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Die Straßen | Mai 2007

Strausberger Platz

Für Leute, die aus dem Westen kommen, also aus Mitte, könnte das Eintrittstor nach Friedrichshain nicht imposanter sein: Zwei Turmhochhäuser markieren den Platz, der von einer elliptisch angeordneten Gebäudegruppe umrahmt wird. Die Häuser sind repräsentativ gestaltet, aus aufwendigen Materialien, mit Bauschmuck und Arkaden im Erdgeschoß.

Die Bebauung des Platzes von 1952 bis 1955 erfolgte unter Leitung des Architekten Hermann Henselmann, und während die übrigen Gebäude der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) in traditioneller Ziegelbauweise erbaut wurden, errichtete man die beiden 14geschossigen Hochhäuser als Montagebauten aus Stahlbetonfertigteilen. Im Haus des Kindes gab es neben Wohnungen ein Kinderkaufhaus, Kindergarten und Puppentheater ím obersten Stockwerk ein Kindercafé, an dessen Eingang ein Schild stand: »Erwachsene nur in Begleitung von Kindern«. Das gegenüberliegende Haus Berlin beherbergte Cafés, eine Nachtbar und mehrere Restaurants, von denen das im Erdgeschoß bis heute überleben durfte.

In der Mitte des Platzes befindet sich seit 1967 auf einer Rasenfläche ein großer Brunnen, den Fußgänger nur unter Lebensgefahr erreichen können, weil der ständig tobende Kreisverkehr mit seinen zahlreichen Fahrspuren ein fast unüberwindliches Hindernis darstellt. Der vom Kunstschmied Fritz Kühn geschaffene Brunnen besteht aus 16 geschmiedeten Kupferplatten mit Ornamenten und trägt den Namen »Schwebender Ring«. In den letzten Jahren ließ der notleidende Bezirk den Brunnen meist vertrocknen, aber ab diesem Frühjahr sollen Kraftfahrer das Wasserspiel mit seiner 18 Meter hohen Fontäne wieder als Autowaschanlage nutzen können, freilich nur bei günstigem Wind. Daß der Brunnen vom Volksmund als »Nuttenschnalle« bezeichnet wurde, ist hingegen nur Legende, verbreitet etwa von einem in Köln erschienenen Reiseführer, mit dem die Autoren Insiderwissen vorgaukeln. Ähnlich wie beim Fernsehturm am Alex, den niemand wirklich »Telespargel« nannte, außer vielleicht Lotte Ulbricht.

Seinen Namen verdankt der Platz einem Städtchen im Landkreis Märkisch-Oderland, östlich der Hauptstadt gelegen und noch mit der S-Bahn erreichbar. Der Ort erlangte eine gewisse Berühmtheit, nachdem sich dort seit 1957 das Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR und das Kommando der Luftstreitkräfte der NVA angesiedelt hatten. Die Entmilitarisierung im Brandenburgischen ist jedoch nicht weit vorangeschritten, heute noch ist die Bundweswehr größter Arbeitgeber in der Stadt.

Der in den 50er Jahren angelegte Strausberger Platz liegt rund 50 Meter weiter östlich als sein Vorgänger, der im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde und den es ungefähr seit der vorletzten Jahrhundertwende namentlich als Straßenkreuzung von Großer Frankfurter, Kraut-, Weber- und Strausberger Straße gab. Der Platz gehörte seit 1730, seit dem Bau der Akzisemauer, zu Berlin. Vordem, im Mittelalter, befand sich in der Nähe der Rabenstein, der Richtplatz Berlins.

Hier wurde auch Hans Kohlhase 1540 durch Vierteilen am Rad hingerichtet, dem Heinrich von Kleist fast 300 Jahre später mit seinem »Michael Kohlhaas« ein literarisches Denkmal setzte. Der Kaufmann von der Fischerinsel hatte es mit dem Handel von Pferden, Speck, Honig und Heringen zu Ansehen und Wohlstand gebracht. 1532, auf dem Weg zur Michaelismesse in Leipzig, wurden ihm vom Junker von Zaschwitz zwei Pferde weggenommen. Kohlhase klagte vor einem adligen Gericht, fühlte sich mit dem Urteil in seinem Rechtsempfinden verletzt und begann gegenüber dem Land Sachsen Selbstjustiz zu üben. Als er zwischen Potsdam und Berlin einen Silbertransport des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg überfallen hatte, machte er sich auch noch diesen zum Feind. Kohlhase wurde gehetzt und schließlich in Berlin verhaftet. Im Prozeß hielt Kohlhase eine dreistündige Verteidigungsrede und lehnte jegliches Schuldeingeständnis ab. Doch das Urteil stand längst fest, am 22. März 1540 wurde er auf dem Rabenstein hingerichtet. An den aufrechten Empörer mit seinem Gerechtigkeitssinn wie an den Ort des Geschehens erinnerte 1952 auch Rudolf Herrnstadt, seinerzeit SED-Chefideologe, der dann später in Ungnade fiel: »Auf dem Strausberger Platz wurde vor 400 Jahren Michael Kohlhaas hingerichtet. Wir werden ihm kein Denkmal setzen. Denn so sehr wir mit jedem sympathisieren, der für das Recht mit dem Kopf durch die Wand geht, – ein Roßhändler, der wegen zweier Gäule um die er betrogen wurde, einen Partisanenkrieg entfesselt, ist für uns nicht die geeignete Figur für ein Denkmal.«

 

Während auf den Genossen Herrnstadt nichts mehr hinweist, gibt es für Hans Kohlhase auf der Fischerinsel eine Stele. Und an die Barrikadenkämpfer vom März 1848 erinnert am Strausberger Platz eine Gedenktafel. Ansonsten herrscht rundum – vom Verkehr abgesehen – eine gewisse Gelassenheit. Es geht bürgerlich-gediegen zu, manchmal fast nobel. In der Ladenzeile Restaurants, Friseur, Sanitätshaus und Apotheke, Reisebüro, eine Tanzschule, eine Geschäft für modische Sportklamotten, ein Laden für exquisite Designermöbel und -accessoires, eine vornehme Galerie. Manchmal scheint die zahlungskräftige Kundschaft auf sich warten zu lassen, wie vor ein paar Wochen der Edelitaliener erfahren mußte. Am Schließungstag, als die Zwangsräumung vollzogen werden sollte, hatte das Gourmetrestaurant noch zu einer Buchpremiere geladen. Titel des Werkes: »Das letzte Gericht«.

 

Marlies Sparmann



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