es seine Zeit, bis der Irrtum, bis die komische Verwechslung aufgeklärt ist. Drei zusätzliche Ampelschaltungen, bis der Verkehrsfluß von Ost nach West wieder kurzzeitig aufgehalten wird. Auch für Schauspieler.
T.H.
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