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Das Gespräch | Mai 2007
Stubenarrest, Kettensäge und Leihgeschäfte
Vor dem Seniorenheim in der Andreasstraße ragt eine hölzerne Figur von ihm in die Höhe. Im Autohaus KOCH in der Persiusstraße sind Bilder und Skulpturen von ihm zu sehen. Und im Hinterhof, bevor man zu seinem Atelier in der Gabriel-Max-Straße kommt, muß man fast über einen ganzen Baumstamm steigen, den Wolfgang Ramisch demnächst auch bearbeiten will. Der Künstler lebt seit 1984 in Berlin und hat seit neun Jahren in Friedrichshain Spuren hinterlassen. Die Friedrichshainer Chronik sprach mit dem 52jährigen.
Ihre Vielseitigkeit überrascht. Sie bearbeiten Holz mit der Kettensäge, malen mit …Öl, Acryl und Tusche, verarbeiten Alltagsgegenstände von Tellern bis Kinderschuhen zu Materialcollagen, bebildern menschliche Körper, Wände oder Decken. An welcher Kunsthochschule oder Akademie wurde Ihnen das beigebracht? Ich habe Malerei leider nie studiert, sondern bin Autodidakt. Das ging in Wuppertal los, wo ich aufgewachsen bin. Auslöser waren meine Eltern, die mir mal dreimonatigen Stubenarrest verpaßt hatten – übrigens nicht völlig grundlos, weil ich meinem Vater 100 Mark aus der Brieftasche geklaut hatte. Und da ich während dieser Zeit in meinem Kinderzimmer auch keinen Krach machen durfte, habe ich mit meinem Tuschkasten gezeichnet. Später habe ich dann richtig Schildermaler gelernt, heute würde man Werbetechniker dazu sagen. Das war sehr abwechslungsreich, beispielsweise mußte ich auch Arbeiten eines Schriftzeichners, Schlossers oder Glasbläsers erledigen.
Also der Job als Einstieg in die Kunst? Nur indirekt. Ich hatte als Geselle sehr gutes Geld verdient, konnte damit aber überhaupt nicht umgehen, wurde von Drogen und Alkohol ziemlich abhängig. Zum Glück hatte ich in einem hellen Moment in Mönchengladbach ein winziges Häuschen gekauft. Dorthin zog ich mich zurück, so als echter Aussteiger. Ich entsagte weitgehend dem Konsum, suchte aber gleichzeitig nach Möglichkeiten, meine Emotionen rauszulassen, meine Kreativität auszuleben. Ich fing an, meinen eigenen und die Körper anderer zu bemalen, Motorräder, Wände, Decken und Stuck in Wohnungen zu verzieren. Eine lange und schmerzhafte Selbsttherapie. Die Kunst war mein Lebensretter.
Prägt ein solcher Lebensweg auch heute noch Ihre künstlerische Arbeit? Natürlich. In allen meinen Arbeiten steckt autobiographisches. In ihnen widerspiegeln sich sowohl Einflüsse von außen als auch innere Anregungen. Beispielsweise lebte ich mal mit einer Frau zusammen, die hatte ein behindertes Kind. Ich liebte beide sehr, mußte aber miterleben, wie die Gesellschaft Behinderte geringschätzt und ausgrenzt. Meine Wut habe ich in Bilder umgesetzt. Oder wenn ich ein »Materialbild« mit Stacheldraht umrahme, dann ist das schon ein Fingerzeig auf die Zwänge und Brutalität dieser Gesellschaft. Und andrerseits ist es so, daß eine neue Liebe mich so glücklich gemacht hat, daß ich dieses neue Gefühl spontan freigeben mußte. Ich habe dann zum ersten Mal dreidimensional gearbeitet und mit einer Kettensäge Holz gestaltet. Später entwickelte sich daraus die Idee, aus Bäumen, die gefällt werden, Skulpturen mit menschlichem Antlitz zu machen. Also im Stadtraum Symbole des Vergänglichen schaffen und zugleich die Sinne der Menschen, das Sehen und Tasten, beleben.
Sie führen auch Auftragsarbeiten für Privat- und Firmenkunden aus. – Wes Brot ich eß, des Lied ich sing? Auftragsarbeiten gibt es in der ganzen Kunstgeschichte. So ist die Renaissance, sind Werke von Michelangelo oder da Vinci undenkbar ohne Auftragsarbeiten. Das ist für mich nichts Anrüchiges. Wenn ich künstlerische Aufträge annehme, muß ich mich nicht von vornherein verbiegen. Ich unterwerfe mich keiner Gehirnwäsche und lasse mich in meiner Kreativität nicht einschränken. Im Gegenteil: Ich suche engen Kontakt zu meinen Auftraggebern, versuche, ihr Vertrauen zu gewinnen, beobachte sie, spreche mit ihnen, versuche herauszubekommen, was sie wollen, mache mir mein Bild. Ihre Vorgabe, das Ergebnis – egal ob Zeichnung, Skulptur, Wand- oder Deckengemälde – ist dann durch mich gebrochen, etwas Eigenes.
Welche Gefühle bewegen Sie, wenn das Eigene bei Fremden ausgestellt wird, wenn Bilder von Ihnen – wie kürzlich auf einer Kunstauktion im KOCH-Autohaus – versteigert werden? Daß meine Kunst andere erreicht, dafür mache ich sie ja. Und wenn ich dafür einen angemessenen Lohn erhalte, um so besser. Schließlich träume ich davon, von meiner Kunst leben zu können. Außerdem finde ich es gut, wenn Bilder von mir nicht nur in Galerien, sondern auch in Büros, Kanzleien, der Glaserwerkstatt in der Krossener oder beim Autohändler in der Persiusstraße zu sehen sind. Den Kunden und Mitarbeitern dort gefällt es, sie empfinden die neue Atmosphäre bunter und wärmer. So entwickeln sich auch Kontakte zu anderen, die Arbeiten von mir leihweise ausstellen wollen. Und durch die Zusammenarbeit ergeben sich wiederum neue Möglichkeiten. Beispielsweise wollte Thomas Greitzke, der Geschäftsführer vom Autocenter KOCH, von mir einen Unterrichtsgutschein für seinen Bruder, damit dieser bei mir lernt, wie man mit der Kettensäge Holz bearbeitet. Daraus entstand dann die Idee mit der Ausstellung im Autohaus, zuerst für drei Monate geplant, nun können die Exponate zwei Jahre hängen und stehen. Nicht zuletzt darf ich auf dem Autohaus-Gelände nach Lust und Laune mit meiner Kettensäge hantieren, ohne Rücksicht auf schlafende Nachbarn nehmen zu müssen. Das ist auch viel wert.
Die Friedrichshainer Chronik dankt für dieses Gespräch.
Mit Wolfgang Ramisch sprach Thomas Heubner.
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